Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Auf dem Klein-Briesener Friedhof wandelt der Besucher auf den Spuren von tragisch Verstorbenen / Grabkosten steigen

Sommerserie
Ein Stück Dorfgeschichte

Ruth Buder / 24.07.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 24.07.2018, 18:26
Klein Briesen Friedhöfe und alte Grabstätten haben für viele Menschen etwas Faszinierendes. Das Oder-Spree Journal hat Geschichten rund um Friedhöfe recherchiert – heute in Klein Briesen.

Mehr Wiese als Grabstellen: Wie alle Friedhöfe auf den Dörfern bietet auch der Klein-Briesener zunehmend mehr Platz. Das liegt auch daran, dass die Stadt Friedland, zu der der Ortsteil Klein Briesen gehört, die Friedhofsgebühren kräftig angezogen hat. Ältere Grabstellen machen die Angehörigen deshalb zunehmend platt. Brigitte Hupp und Ehrhard Kussatz haben zwar die Gräber ihrer Eltern gelassen und pflegen sie weiterhin, die ihrer Großeltern aber beseitigt. Für weitere fünf Jahre knapp 200 Euro für ein Doppelgrab zu bezahlen, war ihnen zu viel.

Einfach nur die Grabsteine stehen zu lassen, hat ihnen die Friedländer Verwaltung nicht erlaubt. „Deshalb habe ich den Grabstein von meinen Großeltern Berta und Reinhold auf unser Grundstück geholt, die stehen jetzt am alten Stallgebäude“, sagt Ehrhard Kussatz. Auch Brigitte Hupp hat zwei Grabsteine ihrer Vorfahren „nach Hause“ geholt. „Ich finde es schade, dass für die alten Grabstellen so viel bezahlt werden muss. Sie erzählen doch ein Stück Dorfgeschichte. Wenn ich jetzt auf den Friedhof gehe, liegen dort fast nur noch Leute, die ich gekannt habe. Und dabei ist hier jede Menge Platz, es gibt nur noch 28 Grabstellen“, sagt die 70-Jährige. Sie bedauert, dass aufgrund der Kosten ein Stück Friedhofskultur verloren geht.

In der Tat können Friedhöfe viel erzählen, von den Menschen, die hier einst lebten, von Schicksalen der Verstorbenen, aber auch den noch lebenden Angehörigen. Der Klein Briesener Friedhof erzählt auch von den schrecklichen tödlichen Unfällen, die das kleine Dorf und ihre Menschen heimsuchten.

Begraben ist hier zum Beispiel die kleine Eva, die im März 1972, drei Tage vor ihrem vierten Geburtstag, im Dorf von einem Traktor überfahren worden war. Ihr Grab ist leider nicht mehr zu sehen. Das Grab ihrer Mutter gibt es noch: Sie ist 1993 auf ihrer Arbeitsstelle in Weichensdorf von einem Gabelstapler überfahren worden.

Eine gepflegte Ruhestätte haben auch  heute noch Vater und Sohn, die zu früh aus dem Leben scheiden mussten: Der Vater wurde 1980  im Alter von 50 Jahren vom Zug am Groß Briesener Bahnhof erfasst, 1987 kam sein 27-jähriger Sohn bei einem Autounfall ums Leben.

Tragisch auch das Schicksal eines Klein Brieseners, der 1992 von einem Bullen aufgespießt und gestorben war.

Dass der 1. Weltkrieg auch nicht an Klein Briesen vorbei gegangen ist, davon zeugt noch heute das Grab von Bauerngutsbesitzer Theodor Lehmann, der mit 36 Jahren im Oktober 1916 gefallen ist. Sein mannshoher, geschliffener  dunkler Grabstein (die daran angebrachte Pickelhaube wurde gestohlen) befindet sich auf der von Buchsbaum umrankten Lehmannschen Familiengrabanlage.

Das Grab des Gutsbesitzers ist jedoch nicht das älteste auf dem Friedhof. „Das ist das von Gottfried Petermann. Er starb 1881“, sagt Iris Misterek, eine der Nachfahren der „Petermänner“. Auf seinem schon Patina angesetzten Grabstein ist zu lesen: „Hier ruht der Ausgedinger“. Iris Misterek erklärt: „Ein Ausgedinger war ein alter Bauer, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und auf dem Altenteil war.“

Seit 1995 wohnt Iris Misterek auf dem Grundstück ihrer verstorbenen Großeltern Max und Frieda  in Klein Briesen, deren Gräber sie heute pflegt. „Sie sind für 40 Jahre bezahlt, deshalb kommen aktuell keine Forderungen auf mich zu“, sagt Iris Misterek. Sie bedauert ebenfalls, dass immer mehr Gräber und Grabsteine aus Kostengründen verschwinden würden.

Die Ahnenforschung hat die Klein-Briesenerin vor 20 Jahren zu ihrem Hobby gemacht. Sie hat in Kirchenbüchern, auf einschlägigen Internetportalen und auch auf Friedhöfen recherchiert und die Familiengeschichte bis 1754 zurück erforscht.

Deshalb weiß sie auch, wem das verwitterte, verwaiste und isoliert liegende Kindergrab auf dem Friedhof zugeordnet ist: „Hier ist August Thiele begraben, er lebte nur drei Wochen – vom 7.  Bis 26. Dezember 1916. Es starb genau am zweiten Weihnachtsfeiertag.“

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG