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Günthersdorfer Züchter schweigen vorläufig zum Vorwurf der Tierquälerei / Bauernverband fordert Aufklärung

Betrieb beauftragt Rechtsanwalt

Tierproduktionsstätte: Die Agrargenossenschaft Günthersdorf produziert mit 900 Sauen Ferkel.
Tierproduktionsstätte: Die Agrargenossenschaft Günthersdorf produziert mit 900 Sauen Ferkel. © Foto: MOZ/Jörg Kühl
Jörg Kühl / 12.09.2017, 06:50 Uhr
Günthersdorf (MOZ) Die Agrargenossenschaft Günthersdorf will sich mit Blick auf die gegen sie laufende Anzeige nicht zu den Vorwürfen des Tierschutzverbandes PETA äußern. Der Kreisbauernverband fordert eine schnelle Aufklärung.

Die Geschäftsführerin der Agrargenossenschaft Günthersdorf, Sybille Erhard, zeigt sich "schockiert" über die mit drastischen Videos gespickte Berichterstattung über ihren Betrieb. Zur Sache wollte sie sich jedoch am Montag mit Blick auf die laufende Strafanzeige nicht äußern. Ein Rechtsanwalt sei eingeschaltet. Dieser werde nach einer Einarbeitungszeit Presseanfragen beantworten.

Die Tierschutzorganisation PETA hatte bereits im Februar den Günthersdorfer Betrieb wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt. Die Anzeige wurde mit heimlich gedrehten Videos untermauert, die nach Angaben von PETA im Januar und Februar in Günthersdorf entstanden sein sollen. Sie zeigen unter anderem den blau angeschwollenen Kadaver einer auf der Seite liegenden Sau. Am Donnerstag hat der rbb einen Beitrag mit neuem Videomaterial von PETA ausgestrahlt. Die neuen Videos sollen laut PETA im Juni in Günthersdorf gedreht worden sein. Die Aufnahmen zeigen unter anderem kranke, sterbende und tote Ferkel sowie eines, das hilflos unter einem Eisengitter eingeklemmt ist. Das jüngst veröffentlichte Videomaterial, dessen Quelle die Tierschutzorganisation geheim hält, belegt nach Überzeugung von PETA, dass sich an der Situation im Günthersdorfer Betrieb seit der Anzeige vom Frühjahr wenig verändert hat. Deshalb hat PETA nun auch die zuständige Überwachungsbehörde, das Veterinäramt Oder-Spree, angezeigt. Die wiederum beteuert, dass der Betrieb unter ihrer Aufsicht substanzielle Verbesserungen durchgeführt hat.

Der Kreisbauernverband (KBV) Oder-Spree, fordert eine schnelle und lückenlose Aufklärung des Sachverhalts. Die veröffentlichten Videos seien "kein schönes Aushängeschild", sagte der Geschäftsführer des KBV Oder-Spree, Karsten Lorenz. Es sei notwendig, die Zustände, falls sie tatsächlich wie in den PETA-Videos dargestellt, in Günthersdorf aufgetreten sind, abzustellen. "Die Tierproduktion leidet allgemein unter einem schlechten Image. Mit solchen Bildern werden keine Junglandwirte ermutigt, hier einzusteigen".

In Oder-Spree gebe es ohnehin zu wenig Nutztiere. Mit 0,4 "Großtiereinheiten" pro Hektar falle im Kreis nicht genügend Gülle und Mist an, um den Bedarf der Ackerwirtschaft zu decken. Hierfür müsste die Zahl der großen Nutztiere auf zwei pro Hektar steigen. "Im Moment müssen wir mineralische Düngemittel hinzukaufen" so der KBV-Geschäftsführer.

In Günthersdorf ist von dem Skandal um die Haltungsbedingungen in der Ferkelproduktion kaum etwas zu spüren. Die Traktoren der Agrargenossenschaft fahren derzeit mit Maishäcksel im Minutentakt durch das Dorf, die Fahrer grüßen freundlich. In einem Nutzgarten beseitigt ein älterer Herr mit der Hacke Unkraut. Die Medienberichte kommentiert der 73-Jährige mit Unverständnis. Er sei selbst Landwirt und habe in der Pflanzenproduktion der LPG Friedland gearbeitet. In der Ferkelproduktion gebe es überall einen natürlichen Ausschuss. Ihn ärgert, dass der Urheber der Filme ausschließlich die ausgesonderten Tiere gefilmt habe, und nicht die gesamte Produktion. "Die sollten mal sehen, wie sauber und geleckt all die anderen dastehen." Er vermutet, dass die PETA-Veröffentlichung zwei Tage vor der Mitgliederversammlung des Deutschen Tierschutzbundes nicht ganz zufällig war. Dies mag auch der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands nicht ganz ausschließen: "Die Videos sollen laut PETA vom Juni sein. Warum werden sie erst jetzt veröffentlicht?"

Kommentar: Öffnet die Ställe!

Niemanden lassen Bilder von kranken, toten und halbtoten Ferkeln kalt. Dass diese bei einem Betrieb mit 900 Sauen anfallen, sollte jedoch nicht sonderlich überraschen. Wenn sich jedoch herausstellt, dass in dem Günthersdorfer Betrieb tatsächlich gegen Moral und Gesetz verstoßen wurde und wird, muss schnell gehandelt werden. Dies ist man nicht nur der leidenden Kreatur, sondern auch der ganzen Branche, die seit Jahren mit einem miesen Image zu kämpfen hat, schuldig. Noch ist es allerdings zu früh, um Schuldige zu benennen. Wenn es stimmt, dass der Betrieb die Haltungsbedingungen wirksam verbessert hat, wie es das Veterinäramt darstellt, sollte man den Dampf aus dem Kessel nehmen. Transparenz ist jetzt angesagt. Die Branche muss Einblick in ihre Ställe gewähren, Seuchenschutz hin oder her: Nur so kann ein Teil des verspielten Vertrauens wieder hergestellt werden. Auch in Günthersdorf! Jörg Kühl

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