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Klaus Brauer will Interesse an Geschichte wecken und erinnert an seinen Vater Franz, der als Bürgermeister die Bäume pflanzte

Brauchtumspflege
Tafel an Sydowswieser Eichenhain gesetzt

Ulf Grieger / 06.10.2018, 09:45 Uhr
Sydowswiese (MOZ) Vor 75 Jahren hat der damalige Sydowswieser Bürgermeister Franz Brauer vier Eichen auf dem Friedhof des einstigen Spinnerdörfchens gepflanzt. Daran erinnert sein Sohn Klaus nun mit einer Tafel – und damit zugleich an den Kriegsalltag im Oderbruch.

Die fünf Eichen am Hauptweg des kleinen Gottesackers gleichen den Fingern einer Hand. Die dickste von ihnen, als Naturdenkmal ausgewiesen, könnte aus der Gründungszeit des Dörfchens stammen und somit rund 250 Jahre alt sein. Die anderen sind 75 Jahre alt. Klaus Brauer, bekannt als „Storchenvater von Sydowswiese“, war elf Jahre alt, als sie gepflanzt wurden. „Ich selbst war nicht dabei. Und ich weiß auch nicht, warum mein Vater ausgerechnet vier Bäume gepflanzt hat. Ich möchte nur, dass sich nachfolgende Generationen daran erinnern, dass mein Vater Franz es war, der sie setzte“, erzählt er. Gemeinsam mit seinem Sohn hat er nun ein Täfelchen neben die vier Eichen gestellt, auf dem das nachzulesen ist.

Im Herbst 1943 war Franz Brauer 41 Jahre alt. Die Familie war vor 1902 aus dem damaligen Kreis Weststernberg südöstlich von Küstrin ins Oderbruch gekommen. Brauers hatten eine der größeren Wirtschaften in Sydowswiese, mit zehn Hektar Land und zwei Pferden. Franz Brauer war von 1935 bis Kriegsende Bürgermeister und Landwirt und führte eine kleine Gastwirtschaft. Mit seiner Frau Elsbeth hatte er sieben Kinder. Für die Arbeit auf der Wirtschaft bekam er über den Sophienthaler Ortsbauernführer Otto Wilke zwei Kriegsgefangene als Hilfe. Das waren ein Franzose und ein Pole, mit dem sich der elfjährige Klaus besonders angefreundet hatte. „Er nannte sich Senno“, weiß Klaus Brauer noch. Warum sein Vater nicht eingezogen wurde, haben die Kinder nie erfahren. „Wir wurden damals nicht in wichtige Fragen einbezogen. Das ist heute ganz anders“, sagt Klaus Brauer. Ihm liegt es am Herzen, dass sich die heutige Generation mehr mit dem beschäftigt, was vor 75 Jahren im Oderbruch passiert ist.

So berichtete er vor fünf Jahren auch davon, wie er den Bau des Neuen Deiches zwischen Nieschen und Sydowswiese erlebte. Er sah die russischen Kriegsgefangenen, die von einem Deichverbandsingenieur Zimt angeleitet wurden. „Sie waren im Gasthof Sophienthal untergebracht. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist“, erzählt Brauer. Diese Erinnerungen lösten weitere Recherchen zur Zwangsarbeit im Oderbruch ausgelöst, die schließlich in die Initiative „Kleine Friedensfahrt“ von Oderbruchgemeinden, dem Deichverband und der MOZ auf dem Alten und Neuen Deich mündeten.

Bürgermeister Franz Brauer wurde zwar nicht zur Front eingezogen, starb aber dennoch an den Folgen des Krieges. Daran wurde erst kürzlich bei der Sanierung der August-Bebel-Straße in Letschin erinnert. Dort wurde 1945 täglich Munition aus den Gemeinden abgeladen und abends gesprengt. Doch am 22. Mai war das anders. Aus irgendeinem Grund war am Vorabend die Munition nicht mehr gesprengt worden, als ein Transport mit vier Gespannen aus Sophienthal und Sydowswiese anrollte. Beim Abladen kam es zum Unglück. Die Munition explodierte und riss neun Deutsche, die den Transport begleiteten, den russischen Kommandanten und eine unbekannte Zahl von Soldaten in den Tod. Klaus Brauer wird diesen Tag nie vergessen. Sein Vater Franz und ein Cousin überlebten die Explosion nicht. Die Eichen vom Friedhof Sydowswiese sowie eine Gedenktafel auf dem Sophienthaler Friedhof erinnern an diese Kriegs- und Nachkriegszeit.

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