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Kutscher Carl Moll liegt in Glienicke begraben / Seine Zweitkarriere begann er dort als Gastwirt

Wo Fontanes Fuhrherr ruht

Einfach, aber gepflegt: Sieglinde Kranewitz kniet am Grab von Carl Moll und seiner Frau Emilie
Einfach, aber gepflegt: Sieglinde Kranewitz kniet am Grab von Carl Moll und seiner Frau Emilie © Foto: MOZ/Jörn Tornow
Tatjana Littig / 08.09.2017, 06:20 Uhr
Glienicke (MOZ) Friedhöfe und alte Grabstätten haben für viele Menschen etwas Faszinierendes. Das Oder-Spree Journal hat Geschichten rund um Friedhöfe recherchiert - heute in Glienicke.

Theodor Fontane bevorzugte, sich bei seinen Fahrten zum Kutscher auf den Bock zu setzen. So steht es in der Broschüre von Wolfgang Looschen aus Rauen geschrieben. Im April 1881 nahm der Schriftsteller neben Carl Moll Platz, um sich durch das "Beeskow-Storkow-Land" kutschieren zu lassen - eine Begegnung, die beide Männer tief beeindruckte.

Carl Moll wurde 1847 bei Köslin/Koszalin - einst Hinterpommern und heute Teil der polnischen Woiwodschaft Westpommern - als Sohn eines Kleinbauern geboren. Mit 20 Jahren meldete er sich freiwillig zum 1. Ulanen-Regiment in Potsdam, wo er als Offiziersbursche "die artigen Formen" lernte. Der Deutsch-Französische Krieg führte ihn 1870/71 nach Frankreich. Viel Leid musste er dort ertragen: "Besonders mitgenommen, ergriffen und erschüttert war er, als er bei einem Patrouilleritt mit seinem besten Kameraden und Freund dessen Tod miterleben musste", schreibt Looschen. Nach Kriegsende ging Carl Moll zurück nach Potsdam. Warum er wenig später in Fürstenwalde auftauchte? Das ist nicht bekannt. Überliefert ist aber, dass er dort auf Emilie Hoffmann stieß.

Emilie Hoffmann, die eigentlich Wilhelmine Marie Emilie Auguste Hoffmann hieß, wurde 1851 in Görzig geboren. Sie war die Tochter des Ziegelmeisters Johann Carl Friedrich Gottlieb Hoffmann und seiner Ehefrau Johanna Charlotte Louise Friederike (geborene Gliese). Zu der Zeit existierten zwei Ziegeleien im Ort - eine hinterm Rüsterhof und eine am Kadelhof. Zum Arbeitsende war es üblich, aus Jux und Tollerei einen sogenannten Feierabendstein zu brennen. Einige dieser Steine bewahren Ursel und Gerhard Fischer aus Görzig auf, immerhin sind es Zeitdokumente. Auf einem der Steine steht geschrieben: Fräulein Emilie Hoffmann Erwin Noack in Görzig 1871. Erwin Noack? "Wahrscheinlich der Name eines Arbeiters", vermutet Loschen. "Vielleicht wollte er seine Liebste und sich auf diesem Stein verewigen. Den Eltern mag diese Verbindung nicht gepasst haben, und so verdingten sie ihre Tochter - damals gerade 20 Jahre alt - nach Fürstenwalde in eine Hauswirtschaftsschule."

Dort kam das eine zum anderen. Am 22. Januar 1874 heirateten Carl Moll und Emilie Hoffmann in Görzig. Nach der Hochzeit zogen sie nach Fürstenwalde. Carl Moll kündigte seinen Dienst bei den Ulanen, kaufte von seinen Ersparnissen Pferd und Wagen und gründete dort ein Fuhrgeschäft - das Fontane für seine Osterausfahrt 1881 beauftragte. Das Geschäft lief gut: Um 1890 beschäftigte er etwa 22 Kutscher, schreibt Günter de Bruyn im Anhang des Bandes Märkischer Dichtergarten. "Von den 22 Kutschern waren bestimmt um die 15 Kutscher mit der Fäkalienabfuhr im Stadtgebiet unterwegs. Der Rest erledigte andere Transporte sowie Kutschfahrten, Hochzeitsfuhren und Beerdigungen", heißt es bei Looschen. Als Carl Moll Mitte der 1890er-Jahre den Auftrag erhielt eine "geruchsfreie Fäkalienabfuhr" zu garantieren, wurde er bei der Anschaffung entsprechender Wagen betrogen und machte Bankrott. Das Ende der Geschichte? Er ging mit seiner Ehefrau nach Glienicke und kaufte sich von dem, was er aus dem Konkurs retten konnte, die Gaststätte "Zur Linde".

Aus der Ehe von Emilie und Carl Moll gingen sechs Kinder hervor. Die jüngste Tochter wurde am 29. August 1891 geboren: Alice Wilhelmine Luise Moll. An Alice Wulff (geborene Moll) kann sich Sieglinde Kranewitz noch erinnern. "Sie hat oben aus dem Fenster geguckt", erzählt die 66-Jährige am Grab von Carl Moll.

Unter Eichen liegt der einstige Fuhrherr begraben - zusammen mit seiner Frau. Emilie Moll starb 1909. Ihren Verlust und ebenso den des Fahrgeschäftes in Fürstenwalde konnte Carl Moll nie überwinden, berichtet Looschen. Am 10. August 1912 schließlich starb der Kutscher und Gastwirt.

In einem Nachruf auf Carl Moll wird Fontane zitiert: "Ich hatte gleich anfangs meinen Platz neben dem Kutscher genommen, der eigentlich kein Kutscher war, sondern ein Fuhrherr, und durch gute Haltung in jedem Augenblicke den Beweis führte, dass er bei den Potsdamer Ulanen gestanden. Er hieß Moll, entsprach durchaus seinem Namen und gab was auf Bildung, Bücher und Zeitungen. Aber, er hatte sich seinen guten Verstand und sein eigenes Urteil nicht weggelesen und hielt vielmehr umgekehrt mit einem gewissen Eigensinn an seinen einmal gefassten Ansichten fest. Selbstverständlich immer unter Wahrung artiger Formen. Er war gesprächig und mitteilsam, aber doch zugleich auch reserviert und lächelte viel." Dass heut noch ein Grabstein für Carl und Emilie Moll steht, ist Wolfgang Looschen, Karl Gleitze und Manfred Wehlisch zu verdanken - sie haben den Stein finanziert. Lange Zeit gab es keinen, nachdem Tochter Alice Wulff, ihn an den Steinmetzmeister Radatz in Frankfurt (Oder) verkaufen ließ. Seit etwa zehn Jahren kümmert sich Sieglinde Kranewitz um die Grabstätte, harkt und jätet Unkraut. "Es kümmert sich ja sonst niemand", sagt sie traurig - dann fällt ihr doch noch etwas Schönes ein: "Vor zwei Jahren war jemand da und hat einen Blumenstrauß aufgestellt.

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