Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Geschichte
Nazigröße besuchte regelmäßig Böhner Wilhelminenhof

Hans-Jürgen Wodtke / 29.12.2018, 06:00 Uhr
Böhne Kaum jemand von den Lesern wird der Name Hans Fritzsche wohl etwas sagen, obwohl dieser zu den wichtigen Größen im „Dritten Reich“ zählte. So war er nach Goebbels der zweite Mann im „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ und damit quasi dessen Stellvertreter. Doch was ihn für uns heute noch interessant macht ist etwas anderes. In den letzten Kriegsmonaten wurde in Böhne und Umgebung bekannt, dass Hans Fritzsche immer wieder den zum Ort gehörenden Wilhelminenhof aufsuchte. Der Grund für seine wiederholten Besuche war nach Erzählungen von Zeitzeugen seine „Verlobte“. Diese hatte er zum Schutz vor den Bomben auf Berlin im Gästehaus des Gutes untergebracht. Pikant daran war nur, dass Goebbels zweiter Mann Frau und Kind in Berlin zu wohnen hatte.

Für die Menschen damals war Fritzsche alles andere als ein Unbekannter. Denn diesen hörten sie praktisch jede Woche im Radio, dem Massenmedium im „Dritten Reich“. Mit seiner Art den Hörern an den Radiogeräten die Welt zu „erklären“ war er bei seinen Zeitgenossen sehr beliebt. Viele Hörer waren sogar überzeugt, dass Fritzsche wirklich jemand sei, dem man glauben und zu dem man Vertrauen haben könnte. In dem Buch „Goebbels‘ Mann beim Radio“ wird von vielen Briefen, Anfragen und Hilfeersuchen an den Radiosprecher berichtet. Nur selten, so heißt es weiter, konnte bzw. wollte dieser jedoch wirklich helfen. Denn umso stärker das nationalsozialistische Regime unter Druck geriet, umso rigoroser ging dieses gegen Abweichler und Zweifler vor. Und Fritzsche war ein Teil dieses Unterdrücker- und Terrorsystems, auch wenn er das in seinen unzähligen Radiobotschaften immer wieder gut verschleiern konnte. Die später angestellten Vergleiche zwischen ihm und Karl-Eduard von Schnitzler, dem Chefkommentator im DDR-Fernsehen lassen seine journalistischen Ziele aber auch Fähigkeiten noch besser verstehen.

Bis 1941 arbeitete Fritzsche zusätzlich für die Zeitschrift „Rundfunkpresse“ und wurde so auch schnell seinen Hörern visuell bekannt. Dabei machte er mit seinen 1,91 m Körpergröße und den gleichmäßigen und angenehmen Gesichtszügen besonders bei der weiblichen Fangemeinde keine schlechte Figur. Neben seinem guten Aussehen war es aber vor allem seine Position in der damaligen Reichsregierung, die ihn zu einem begehrten „Objekt“ werden ließ. Mit seiner Frau, einer Zahnärztin, und Tochter Gisela, bewohnten die Fritzsches eine Vierzimmerwohnung in Berlin-Steglitz.

Glaubt man den Ausführungen im Buch „Goebbels‘ Mann beim Radio“, dann führte Fritzsche ein recht ausschweifendes Leben. So heißt es hierzu in Anlehnung an die Aussagen einer Kollegin von Frau Fritzsche: „Den Hausherren traf man nie, da dieser bis in die Nacht hinein im Ministerium weilte oder andere Verpflichtungen zu haben meinte. Ebenso zahlte das Ministerium angeblich so schlecht, dass die Haushaltskasse vom Gehalt des Mannes nicht viel sah.“ „Dafür habe das Ehepaar Fritzsche“, nach Angaben des ehemaligen Hausmeisters, „mindestens einmal in der Woche eine größere Festlichkeit veranstaltet und dazu bekannte Persönlichkeiten von Bühne und Film eingeladen. […] auch hier imitierte Fritzsche […] seinen Dienstherren Goebbels.“ So passt auch seine Liebesbeziehung zu der Kriegerwitwe Hildegard Springer gut in dieses Bild. Es ist bekannt, dass diese wie auch Fritzsche, in der Rundfunkabteilung im Propagandaministerium, arbeitete.

