Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Im Februar 1945 tobten rund um Klessin erbitterte Kämpfe / Bis 2020 will der Heimatverein Wuhden mit vielen Partnern Areal begehbar und informativ gestalten

Kessel Klessin
Einstiger Kampfplatz wird Erinnerungsstätte

Freigelegt: Bei der Suche nach Überresten von Gefallenen haben Helfer im Laufe der Jahre Kellerräume des ehemaligen Schlosses (Foto von 2018) sowie der Ställe freigelegt. Alles wurde dokumentiert und dann zugeschoben. Dort entsteht eine Erinnerungsstätte. r
Freigelegt: Bei der Suche nach Überresten von Gefallenen haben Helfer im Laufe der Jahre Kellerräume des ehemaligen Schlosses (Foto von 2018) sowie der Ställe freigelegt. Alles wurde dokumentiert und dann zugeschoben. Dort entsteht eine Erinnerungsstätte. r © Foto: Johann Müller
Hans-Jürgen Herget / 20.02.2019, 07:45 Uhr
Klessin (MOZ) Vor  74 Jahren tobten um diese Zeit im Oderbruch erbitterte Kämpfe. Das Gut Klessin war Schauplatz einer Vernichtungsschlacht. Jetzt entsteht dort eine Gedenkstätte für Deutsche und Russen.

Nur etwa 40 deutsche Soldaten überlebten. Sie hatten es am 23. März 1945 geschafft, aus dem russischen Kessel um das Gut Klessin auszubrechen und sich zu den deutschen Linien im nur zwei Kilometer entfernten Podelzig durchzuschlagen. 40 von mehr als 400. Die anderen lagen tot oder verwundet in den Trümmern des Schlosses und der angrenzenden Scheunen, Ställe und Arbeiterhäuser sowie in Schützengräben: deutsche Soldaten aus zusammengewürfelten Einheiten von Fahnenjunkerschulen, zersplitterten Wehrmachtsverbänden, Volkssturm, Arbeitsdienst und Pimpfen, die in zu große Uniformen gesteckt wurden und kaum ausgebildet die Front halten sollten. Die Front, das war der rund 60 Meter hohe Hang, an dessen Fuß die damals zugefrorene Oder lag, in dessen Vorderseite Schützengräben gebuddelt waren, von dem sich der russische Aufmarsch auf der östlichen Oderseite hervorragend beobachten und beschießen ließ. „Fällt Klessin, fällt Berlin“ soll Hitler gesagt haben. Historisch belegt ist das nicht, aber die Parole wurde den Landsern immer wieder eingetrichtert. Über sieben Wochen widerstanden sie den gut ausgebildeten und ausgerüsteten russischen Einheiten, obwohl es immer wieder an Waffen, Munition, Essen, Wasser und Medikamenten mangelte. Ein paar Panther-Panzer der Wehrmacht waren noch mit Nachschub dorthin gelangt. Aber zurück schafften sie es nicht mehr. Die Luftwaffe warf Versorgungsbomben ab, manche landeten beim Gegner. An der aussichtslosen Lage der Verteidiger änderten sie kaum etwas.

Selbst nach Kriegsende forderte der Kampfplatz Opfer. Klessiner, die zurückgekehrt waren, traten oder fuhren auf Minen, Kinder verletzten sich, als sie mit Fundmunition spielten. Den Ort selbst gab es nicht mehr. Alle Gebäude waren zerstört. Die ehemaligen Schlossherren wurden im Herbst 1945 enteignet und durften sich im Umkreis von 200 km nicht niederlassen. Später wurden einige Häuser wieder aufgebaut, Neusiedler kamen Ende der vierziger Jahre hinzu. Dort, wo einst gekämpft und gestorben wurde, eroberte sich die Natur das Areal zurück. Das VEG lud zu DDR-Zeiten Bauschutt ab und die Bevölkerung entsorgte dort ihren Hausmüll, nach dem Mauerfall wühlten Sammler von Kriegsschrott den Boden durch. Dann wurde der Heimatverein aus Wuhden auf dieses blutgetränkte Fleckchen Erde aufmerksam. „Wir wollten die Gefallenen bergen und ihnen eine würdige Ruhestätte geben.  Wir konnten nicht mit ansehen, wie Planungsbüros vor 20 Jahren das Areal mit noch mehr Bauschutt zukippen wollten. Nach jahrelangen Verhandlungen mit der Bodenverwertungsgesellschaft  konnten wir das Gelände im Rahmen eines Bodenordnungsverfahrens 2009 erwerben“, erzählt  Reinhard Tietz vom Verein.  Parallel dazu finden seit zehn Jahren Grabungen des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) statt. Die Wuhdener beräumten in jahrelanger  mühevoller und ehrenamtlicher Arbeit mit Unterstützung der Gemeinde und zahlreicher Unternehmer aus der örtlichen Wirtschaft das Areal, legten die Kellerräume frei, in denen man auch noch ein Skelett und Dinge fand. Bis 2020, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, soll dort eine Gedenkstätte entstehen, wieder mit Unterstützung von Gemeinde, Landkreis, privaten Helfern und der Gedenkstätte in Seelow. Das Projekt  kann nur mit Fördermitteln umgesetzt werden. Fördermittelanträge wurden im letzten Jahr und in diesem Jahr  gestellt. Der aufzubringende Eigenanteil konnte mittels Spendenaktionen eingeworben werden. Eine Nachbildung des Schlossportals steht bereits, soll aber später noch aus einer Stahllegierung ersetzt werden. Auch zwei Findlinge, die jeweils an die gefallenen Deutschen und Russen erinnern, haben bereits ihren Platz gefunden. Büsche und Pflanzen werden die ehemaligen Stallanlagen markieren. Zu allem gibt es Informationstafeln. Erstmals wird der Gefallenen beider Seiten auf einem Areal gedacht.

Mehr Informationen im Internet unter www.heimatverein-wuhden.de

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG