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Archäologen graben unterhalb der Kreisstraße in Altgaul und wechseln demnächst auf die andere Seite

Grabungen
Katastrophe vertrieb erste Siedler

Anett Zimmermann / 08.11.2017, 19:51 Uhr
Altgaul (MOZ) Wohl noch zwei Wochen wird das Team um Grabungsleiterin Elisabeth Kirsch nach Spuren unserer Vorfahren unterhalb der Kreisstraße in Altgaul suchen. Danach wechseln die Archäologen auf die andere Seite.

Elisabeth Kirsch sitzt an diesem Mittwochvormittag in einem der beiden Bauwagen und bearbeitet Bodenaufbauprofile. Das Laptop und bereits fertige Skizzen vor sich, je eine Rolle mit Blei- beziehungsweise Buntstiften griffbereit in der Nähe. Seit Juli ist sie mit ihrem bis zu zwölf Mitarbeiter zählenden Team unterhalb der Kreisstraße in Altgaul auf der Suche nach Hinterlassenschaften unserer Vorfahren, denn parallel zur OPAL-Trasse ist eine weitere Gasleitung geplant. Die Europäische Gas-Anbindungsleitung (EUGAL) soll künftig die deutsche und europäische Energieversorgung sichern helfen.

"Deshalb wussten wir hier schon ein bisschen, was uns erwartet", erzählt Elisabeth Kirsch und zeigt kurz darauf draußen auf ein Textilband im Boden - die Grabungskante der OPAL-Trasse. Der etwa 18 bis 20 Meter breite Bereich, der im Vorfeld für EUGAL untersucht werden muss, schließt sich direkt an. "Wir haben schöne Gruben mit Keramiken gefunden", sagt die örtliche Grabungsleiterin. Mit Keramiken meint sie Scherben, die wie Tierknochen und andere Funde dann ins Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum nach Wünsdorf gebracht werden, um dort weiterbearbeitet zu werden. Die Keramiken würden von ihren Kollegen dort zum Beispiel erst einmal gereinigt.

Bodenproben könnten später noch archäobotanisch ausgewertet werden. "Da staune ich manchmal selbst, welche Schlüsse die Experten daraus ziehen können", sagt Elisabeth Kirsch und nennt die Bodenproben zur Verdeutlichung einen Haufen Dreck, aus dem mitunter kleinste Pflanzenreste ausgeschwemmt werden können. Und die wiederum ließen Rückschlüsse etwa auf das in den Vorratsgruben gelagerte und damit wohl vor Ort auch angebaute Getreide zu. In Altgaul hätten sie bereits an die 150 Bodenproben genommen.

Gegraben werde zurzeit am Ende des Siedlungsgebietes, sagt die Archäologin und weist auf einen gleichmäßig helleren Boden ein paar Meter weiter vorn hin. Dazwischen markieren Nägel einen Bereich, in dem noch Funde vermutet werden, und sind auch einige dunkle Kreise zu sehen. Gruben? "In dem Fall wohl zwei Pfähle", meint Elisabeth Kirsch. "Zwei Pfähle machen aber noch kein Haus", erklärt sie. Und zwischen den vielen Gruben auf dem Areal hätten die auch keinen Platz. Bei den Gruben handele es sich um einstige Speichergruben. "Wir würden heute vielleicht Mieten dazu sagen." Häufig seien diese Gruben später aber auch für Abfälle genutzt worden. "Man muss sich das Ganze als einen vorgeschichtlichen Kühlschrank vorstellen, der aber nicht ewig hält, und dann wurde eben gleich nebenan eine neue Grube angelegt und das alte Loch verfüllt." So erscheint es ihr jedenfalls am plausibelsten. "Das ist das Schöne an meinem Beruf", meint Elisabeth Kirsch. "Da bleibt Platz für Phantasie."

Wohl noch zwei Wochen hat sie mit ihrem Team unterhalb der Kreisstraße zu tun. Vor einer Woche sei mit einer weiteren Grabung bei Altglietzen begonnen worden. Und dann soll es auch noch oberhalb der Kreisstraße in Altgaul bis zur Bahnstrecke und hinter der Bahnstrecke im Wald weitergehen. Dafür liege bereits seit September die Fällgenehmigung vor. Im Falle der Bahn seien besondere Anforderungen zu erfüllen, so dass hier wohl erst das laufende Planstellungsverfahrenabgewartet werden muss. "Wir haben trotzdem genug zu tun", sagt Elisabeth Kirsch und rechnet auch nicht mit einer Winterpause: "Die gibt es erst bei 30 Zentimeter Bodenfrost." Das habe sie in den vergangenen 20 Jahren gerade mal in drei Wintern erlebt.

Spannend in Altgaul findet Elisabeth Kirsch, dass die erste im Übergang von der Stein- zur Bronzezeit, also um 1700 vor Chr. angelegte Siedlung offenbar wegen einer Katastrophe aufgegeben werden musste. "Der ganze Bereich ist zum Teil bis zu drei Meter hoch überdünt", sagt sie. Doch woher kam der Sand und warum? Und sind die grauen Spuren innerhalb der Düne Spuren späterer Siedler? Die Gruben ließen, so die Archäologin, auf das frühe slawische Mittelalter (700 n. Chr.) schließen. Doch was kam danach? Eine weitere Katastrophe? Darauf deute die Schlammschicht über den Gruben. Der alte Oderarm, an dem die Siedlungen einst lagen, ist auch anhand des Schilfs immer noch zu erahnen. Treibholzfunde früherer Grabungen seien, so Elisabeth Kirsch, auf das 14. Jahrhundert datiert worden. "Danach war hier bis zum Alten Fritz wohl erst einmal Sumpf."

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