Die zunehmende Lufthoheit der Alliierten führte in der späteren Kriegsphase zu einer beinahe täglichen Bombardierung Berlins. Diese Bombenangriffe wurden zu einer ernsthaften Bedrohung der Menschen in der Stadt. Während Fritzsches Familie noch in der Reichshauptstadt blieb, brachte er seine Geliebte in sichere Gefilde. Warum dabei die Wahl auf den Böhner Wilhelminenhof fiel, ist nicht bekannt. Doch die Voraussetzungen für einen angenehmeren Aufenthalt als im bombengefährdeten Berlin gab es hier allemal. Schon der Vorgänger des einstigen Gutsbesitzers Hermann Schmidt, der Berliner Architekt Carl Zeißberg, hatte ein recht repräsentatives Gästehaus geschaffen. Dieses vermietete er an gut betuchte Gäste, vornehmlich aus Berlin. Gut möglich, dass auf diesem Wege auch Hildegard Springer hier landete. Über Fritzsches mehrfachen Aufenthalt auf dem Wilhelminenhofer Anwesen liegen nur mündliche Überlieferungen vor. Dagegen wird Hildegard Springer in einem kurzen Tagebucheintrag der Gutsbesitzerfamilie erwähnt, als diese kurz vor Kriegsende die Flucht über die Elbe wagte.

Fritzsche saß zu dieser Zeit in Berlin fest. Denn der Versuch, sich in der Nacht vom 20. zum 21. April 1945 über Glindow in Richtung Elbe in den Schutz der Armee Wenck zu begeben, scheiterte. Sein letzten Rundfunkkommentar war am 28. April 1945 zu hören. Zwei Tage später wurde der Sendebetrieb in Berlin gänzlich eingestellt. Schließlich gehörte Fritzsche zu einer Gruppe von Parlamentären, die in Tempelhof an der Kapitulationsverhandlung für die Stadt teilnahmen. Neben einigen anderen Parlamentären wurde auch er gefangen genommen und dann zur Identifizierung von Goebbels Leichnam herangezogen. Am 21. Juni 1945 flog man ihn nach Moskau. Hier, von den Sowjets inhaftiert, gehörte Fritzsche schließlich zu den Hauptangeklagten im Nürnberger Prozess. Da Goebbels tot war, musste er als dessen Stellvertreter den Platz auf der Anklagebank einnehmen.

In der mehrere Monate andauernden Untersuchungshaft erfuhr er, dass sich seine Frau und Tochter in Hamburg aufhielten. Ehefrau Karin konnte dort vorübergehend wieder als Zahnärztin arbeiten. Doch schon bald wurde ihr diese Tätigkeit aufgrund der Anklage gegen ihren Mann untersagt. Im Gefängnis besuchen konnte sie diesen auch nicht. Denn das war den Angehörigen aller Angeklagten untersagt. Doch davon ließ sich Hildegard Springer nicht entmutigen. Sie „heuerte“ kurzerhand als Sekretärin bei Fritzsches Verteidiger an. So konnten sich die Beiden oft sehen und auch miteinander sprechen.

Schließlich wurde das einstige Radioidol, gegen das Votum der Sowjets, am 30. September 1946 freigesprochen und aus der Haft entlassen. Diese glückliche Fügung trafen Mandant und Verteidiger vollkommen überraschend und sorgten für hitzige Debatten in der Presse und deutschen Zivilgesellschaft. Von der alliierten Gerichtsbarkeit verschont, verurteilte ihn aber etwas später ein deutsches Gericht zu neun Jahren Arbeitslager. Aus dieser Haft wurde er vorzeitig im September 1950 entlassen.

Zwischenzeitlich war er von seiner Frau geschieden und hatte sich 1948 mit Hildegard Springer verlobt. Diese heiratete er im Mai 1951. Nach seiner Haftentlassung arbeitete er bei einer französischen Kosmetikfirma als Werbeleiter. Da er selbst nicht mehr journalistisch tätig werden durfte übernahm das nun seine Frau für ihn. Gemeinsam veröffentlichten sie unter dem Namen von Hildegard Springer in der Schweiz zwei Bücher über das Leben von Hans Fritzsche. Seine Freiheit konnte, der als Kettenraucher bekannte Fritzsche, jedoch nicht mehr lange genießen. Er starb, mit nur 53 Jahren, im September 1953 an den Folgen von Lungenkrebs.

Die einstigen Wirtsleute von Hildegard Springer auf dem Böhner Wilhelminenhof wurden Anfang September 1945 enteignet. Im Rahmen der Satzung der Bodenreform erhielten die Schwiegereltern und die Schwägerin des einstigen Gutsbesitzers Hermann Schmidt je eine Neubauernwirtschaft zugewiesen. Nachdem diese begonnen hatten sich einzurichten, wurden im Frühjahr 1946 auf Weisung des damaligen Landrates Paul Albrecht, beiden Neubauernfamilien die Wirtschaften wieder entzogen. Zeitzeugen vermuteten, dass hierfür die Nähe der Gutsbesitzerfamilie Schmidt zu dem vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg stehenden Hans Fritzsche den Ausschlag gegeben hat.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG