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Kultur
Schneller Szenenwechsel im Gasthof Rachlitz

Zeitreise: Die Inhaberin der ehemaligen Gaststätte Rachlitz, Brigitte Hupp, zeigt das Bühnenbild der mittelalterlichen „Stadt“.
Zeitreise: Die Inhaberin der ehemaligen Gaststätte Rachlitz, Brigitte Hupp, zeigt das Bühnenbild der mittelalterlichen „Stadt“. © Foto: Ruth Buder
Ruth Buder / 30.08.2018, 06:30 Uhr
Klein Briesen (MOZ) Wenn Klein Briesen am 1. September sein 500-jähriges Dorfjubiläum feiert, dann gehören die beweglichen Kulissen auf der Bühne im Gasthof Rachlitz zu den ältesten Zeitzeugen. Sie wurde 1927 gebaut und funktioniert immer noch.

Mit nur wenigen Handgriffen kann Brigitte Hupp, die Inhaberin der ehemaligen Gaststätte, die Bühnenbilder verändern: Der Vorhang, der einen weiten Blick in einen edlen Park mit See und Bergen im Hintergrund ermöglicht, ist im Nu hochgezogen. Dann erscheint der Wald. Links und rechts in die Bühne hereinragende Laubbäume, im Hintergrund ein Bächlein und ein Dorf mit Kirchturm.

Dazwischen Nischen, in denen die Akteure verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen können. Schnell kann das Bühnenbild wechseln: Eine mittelalterliche Stadt erscheint. „Sie sieht ein bisschen aus wie Beeskow“, lacht Brigitte Hupp (70), „mit seinen Bürgerhäusern, der Stadtmauer und der Kirche.“

Um die „Wohnung“ aufzubauen, braucht es schon ein wenig mehr Muskelkraft. Die Kulissen in ihren Einzelteilen lassen sich jedoch leicht hin und her und zusammenschieben, Fenster und Türen gehen noch auf und zu. Sogar ein Souffleurkasten in Muschelform ist noch vorhanden. Während in den 1950iger/- 60iger Jahren viele Besitzer von Dorfgaststätten ihre Bühnen modernisierten und dem Zeitgeist anpassten, setzte die Familie Rachlitz in Klein Briesen auf Tradition und kam überhaupt nicht auf die Idee, die mechanisch zu bewegenden Kulissen abzureißen.

Brigitte Hupp erinnert sich, dass sie zwischen diesen oft mit ihren Freundinnen herumgetollt ist. „Das war ein wunderbares Versteck.“ Theater ist hier seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt worden, obwohl  Brigitte Hupp die alten Spielhefte der Reihe „Die Dorfbühne“ aus den 1920er Jahren gut aufgehoben hat. Die Stücke tragen Titel wie „Die Pantinen – ein Schwank in drei Aufzügen“ oder „Um Ehre und Liebe willen“ – ein Volksstück mit Spiel und Gesang in vier Akten.

Gebaut hat die Bühne, für die ein Anbau nötig wurde, Egon Rachlitz, der Großvater von Brigitte Hupp. Ihn störte wohl, dass die Kapelle beim Tanz immer im Saal sitzen musste. 1925 stellte er den Bauantrag, der vom Ortsvorstand unter Leitung von Adolf Lehmann und dem Amt Günthersdorf genehmigt werden musste und am 14.Mai 1927 vom preußischen Hochbauamt Cottbus beschieden wurde. Brigitte Hupp, die in der Tradition ihrer Vorfahren steht, kann sogar noch die Bauzeichnung – alles per Hand gefertigt – vorweisen. Den Auftrag für die Errichtung der Bühne bekam damals das Baugeschäft Theodor Tietz aus Friedland, die Kulissen, handgemalt auf Leinen, stammen von dem Theatermaler M.G. Conrad.

Nur einmal sind in all den neunzig Jahren die Bühnenbilder abgebaut worden. Das war zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als die SS im Gasthof junge Soldaten einquartiert hatte. „Unser Opa hatte wohl Angst, dass hier hätte was kaputt gemacht werden können“, denkt sich Brigitte Hupp. Nach dem Krieg sei alles wieder originalgetreu aufgebaut worden. Zuletzt wurden die Bühnenbilder 1992 für einen Auftritt bewegt, „als mein Sohn Alexander in der sechsten Klasse mit seinen Mitschülern Sketche aufgeführt hat“, erzählt Brigitte Hupp.

Da die Gaststätte geschlossen ist, wird auch der Saal nur noch wenig genutzt. Die nostalgische Bühne steht verlassen, nur noch bei Fastnachten steht der DJ oder die Band „im Wald“. Was aus diesem Kleinod, das kaum noch einer zu Gesicht bekommt, wird? Brigitte Hupp weiß es nicht. „Sie bleibt wo sie ist, sie stört ja keinen.“

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