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Die Zunft
Vor und zurück zum Handwerk

Boris Kruse / 19.06.2018, 07:15 Uhr
Märkische Höhe/Alttrebbin (MOZ) Der Bandname lässt nicht unbedingt an Innovation und neue Moden denken. Die Zunft steht eher für das Handgemachte und Bewährte, für Arbeit mit Sinn für Tradition. Ganz so, wie es die alten Handwerkszünfte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gehalten haben. Da wird ein überliefertes Können sorgsam gepflegt, behutsam weiterentwickelt und an die nächste Generation weitergegeben.

Dies alles sagt tatsächlich eine Menge über das musikalische Selbstverständnis der fünf Musiker aus, die unter dem Namen zu einer Einheit zusammengefunden haben. Nachzuhören auf dem kürzlich erschienenen Album „Nacht Gestalten“, einer CD mit 14 Eigenkompositionen, aufgenommen im heimischen Oderbruch.

Gleich der erste Song, „Es ist noch lang nicht vorbei“, beschwört große Ahnen der Rockmusik herauf. Mit seiner perlenden E-Gitarre klingt das Stück wie eine verlorene Aufnahme der Dire Straits; Sänger Steeds Stoermann legt darüber einen heiseren Sprechgesang, der gar nicht so weit entfernt ist von der Stimme des Straits-Sänger Mark Knopfler. Und so wird schon nach den ersten Takten deutlich: Diese Zunft versteht ihr musikalisches Handwerk.

Die meisten Lieder schreibt Sänger Steeds Stoermann, der mit bürgerlichem Namen Nico Kollmann heißt, im Alleingang. Er spielt sie zunächst zu Hause ein, wie er im Gespräch erklärt. Die Aufnahmen schickt er sodann an die anderen, die sich daraufhin etwas für ihre Parts überlegen.

Das Album bietet aber nicht nur eine versierte Weiterentwicklung klassischer Rockmusik. Den Ausgangspunkt der Lieder bilden nachdenkliche Texte über die Gegenwart. Es sind oft ernüchterte Blicke auf die Gegenwart mit ihrem Zwang zu Verwertungslogik und Selbstvermarktung. So singt Stoermann in dem Lied „Ich kann nicht mehr schweigen“: „Die Wahrheit ist eine Hure – gut besucht“. Hier haben seine Lebenserfahrungen in der DDR und in der BRD hineingewirkt. „Nach ein paar Jahren merkt man, dass die gesellschaftlichen Systeme ähnlich sind“, sagt er, und es klingt ein bisschen resignativ.

Ein „Seismograf der Gesellschaft“ will Stoermann/Kollmann einerseits sein. Doch im Idealfall bleibt seine Liedpoesie nicht beim Beobachten und Spiegel-Vorhalten stehen: „Das Ausdenken ist viel schwerer als das genaue Hinschauen“, sagt er. Und deshalb sind Zunft-Texte eben doch oft kleine romantische Weltfluchten, in denen der Liebe und echter Solidarität gehuldigt wird. Die Ballade „Wer auch immer“ beschwört Erinnerungen an Rio Reiser und Ton Steine Scherben herauf – das gilt für die sehnsuchtsvolle, entwaffnend offene Art des Textens, das gilt aber auch für die Musik. Die Band hat ihren Arrangements einen rustikalen Charme gelassen; im Zusammenspiel klingen die Gitarren, Schlagzeug und Bass sehr warm und vertraut.

Aufgewachsen ist der 46-jährige Nico Kollmann in Wriezen. Mit acht Jahren erhielt er Klavierunterricht in der Kreismusikschule Bad Freienwalde. Mit 13 oder 14 Jahren sei er zur Gitarre gewechselt. Noch zu DDR-Zeiten war er als jugendlicher Liedermacher unterwegs. Er fand Anschluss an einen Musiker-Zirkel in Frankfurt (Oder). Heute lebt er in Alttrebbin im Oderbruch.

Die Anfänge der Band gehen auf die Nachwendezeit zurück. Damals sei „ein Kumpel aus West-Berlin“ mit seiner sehr umfangreichen Plattensammlung ins Oderbruch gekommen und habe damit jede Menge Inspiration geliefert. Seither hat sich Die Zunft zu einer rege tätigen Live-Band entwickelt.

Als „meine Traumbesetzung“ bezeichnet Stoermann die aktuelle Zusammensetzung der Zunft, die seit ungefähr sechs Jahren besteht. In Brandenburg sind die fünf Musiker alle gut bekannt – auch durch viele andere Projekte und Bands, mit denen sie hier regelmäßig auf den Bühnen zu erleben sind. Die Sängerin, Gitarristin und Blasinstrumentalistin Heike Matzer etwa durch die Soul- und Rockband Living Room, in der auch Kollmann und Schlagzeuger Sören Blache mitspielen. Gitarrist Thomas Sternberg und Sören Blache sind außerdem zwei Drittel des Rocktrios Die Oderdammis. Sternberg kommt seinem Idol auf der Gitarre, Mark Knopfler, spieltechnisch noch näher in der Dire-Straits-Coverband Sultans Of Strings. Bei ihren Auftritten als Zunft vermischen sich diese Einflüsse und Projekte; es finden auch einige Stücke zum Beispiel von Silly und Gerhard Gundermann den Weg in ihr Repertoire.

Alle fünf Bandmitglieder sind Profis, können aber natürlich nicht von den Einnahmen ihrer CDs und den Konzerten leben. Stoermann selbst macht nebenbei Veranstaltungstechnik, alle anderen geben Musikunterricht. Die Arbeiten an „Nacht Gestalten“ haben sich über drei Jahre hingezogen. Aufgenommen wurde im Strecketon-Studio in der Gemeinde Märkische Höhe.

Die Zunft: „Nacht Gestalten“ (Marktkram), www.diezunft.biz; Konzert am Sonnabend, 7. Juli, 19 Uhr, Village-Festival Wriezen

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