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„Hitlers erster Feind“ – eine packende Studie

Stefan Aust
Stefan Aust © Foto: MZV
Erhard Herrmann / 31.01.2017, 08:23 Uhr
Mötzow (MZV) (geh) "Von hohen Führern des Regimes wird heute gern die Wendung "auf den Knopf drücken' gebraucht. Alle Juden wird man in einem großen Raum versammeln und dann durch Knopfdruck das Gas auslösen." Das schrieb Konrad Heiden um die Jahreswende 1938/39 vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939, bevor man die Vernichtungslager in Auschwitz, Majdanek und Treblinka baute und mit der fabrikmäßigen Vergasung von Millionen Juden begann. "Hitlers erster Feind - Der Kampf des Konrad Heiden", so lautet der Titel des neuen Buchs, das Journalist Stefan Aust geschrieben und auf dem Domstiftsgut in Mötzow vorgestellt hatte. Eingeladen hatte der Brandenburger Kulturverein. Stefan Aust ist mehr durch Zufall auf den Berufskollegen gestoßen. "Eine Erstausgabe von Heidens Hitler-Biographie bekam ich zum 60. Geburtstag. Sie lag unbeachtet ein paar Jahre im Regal, bis ich sie in die Hand nahm und mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte", plauderte Aust ganz locker aus dem Nähkästchen. Nach und nach entstand eine beklemmende Atmosphäre unter den 300 Zuhörern, darunter Ex-Außenminister und Bald-Bundespräsident Frank Steinmeier. "Heiden sah den Aufstieg Hitlers zur Macht, als viele diesen nur als hetzende Eintagsfliege betrachteten. Heiden hatte recht. Es kam so schlimm, wie er prophezeit hatte, sogar noch schlimmer", erzählte Aust. "Wenn der Führer durch die Tür kommt, steigt alles auf die Tische, die Versammlung ist ein einziges wildes Gestikulieren. Singen, Heilrufen, Armheben. Das Gemeinsame und Wesentliche ist immer, dass das Publikum rastlos mitarbeitet, bis zu dem Gefühl, dass man nur ein Stück einer einzigen, in einer zusammengeschweißten Willensgemeinschaft ist." Die große Gabe waren seine genaue Beobachtung und die detaillierte Beschreibung der Adolf-Hitler-„Performance“. Auch der Begriff „Nazi“ soll übrigens erstmals aus Heidens Feder geflossen sein. Für viele im Lämmerstall des Domstiftgutes klang es fast unglaublich, was Konrad Heiden alles publizierte. Vor allem aber wie früh. Bereits im Dezember 1932 erschien im Rowohlt-Verlag von ihm die „Geschichte des Nationalsozialismus“. Wenig später folgt die „Geburt des Dritten Reichs“ und 1936 die erste Hitler-Biographie überhaupt. „Und die wird ein Bestseller. Rund 80.000 Exemplare wurden in Deutschland verkauft; zudem wurde sie in mehrere Sprachen übersetzt“, erklärte Stefan Aust. Heiden trug und stellte alles Gesehene und Gehörte zusammen, bis ein schlüssiges Bild entstand. Informant war Otto Strasser, einst treuer Gefolgsmann des Diktators, er liefert ihm Zitate auch aus geheimen Gesprächsrunden mit Hitler.

„Es ist Nacht in Deutschland. 77 Millionen Menschen schlafen. Doch die Getreuen schlafen nicht. Einer wacht über sie alle. Hin und wieder glänzt ein Feuerschein. Geht nicht so nah ran, schlaft lieber weiter. Diese Nacht ist nichts für euch. Das Dunkle langt nach dem Dunkeln“, beschrieb Heiden die Pogromnacht vom 9. November 1938 in einer Publikation . Niemand, nicht einmal die betroffene jüdische Bevölkerung, wollte ihm glauben, dass auf unvorstellbar grausame Taten noch viel grausamere folgen würden.

Nicht weniger interessant die anschließende Diskussionsrunde. „Die deutschen Politiker dürfen sich die Welt nicht schönreden und an der Basis vorbei regieren. Sie müssen sich die Frage stellen, warum man in Deutschland nach Lösungen bei Parteien sucht, bei denen man es eigentlich nicht tun sollte“, Stefan Aust fand klare deutliche Worte. Unglaublich seine Recherchen und Ausführungen zum Berlin-Attentäter. „Anris Amri wollte vor dem Attentat über die Schweiz nach Tunesien ausreisen. Deutsche Behörden stoppten den Reisebus und hielten ihn fest, um die offiziellen Papiere für seine Ausreise zu beantragen“, schilderte der ehemalige „Spiegel“- und „Welt“-Chefredakteur. Der gültige Ausweis war im Besitz seiner tunesischen Familie. „Keiner der deutschen Behörden ist überhaupt auf die Idee gekommen, dort einfach einmal nachzufragen. Dies sagt einiges über die Missstände in Deutschland aus. Es muss einfach mehr politischen Wechsel in Deutschland geben “, so Aust weiter.

Die Zuhörer erlebten einen spannenden interessanten und lehrreichen Abend, von denen es viel mehr geben sollte.

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