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Workshop zum Nachfühlen und Annähern an gehörlose Menschen / Dolmetscherin klärt auf

Gebärdensprache
Ein Leben ohne Gesprochenes

Vorstellen mit Menschenkenntnis: Heidi  Seyffart (l.) ist gehörlos und gab einen Gebärdenworkshop in der Kommunität LechLecha in Zerpenschleuse. Hörenden wurde schnell klar, wie schwierig das Leben ohne Sprache sein kann.
Vorstellen mit Menschenkenntnis: Heidi  Seyffart (l.) ist gehörlos und gab einen Gebärdenworkshop in der Kommunität LechLecha in Zerpenschleuse. Hörenden wurde schnell klar, wie schwierig das Leben ohne Sprache sein kann. © Foto: Renate Meliß
Renate Meliß / 04.02.2019, 06:30 Uhr
Zerpenschleuse Von Renate Meliß

Ihre Gebärden, die sie mit den Händen macht, unterstreicht sie mit Lauten und Lippenbewegungen, die recht gut als Worte zu verstehen sind. In der Kommunität LechLecha in Zerpenschleuse konnten interessierte Hörende in den Gebärdensprachkurs  schnuppern.

Einen Stapel  A 4 Blätter vor sich, dicht mit Hand beschrieben, die  Gebärdendolmetscherin  Regine Lünstroth neben sich, mit der Heidi Seyffart seit 20 Jahren befreundet ist, sitzen um den Tisch Frauen, die sich für das Thema der Gebärdensprache interessieren. Man stellt sich einander vor, aber wie macht man das, wenn das Gegenüber gehörlos ist?  Der erste Eindruck eines Menschen zählt, gibt Heidi Seyffart zu verstehen.  Zum Beispiel trägt jemand einen Zopf. Also ist ihr Name als sichtbares Zeichen die Zopfgebärde. Frau Seyffart selbst legt sich die Hand auf die Brust, anschließend streicht sie mit Mittel- und Zeigefinger schnell über ihre Wange – das Zeichen für sich selbst. Danach reibt sie sich die Hände wie mit Seife – das erklärt ihren Namen: Ich bin Frau Seyffart.

Wie soll sich ein Hörender aber einem Gehörlosen gegenüber gebärden, wenn er die Zeichen nicht kennt. Hierbei sei vor allem das Mundbild entscheidend, wird erklärt. Ganz wichtig ist es, den Gehörlosen direkt anzuschauen, damit er die Mundbewegungen auch wahrnehmen kann. 90 Prozent aller gehörlosen Kinder werden von hörenden Eltern geboren. Auch die kennen keine Gebärdensprache. Aber da Gehörlose  Augenmenschen sind, sind sie auf Bilder, Gesten und Mimik ansprechbar.  „Komm her“,  das „Drohen mit dem Zeigefinger“,  „Stopp“ oder das Zeichen fürs Telefonieren ist ja auch normal hörenden Menschen bekannt und wird oft mit entsprechenden Gesten unterlegt. „Hier sind wir gleich bei einem wichtigen Punkt“, übersetzt Regine Lünstroth, Pfarrerin und Dolmetscherin neben Heidi Seyffart.

Seit 1998 ist sie in der Gehörlosen Seelsorge in Brandenburg tätig. „Heidi war meine Gebärdensprachlehrerin, so dass ich Gottesdienste für Gehörlose abhalten konnte“, erzählt sie. Frau Seyffart nimmt jetzt ihr Smartphone zur Hand. Unendlich dankbar sei man als gehörloser Mensch für diese Erfindung, meint sie, denn es habe Gehörlosen ganz andere Horizonte eröffnet. Die Gebärdensprache selbst erklärt sich wie eine Bühne, welche die räumliche Darstellung nutzt. Darauf werden die auszudrückenden Dinge per Gebärde „gestellt“ und so miteinander in Beziehung gebracht, dass es die entsprechende Aussage ergibt. Allerdings in ganz eigener Anordnung und Reihenfolge. Zudem gibt es noch das direkte Gebärden-Alphabet, das so genannte Fingeralphabet. Fällt es heute auch Gehörlosen leichter, am Alltagsleben teilzunehmen, wozu neben dem Smartphone zum Beispiel auch die Untertitel im TV oder auf DVD‘s zählen, so gibt es dennoch viele Barrieren.

Als besonders schwierig bezeichnet sie dabei Arztbesuche. „Nicht sehen können, trennt von den Dingen, nicht hören können von den Menschen“, wusste schon der Philosoph Immanuel Kant. Hören bedeutet Information, Emotion, Orientierung außer der reinen Kommunikation. Heute ist die Gebärdensprache fast überall anerkannt. Doch das war nicht immer so.  Von den Anhängern des so genannten Oralismus wurde die Gebärdensprache gehörloser Kinder lange unterdrückt, weil man glaubte, sie behindere das Erlernen der für gehörlose Kinder nicht oder nur schwer wahrnehmbaren Lautsprache. Kindern wurden gar die Hände gebunden.

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