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Zeitzeugin aus NKWD-Speziallager Weesow Hertha Graetz erinnert sich an Haftzeit und Marsch nach Sachsenhausen

Für ein paar Zigaretten denunziert

Erinnert sich genau: Hertha Graetz, denunziert und im NKWD-Lager inhaftiert, hier mit Hans-Joachim Spiegel von der CDU-Stadtverband Werneuchen beim Gedenken in Weesow.
Erinnert sich genau: Hertha Graetz, denunziert und im NKWD-Lager inhaftiert, hier mit Hans-Joachim Spiegel von der CDU-Stadtverband Werneuchen beim Gedenken in Weesow. © Foto: Renate Meliß
Renate Meliß / 04.09.2017, 05:23 Uhr
Weesow (MOZ) Stille. Wolken ziehen am blauen Himmel. Wiesen, Felder und Weiden soweit das Auge blickt. In der Luft liegt der Duft des Sommers an diesem Morgen. Vor 72 Jahren gab es eine andere Zeit hier in Weesow. "Es sind für mich immer schlimme Erinnerungen, jedes Mal wenn ich hierher komme", erinnert sich Hertha Graetz. Die heute 92-jährige Hirschfelderin war einst selbst im Speziallager des NKWD, des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten bei der sowjetischen Geheimpolizei, interniert.

Als der Werneuchener CDU-Stadtverband zur Gedenkveranstaltung einlädt, sind die Erinnerungen wieder lebendig. "Es waren ja auch sehr viele junge Männer hier, unter anderem aus Bernau, Klosterfelde, Zerpenschleuse, Eberswalde und Hirschfelde", erzählt die Seniorin leise. Für Zigaretten habe sie jemand denunziert, wie viele andere auch. Das Lager in Weesow - eingerichtet in fünf Ställen ortsansässiger Bauern - bestand von Juni bis August 1945. Etwa 6000 Menschen - vom Jugendlichen bis zum Greis - waren hier nach dem Zweiten Weltkrieg interniert. 800 bis 1500 starben an Ruhr, Hunger und seelischem Leid. Aufgearbeitet wurde das Kapitel erst nach 1989. In der DDR herrschte Schweigen. Nur wenige Namen sind bis heute überliefert.

Von Weesow trieben die Soldaten die Häftlinge nach Sachsenhausen. "Es waren solche Holzlatschen, über die man ein Stück Stoff gezogen hatte, auf denen mussten wir los", erinnert sich Hertha Graetz. Die Ankunft in Sachsenhausen war für die Überlebenden ein Schritt direkt ins damals gerade erst befreite Konzentrations- und Vernichtungslager. Von 1938 an residierte dort, wo heute das Finanzamt untergebracht ist, die SS von Heinrich Himmler als Inspektion der Konzen trationslager in einem von Häftlingen erbauten repräsentativen Gebäude am Rande des KZ Sachsenhausen. Die verwaltete 32 Hauptlager mit mehr als tausend Nebenlagern, Mordstätten ungeahnten Ausmaßes. Etwa 100 SS-Männer entschieden über Zwangsarbeit, Experimente und Massenmord.

Drei Jahre lang bis 1948 musste Hertha Graetz auf diesem Areal in Gefangenschaft ausharren. "Dort habe ich in der Küche gearbeitet und brachte zwei Hirschfeldern jeden Abend Essen. Hab's ihnen durchs Fenster gereicht", erinnert sie sich.

"Schon der Umstand, dass ein solches Vernichtungslager weiter genutzt und den Menschen zu DDR-Zeiten nichts davon vermittelt wurde, ist eine schwere Last für alle Betroffenen", formuliert Peter Dombrowski, CDU-Landtagsabgeordneter und Vizepräsident des Landtages. Dabei hätten diese Menschen Anteilnahme und Respekt verdient.

Zeitzeugen wie Hertha Graetz gibt es kaum mehr. Um so wichtiger sei die bewusste Wahrnehmung, gerade auch für junge Menschen, betonte auch Hans-Joachim Spiegel, Vorsitzender des Werneuchener CDU-Stadtverbandes. Pfarrerin Ellen Unterdörfler bat um eine Schweigeminute.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es bis 1950 zehn Speziallager, darunter in Buchenwald und Sachsenhausen.

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