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Geflüstertes Vertrauen

Andrea Linne / 06.08.2017, 07:00 Uhr
Hobrechtsfelde (MOZ) Dass ein Pferd über eine Leinwand trabt, kann bei Antonia Gerke schon mal vorkommen. Die Schauspielerin und Tierpsychologin ist eine vielseitige Frau. In Hobrechtsfelde etabliert sie gerade ihre Pferdekultur. Die Verbindung von artgerechter Haltung der Ponys und Wildpferde mit der Umweltbildung von Kindern schaffen dafür die Basis.

Kleine Fältchen umspielen die hellen Augen der jungen Frau. Man möchte fast hineintauchen, so tief leuchtet das Blau darin. Zierlich sind die Hände und der Körper, schmutzig die Nägel. Auch die helle Leinenbluse zeigt Zeichen von Stallarbeit.

Denn Antonia Gerke arbeitet schwer, um ihrem Traum näher zu kommen. Dem von der Pferdekultur am Gut Hobrechtsfelde. Sie will kein Reiterhof sein, der von Einstellpferden lebt oder einer großen Reithalle. Ihr Wunsch ist es, die artgerechte Haltung von Pferden und Mulis auf den weiten Wiesen des ehemaligen Stadtgutes Kindern und Erwachsenen nahe zu bringen. Striegeln ist da noch das Geringste.

Die Basis bildet eine Ponyherde, die sich auf dem Gelände frei bewegt. Mio, ein rotes Tier, ist zugewandt, mutig und als Botschafter auch für Hospizkinder vom Sonnenhof geeignet. So legt sich Mio hin, wenn Antonia Gerke redet, ihm Vertrauen einflüstert.

"Das ist bei den Tieren keine Selbstverständlichkeit, denn Pferde sind Steppen-, Flucht- und Herdentiere", verdeutlicht sie ihren Ansatz. Reiten als Umweltbildung, nicht, um die Tiere zu zwingen, wider ihre Natur zu agieren, das ist ihr wichtig. "Es geht mir um die Kultur des Pferdes", stellt die Tierpsychologin fest. Sie hat sich nach ihrem Schauspielerdasein, das ein ewiger Kampf um Rollen war, auf die Schulbank gesetzt und dieses Fach studiert. Als Pferdeflüsterin will sie dennoch nicht gelten. "Es ist so viel mehr", sagt sie bescheiden und klar. "Ich möchte die Tiere begreifen." Den wahren Dialog zwischen Mensch und Tier, den möchte sie vermitteln.

Schon als Kind liebte die gebürtige Elmshornerin Pferde, sie arbeitete bei einem Tierarzt und half, die kleinen und großen Vierbeiner zu versorgen. Auch Reiten erlernte sie. Dann war 18 Jahre Pause. Sie arbeitete als Schauspielerin, bekam zwei Kinder, trennte sich, fand in Neithardt Riedel, einem Drehbuchautor, ihren verlässlichen Partner. "Ich hatte einfach keine Zeit", sagt sie rückblickend. Bis die 42-Jährige auf Hobrechtsfelde stieß. "Zunächst habe ich mit meinem Kunstprojekt angefangen", erinnert sie. Das war ungefähr vor sechs Jahren. Die Bilder sind farbenfroh, manchmal auch im Zauberspiel der Farben verwoben. Pferdehufe darauf hinterlassen ganz einzigartige Eindrücke von Naturgebilden und frei laufenden Tierkörpern auf Weiden oder zwischen Wolken. "Aus meinem Kunstprojekt hat sich dann die neue Leidenschaft entwickelt", erzählt die schlanke, schöne Frau, während sich der Regen jenseits des Scheunendaches in Blubberblasen ergießt und riesige Pfützen hinterlässt.

Die Ponys und Koniks auf der Weide stört das gar nicht. Sie sind ganzjährig draußen, auch wenn sich Schneeflocken im Fell kräuseln. "Die Ponys waren da, es gab einen Streichelzoo", erzählt Antonia Gerke weiter, während sie beim Erinnern die Augen ein wenig zusammenkneift und scheinbar in die Ferne blickt. Auf 800 Hektar grasen Pferde und Rinder der Agrar GmbH Hobrechtsfelde, die angrenzend an den Naturpark Barnim ihr Gut betreibt. "Ich habe freie Hand, das genieße ich sehr", sagt die Tierversteherin. "Hobrechtsfelde erdet mich. Es gibt viele kreative Menschen hier, aber ich liebe diese Bodenhaftung."

Die Freude über die Arbeit mit den Tieren macht die zierliche Person ungemein stark. "Die Ponys wurden nicht wirklich genutzt, deshalb hatte ich die Idee, Menschen an die Hand zu nehmen und pädagogisch zu betreuen", führt sie ihren Gedanken weiter. Die Dorfbewohner, die ihr helfen, sitzen ganz nah und hören zu. Einige haben wieder eine Aufgabe gefunden in der Nähe von Antonia Gerke, andere schauen gern auf einen Schwatz vorbei. Gemeinsam wird geraucht, geredet, über das Wetter, das Futter, eben alles, was zur Tierhaltung gehört. Ein dickes Pony trabt heran. Mit dabei im Tross ist Muli Tosca, ein Weideunfall mit langen Ohren. Wild springt es herum, um sich ein Leckerli aus Antonias Hand zu schnappen.

