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Wurzelschlagen durch gemeinsames Gärtnern

Anja Rütenik / 06.07.2017, 18:39 Uhr
Neuruppin (RA) Tomaten, Bohnen, Radieschen und Erdbeeren: Vor dem alten Paulinen-auer Bahnhof in Neuruppin wächst und gedeiht es prächtig. Seit Kurzem gibt es dort einen Integrationsgarten für Geflüchtete. Die meisten von ihnen haben auch in ihrer Heimat Land bewirtschaftet.

Erst vor Kurzem sind Bienen auf dem WoMeNa-Gelände eingezogen, auf dem die Wohnungsbaugesellschaft (WBG) ein nachaltiges Wohnprojekt startet (RA berichtete). Seit einigen Wochen bevölkern außerdem Hobby-Gärtner die Fläche am alten Paulinenauer Bahnhof. 13 Familien haben hier Beete angelegt, Obst, Gemüse und Blumen gesät oder gepflanzt und pflegen sie seither liebevoll. Der Verein Esta Ruppin hat "InGa & Pauline", wie sich das Projekt nennt, ins Leben gerufen.Die Idee dafür gab es schon länger. Konkret wurde es aber erst vor wenigen Wochen. "Das ging dann ganz schnell", sagt Sven Jüppner, der den Integrationsgarten betreut. "Die Flächen waren innerhalb von fünf Minuten verteilt."

Für die meisten derjenigen, die hier pflanzen, gießen und jäten, gehörte der Anbau von Obst und Gemüse in ihrer Heimat zum Alltag. Umso dankbarer sind die aus Syrien, Iran und Tschetschenien stammenden Familien für die Möglichkeit, hier etwas für ihren Eigenbedarf anbauen zu können. "Wir möchten den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, hier Wurzeln zu schlagen und anzukommen", beschreibt Projektleiter Sven Jüppner das Ziel von "InGa & Pauline". Die gemeinschaftliche Arbeit und die Begegnung dabei stehen im Vordergrund. Themenmangel herrscht hier nicht, immer gibt es etwas zu besprechen oder zu fachsimpeln. Notfalls dolmetschen die Kinder, die zumeist schon gut Deutsch sprechen.

Gleich mehrere von ihnen wuseln auf dem Gelände herum, helfen beim Gießen oder spielen miteinander. Galina Güthenke, die aus der Ukraine stammt, ehrenamtlich bei Esta Ruppin arbeitet und auch ein Beet bewirtschaftet, freut sich darüber. "Es ist wichtig, dieses Wissen zu erhalten", sagt sie. "Viele Kinder wissen heutzutage nicht mehr, wo eine Kartoffel herkommt."

Die meisten Familien kommen jeden Tag zur Pauline, ob zum Gießen, zum Unkrautjäten oder einfach, um sich draußen zu treffen. An diesem Nachmittag, einem der ersten in den vergangenen Tagen mit schönem Wetter, ist die erste Versammlung angesetzt. Kaffee steht schon auf dem Tisch, und auch ein Flipchart steht bereit. Auf der Tagesordnung stehen die Öffnungszeiten des Gartens. Das Gelände ist frei zugänglich, doch die Zeiten, in denen Projektmitarbeiter ansprechbar und die Gemeinschaftsräume und Toiletten geöffnet sind, müssen besprochen werden.

Saatgut und Setzlinge hat jeder selbst organisiert. Die Gartengeräte hat sich das Team für den Anfang unter anderem vom Bauspielplatz ausgeliehen. Künftig soll die Ausrüstung gemeinschaftlich angeschafft werden, indem jeder einen kleinen Teil beisteuert. Das nächste Projekt: Ein neuer Gartenschlauch muss her. Ebenfalls geplant ist, die kleine Laube neben den Beeten herzurichten. Dort sollen Geräte lagern und spätestens im kommenden Frühjahr ein Hühnerstall entstehen.

"Es ist Learning by Doing", sagt Galina Güthenke. Ihr macht es Spaß, herauszufinden, welche Pflanzen sich miteinander vertragen. Lediglich die Nacktschnecken, die abends aus dem Gebüsch gekrochen kommen und sich über das junge Gemüse hermachen, bereiten ihr Sorgen. Schneckenmittel kommt nicht in Frage. Denn für die Initiatoren steht fest: Chemie ist im Integrationsgarten unerwünscht. Daher werden die schleimigen Plagegeister jeden Abend fleißig eingesammelt.

Interessant ist für Galine Güthenke auch, zu sehen, wie unterschiedlich die Gärtner ihre Beete bestellen. Hasan Taha etwa hat seine Zucchini, Gurke, Paprika und Tomaten in kleine Löcher gepflanzt, die er zuvor gebuddelt hat. So hat er es von seinem Vater gelernt. Seit einem Jahr lebt der Syrer in der Fontanestadt. Bevor er mit seiner Familie nach Deutschland kam, war er Englisch-Professor an der Universität von Aleppo. Während er mit der Hacke in seinem Beet arbeitet, berichtet er stolz davon, dass er in der vergangenen Woche den B1-Sprachtest bestanden hat und nun Arbeit sucht.

WoMeNa-Projektleiter Heiko Weißenfels freut sich, dass das Gelände durch den Integrationsgarten belebt wird. Er wünscht sich, dass es künftig gemeinsame Grillfeste mit den Anwohnern der umliegenden Gebäude gibt. Die Chancen stehen gut: Die zwei Nachbarinnen jedenfalls, die an diesem Nachmittag den Garten besuchen, sind begeistert von dem Projekt.

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