Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

MOZ-Serie zu 175 Jahre Bahnstrecke Berlin - Frankfurt / Teil 3: Wie der Haltepunkt Fangschleuse Grünheide zu Aufschwung verhalf

Bahnhistorie
Mit Volldampf zum Wachstum

Graue Wolken zur Begrüßung: Eine Dampflok hält am Bahnhof Fangschleuse. Das Foto entstand vor 1961,  danach ersetzten Diesel- die Dampfloks. 1994 stellte die Bahn das Bahnhofsgebäude außer Betrieb.Es hat einen neuen Besitzer, der es wieder aufbauen will.
Graue Wolken zur Begrüßung: Eine Dampflok hält am Bahnhof Fangschleuse. Das Foto entstand vor 1961, danach ersetzten Diesel- die Dampfloks. 1994 stellte die Bahn das Bahnhofsgebäude außer Betrieb.Es hat einen neuen Besitzer, der es wieder aufbauen will. © Foto: MOZ
Manja Wilde / 02.11.2017, 08:45 Uhr
Fangschleuse (MOZ) Am 22. Oktober 1842 wurde die Bahnstrecke zwischen Berlin und Frankfurt feierlich eingeweiht. tags drauf begann der Linienverkehr. In einer Serie wird die 175-jährige Geschichte der Trasse mit ihren zehn Haltepunkten zwischen Erkner und der Oderstadt beleuchtet. Heute: Bahnhof Fangschleuse.

Fast 37 Jahre lang schnauften die Dampflokomotiven an Grünheide, Fangschleuse sowie den Kolonien Bergluch, Alt Buchhorst, Schmalenberg und Klein Wall vorbei, ohne zu stoppen. Obwohl die Siedlungen es auf rund 600 Einwohner brachten - in Erkner lebten um 1842 gerade mal 300 - tauchte der "Haltepunkt Fangschleuse" erst am 15. Mai 1879 im Fahrplan auf. Und zunächst bot er Reisenden auch nur wenig Komfort. Bahnhofsgebäude gab es noch nicht. Die Züge stoppten "im Grünen" an einer Sandstraße, die von Grünheide nach Hartmannsdorf führte. Sie hielten auch nur zweimal täglich.

Dennoch ist der neue Stopp eine von zwei Errungenschaften, die erheblich zur Entwicklung der Region beitragen, ist sich Lothar Runge, der Vorsitzende des Grünheider Heimatvereins, sicher. Die erste ist der Schiffsverkehr. Rund 70 Schifferfamilie lebten im seenreichen Grünheide. Als 1873 das Wehr in Fangschleuse beseitigt wird und Schiffe auf der Löcknitz freie Bahn Richtung Berlin haben, nimmt der Ausflugsverkehr auf dem Wasser zu. Wenig später bietet die Schiene weitere Möglichkeiten. Binnen 20 Jahren, also um 1890, knackt die Einwohnerzahl von Grünheide die 1000er-Grenze.

Auch der "Haltepunkt" wandelt sein Gesicht. Um 1900 entsteht am Gleis Richtung Berlin ein Fachwerkgebäude. Ein hölzernes Geländer trennt es vom Gleisbett. Ein Foto aus den 1920er-Jahren zeigt, wie Reisende auf die Einfahrt des Zugs warten.

Wer den Anschluss verpasst oder es mit der Heimreise weniger eilig hat, kann in die "Waldschänke" einkehren. Unmittelbar neben dem Bahnhof eröffnet die Gaststätte ebenfalls um 1900. Als Eigentümerin weisen die Unterlagen des Heimatvereins Erna Krüger aus. Bilder zeigen einen Biergarten unter Bäumen. Ab 1903 gibt es eine öffentliche Toiletten auf dem Bahnhof. Eine Bauzeichnung im Archiv des Heimatvereins zeigt, dass der "Abort" im Keller unter den Toiletten rollbare Fässer hat. "Diese Behälter wurden zum Leeren nach vorn gezogen und mittels ,Galgen' nach oben gezogen", erklärt Lothar Runge. Der Galgen befindet sich noch heute an dem kleinen Gebäude.

Der Haltepunkt mausert sich also zum Bahnhof. 1913 entstehen Aufenthaltsgebäude in beide Fahrtrichtungen, ab 1949 bietet Otto Müller in einem heute als Zimmerei genutzten Gebäude, Fahrradreparaturen an, später eine Fahrradaufbewahrung.

Und dann kommt die politische Wende. Die Zahl der Ein- und Ausstiege steigt mit Einrichtung der RE1-Strecke deutlich. Für 1996 weist die Statistik der Deutschen Bahn noch 180 tägliche Aus- und Einstiege aus, 2006 sind es schon 530 und 2016 bereits 750. Dennoch geht es mit dem Gebäudeensemble lange Zeit bergab. Dem Abriss der Wartehallen folgt 1994 die Stilllegung des Hauptgebäudes. Heute bietet sich Pendlern und Touristen ein trauriger Anblick. Das Dach des Fachwerkhauses ist eingefallen. Der Bahnhof ist wieder zum ungastlichen Haltepunkt geworden.

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: 2016 kauft Tischlermeister Rainer Busse die Gebäude. Das Toilettenhäuschen sanieren seine Mitarbeiter bereits Anfang 2017, das Haupthaus soll auch noch dran kommen. "Ich will einfach, dass es wieder ordentlich aussieht", sagt Busse zu seinen Beweggründen. Ein Konzept, wie das Ensemble genutzt werden könnte, gibt es - anders als für den Nachbarbahnhof Hangelsberg - noch nicht.

Aber vielleicht wird der Bahnhof in Zukunft wieder zum Aushängeschild der mittlerweile auf 8500 Einwohner angewachsenen Gemeinde Grünheide. Lothar Runge würde die Station sogar gern in "Grünheide" umbenennen. "Besser kann man doch gar nicht werben", sagt der 75-Jährige. Im Jahr 2008 scheiterte er allerdings mit diesem Vorstoß am Gegenwind aus der Gemeinde.

Im Schnellzug durch die Geschichte


■ 1879: Im Mai-Fahrplan ist der Haltepunkt Fangschleuse neu aufgeführt. Zunächst halten zwei Züge pro Tag je Richtung.
■ um 1900: Bahnhofsgebäude und Restaurant "Waldschänke" entstehen.
■ 1903: WC-Haus wird gebaut
■ 1913: Wartehallen an beiden Seiten sind errichtet
■ 1936/37: Einrichtung eines Haltebereichs für Güterzüge, die Materialien für den Bau der Autobahn anliefern.
■ 1961: Diesellokomotiven lösen die Dampfloks ab
■ 1990-94: Abriss Wartehallen
■ 1994: Bahnhofsgebäude wird stillgelegt; Regional-Express RE1 verkehrt und hält stündlich in Fangschleuse
■ 2008: Bernd Edelmann kauft Gebäude von der Bahn, seit 2016 ist Rainer Busse Besitzer

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG