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Mit der Restaurierung des Bühnenvorhangs erhält Krummensee ein Wahrzeichen zurück / Künstler Frankenstein zum 100. gewürdigt

Dorfkultur
Edles Tuch gerettet

Kerstin Ewald / 30.10.2018, 07:30 Uhr
Krummensee (MOZ) Wie viele rauschende Feste mögen die Krummenseeer in den letzten 50 Jahren in ihrem Festsaal gefeiert haben? Der ungewöhnliche Bühnenvorhang hat sie alle erlebt und dabei, naja, etwas gelitten. Seit Donnerstag hängt der Vorhang in neuer Pracht an seinem angestammten Platz.

Cola, Bier und Zigarettenqualm hatten Krummensees Schmuckstück über die Zeit unansehnlich werden lassen. Farbspritzer und der Abdruck einer Farbrolle erinnern an die letzte oder vorletzte Saalrenovierung. Während sich Kunstliebhaber wie Reiner Lucius seit Jahren den Kopf zerbrachen, wie sie das Schmuckstück retten könnten, gab es Stimmen im Dorf, die ungerührt forderten: „Rupft ihn runter, den Lumpen“.

Doch nach aufwendigen Reinigungs- und Restaurierungsarbeiten hängt das feine Stöffchen nun wieder auf der Bühne des Dorfgasthofes von Krummensee,  früher Dorfclub des Ortes. Den Vorhang – er misst rund drei mal vier Meter – hat der Künstler Wolfgang Frankenstein Mitte der 60er Jahre entworfen. Schwarze Strichzeichnungen auf erdig-pastellfarbenen Stoffbahnen zeigen Szenen aus dem Krummensee jener Tage, die dank einer Musikkapelle, einer Tanzgruppe, eines Chors und einer Laienspieltruppe eine kulturelle Blütezeit gewesen sein müssen.  Die Kabarettgruppe „Die Dorfspatzen“ schoss 1963 den Vogel ab. Für ihr Bühnenprogramm, gezeigt auf der Landwirtschaftsmesse agra in Leipzig, war sie vom DDR-Kulturbund mit einem Preisgeld ausgezeichnet worden, das in ein großes Wandgemälde und in einen Bühnenvorhang für den Dorfclub fließen sollte. Den Auftrag für Krummensee erhielt der damals gefragte Berliner Maler, Grafiker und Professor Wolfgang Frankenstein, der daraufhin mehrmals nach Krummensee fuhr, um Skizzen anzufertigen.

Dass der kleine Festakt zur Übergabe des Vorhangs nun ausgerechnet im Jahr des 100. Geburtstag des verstorbenen Künstlers Frankenstein stattfand, freute dessen Sohn Daniel besonders: „Bei Ihnen in Krummensee gibt es ein Engagement, wie es nicht selbstverständlich ist“, freut sich Frankenstein Junior in seiner kleinen Ansprache. Auch mit den Werken in Krummensee knüpfte der Maler Frankenstein an Kunstrichtungen wie Kubismus, Konstruktivismus und Surrealismus an. Außerdem sei er stark vom berühmten mexikanischen Wandmaler Diego Rivera inspiriert worden, erklärt der Sohn, der sich intensiv mit dem Werk seines Vaters auseinandersetzt. Von Frankensteins „baugebundenen“ Arbeiten seien einige nach der Wende leider zerstört worden. So konnten die expressiven historische Szenen, gemalt auf Wandtafeln im U-Bahnhof Magdalenenstraße, nur durch Proteste einiger Künstlerfreunde gerettet werden, erzählt der Architekt Frankenstein bei der Krummenseeer Kaffeetafel, die unversehens zum kleinen Geburtstagsfest für den Maler Frankenstein wurde.

In Krummensee hatte sich Reiner Lucius hinter das Projekt „Vorhang-Rettung“ geklemmt. Nach einigen vergeblichen Versuchen, geeignete Restauratoren zu finden, hatte man im Dorf schon überlegt, vom Vorhang einen großen Kunstdruck anfertigen zu lassen und das Original einzumotten.

Schließlich kam die Lösung fast von selbst: Eine Frau aus dem Ort hatte einen MOZ-Artikel zu Frankensteins Krummenseeer Wandgemälde gelesen und bot an, den Kontakt zu einer Textilrestauratorin der Potsdamer Preußischen Schlösser- und Gartenstiftung herzustellen. Deren ehemalige Leiterin Christa Zitzmann kam tatsächlich eines Tages mit ihren Kolleginnen Isa Hesse und Julia Zitzmann nach Krummensee, um verschiedene Tests am alternden Kunstwerk vorzunehmen: „Wir haben uns spontan in den Vorhang verliebt“, erzählt Isa Hesse, die ebenfalls zu dessen Wieder-Einweihung nach Krummensee gekommen ist. Reiner Lucius war es dann, der erfolgreich mit den Fachfrauen verhandelte, und mit seiner Frau Ilona Lucius diverse Transporte übernahm.

In ihrer Werkstatt reinigten die Restauratorinnen das Gewebe gründlich. Die aufgeklebten Applikationen lösten sie mit einer Acetonkompresse vom hellen Untergrund, um die Figuren vorsichtig zu waschen. Gleichzeitig setzten sie auf die hellen, besonders schmuddelig erscheinenden Stoffbahnen, neue farblich passende Gewebe auf.

Den Wert des Vorhangs als kulturellem Wahrzeichen von Krummensee hatte nicht zuletzt der Werneuchener Bürgermeister Burkhard Horn erkannt. Er hatte die Krummensseer ermutigt, bei der Stadt eine Förderung zur Rettung des Vorhangs zu beantragen.

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