Die Arbeit ist hart, der Kampf um den Erhalt ihrer Idee schwer. Doch auch als Schauspielerin hat die Berlinerin kämpfen gelernt, den Biss ausgebildet, dranzubleiben. Gerade möchte Antonia Gerke einen eigenen Verein der Pferdekultur gründen. Die bürokratischen Hürden sind mindestens so hoch wie beim Vorsprechen in München. Sie beobachtet ruhig die Tiere, legt ihre Hände auf den Hals eines der Kleinpferde, zieht Kraft aus dieser wilden ungestümen Lebensform. Auch die Koniks wachsen ganz frei auf. Sie leben artgerecht in einer Herde, sind gut sozialisiert und von stämmigem Körperbau. Die ursprünglich polnische Rasse, erzählt Antonia Gerke, sollte zum Tarpan zurückgezüchtet werden, was nicht gelang. "Es sind keine Leistungssportler, aber für meine Zwecke sind sie ungemein geeignet", schätzt die Pferdefrau ein. "Sie sind personenbezogen, passen gut auf, wenn Kinder in der Nähe sind." Erst mit fünf Jahren werden die Tiere eingeritten, bis dahin laufen sie ohne Sattel. Auch die Shetlandponys von Hobrechtsfelde dürfen drei Jahre toben, ehe sie geritten werden. Alle sechs Wochen schneidet der Schmied die Hufe aus. Im Winter wird Heu zugefüttert, sonst reicht das Gras der Weiden.

Die Empathie für Pferde wurde der jungen Frau schon in die Wiege gelegt. Jetzt mit dem Studium der Tiernaturheilkunde und -psychologie hat sie sich auch mit deren Verhalten beschäftigt, mit der Ethnologie und Evolutionstheorie. "Was ist normales Verhalten? Was nicht?", fragt sie ein bisschen zu sich selbst. Und hat dabei vor allem den Menschen im Blick. Denn als Tierpsychologin sind nicht nur die Vierbeiner Subjekte ihrer Arbeit, die sich auffällig oder artgerecht verhalten. Oftmals fehlen dem Tierhalter, dem Reiter Kompetenzen, das Tier zu verstehen und zu führen.

Mit der Pferdekultur möchte die Pferdeliebhaberin einen Spagat schlagen zwischen der zunehmenden Vermenschlichung von Tieren, die sie nicht gut heißen kann, und der Führungskraft des Menschen. "Ich muss auch diesen Vertrauen lehren", schätzt sie ein. Zurückhaltend spricht sie, so, als könne ihr das Mächtige in der Natur der Menschen ein bisschen Angst machen. Nur dann könne die Arbeit mit dem Tier gelingen.

"Sind die Koniks respektlos, weiß ich, dass sie kein Vertrauen in genau diese Führungskraft der Person haben", erläutert sie.

Ihr Haar, das die agile Frau in den hellen Reithosen nach hinten gebunden hat, fällt ab und an in Strähnen wild ins Gesicht. Fast so, als ließe es sich nicht bändigen. "Es geht hier nicht nur ums Reiten, sondern darum, das Tier zu begreifen."

Wenn sie Zeit zwischen Kindergruppen und Familie findet, dem Organisieren von Terminen mit Gästen und der Arbeit auf dem Gut, dann gibt sie noch Coaching-Kurse. Menschen, die ihre Stimme nicht richtig einsetzen oder unsicher in Führungspositionen gehen, erhalten bei ihr das nötige Rüstzeug. "Die Tiere geben sofort Feedback, wenn etwas nicht hinhaut", sagt sie und verscheucht mit den beringten Fingern eine hartnäckige Mücke, die sich wieder und wieder auf ihren Hals setzen will. "Pferde sind ein Spiegelbild der Persönlichkeit des Menschen", weiß sie aus ihrer Arbeit.

Von Ende März bis Weihnachten dauert die Saison, dann haben die Tiere ihre Ruhe und grasen auf den weiten Koppeln. Zum Weihnachtsmarkt, einem letzten Höhepunkt mit Krippenspiel, laufen die Ponys, Mulis und Koniks noch einmal zu großer Form auf. Dann ist Schluss.

Vielleicht kommt Antonia Gerke dann wieder mehr zum Malen. Vielleicht rekrutiert sie aber auch Fördermittel für die Pferdekultur und entwickelt die Ideen von der Umweltbildung. "Wissen Sie, mein Großvater hatte Lederreitstiefel. Als ich sechs Jahre alt war, wurde mir versprochen, sie zu erben. Bis heute habe ich keine", lacht Antonia Gerke. Die fröhlichen Fältchen umspielen ihre blauen Augen.

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