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Mühlenhaupt-Museum
Wenn Rainald Grebe Theodor Fontane liest

Vor vollem Haus: Die Künstler Tilla Kratochwil und Rainald Grebe lasen aus den Briefen, die sich Theodor und Emilie Fontane ihr Leben lang geschrieben haben.
Vor vollem Haus: Die Künstler Tilla Kratochwil und Rainald Grebe lasen aus den Briefen, die sich Theodor und Emilie Fontane ihr Leben lang geschrieben haben. © Foto: Wolfgang Gumprich
Wolfgang Gumprich / 04.03.2019, 18:52 Uhr
Bergsdorf Zwischen 12 000 und 15 000 Briefen soll Theodor Fontane nach literaturwissenschaftlichen Schätzungen wohl zeit seines Lebens geschrieben haben, die meisten privater Natur an seine Kinder und an seine Frau Emilie. Zum Fontanejahr haben die Schauspielerin Tilla Kratochwil und der Musiker und Autor Rainald Grebe den Briefwechsel der beiden gesichtet und  eine gut einstündige Lesung komponiert, die sie am Sonntag im vollbesetzten Mühlenhaupt-Museum präsentierten.

Je länger man die beiden auf den Bühne zuhörte, um so vertrauter wurde man mit dem Ehepaar Fontane, die im Laufe der Jahre einen eigenen „Sprachcode“ füreinander entwickelten, der beim Zuhörer manchmal schroff „ankam“, aber nach vielen Ehejahren den anderen eher schmunzel ließ. So fordert er kurz vor der Geburt eines der zahlreichen Kinder von ihr „aber nur eins, wenn ich bitten darf!“ .Hätte Fontane die Emojis bekannt, hier hätte er eines gesetzt!

Grebe und Kratochwil lasen eine Auswahl von Briefen aus den Jahren 1850 bis 1870. In ihnen drehen sich die Themen um Geldsorgen, Sehnsucht, Trennung und die Kinder. Die Briefe beginnen in den ersten Ehejahren, als sie in Lignitz lebt, er sein berufliches Glück und Vorankommen als Korrespondent in London sucht. Sie gibt den Ton vor, möchte in den Briefen mit ihm „plaudern“ und redet ihn mit „mein Herzensmann“ an; er antwortet seiner „Herzensemilie“, sie schildert ihren Alltag, klagt über Beschwerden der Schwangerschaft oder über Zahnreißen, er ihr seine Gehversuche im fremden Land. Kennt man seine Biographie, so merkt man, dass Fontane in den Briefen an seine Frau seine Lage ein wenig schöner schreibt, als sie tatsächlich ist

Die beiden Künstler haben einen Brief am 14. September 1855 entdeckt, in dem Theo seiner „lieben guten  Mila“ aus London spontan schreibt: Er befinde sich nach einem Glas Grog „auf dem schlüpfrigen Pfad der Besoffenheit“ und sei „in seligem Frieden“ mit sich.  Er schließt: „Ich denke an Euch, auch nüchtern“. Grebe liest hier mit einer solchen Lust am Vortrag, dass des den männlichen Zuhörer dürstete...

Während er sich selbst einmal  als „Mann der langen Briefe“ beschrieb, empfiehlt Fontane seiner Emilie, nicht mehr als vier Seiten zu schreiben, sonst würde sie schwermütig.

Im Laufe der Ehe ändert sich leicht der Ton, der Herzensmann wird zu „lieber Theo“, er schreibt an die „liebe Mila“. Es gibt brieflichen Zoff, den Kratochil und Grebe so gekonnt  vortragen, dass man als Zuhörer am liebsten dazwischengehen möchte. Es bleibt ein gelungener Nachmittag mit tiefen Einblicken in ein Eheleben — ohne ein Voyeur zu sein.

Ein ketzterisches P.S: Die Briefe der Fontanes zwischen London und Preußen benötigten im 19. Jahrhundert etwa vier Tage, einen Wert, den die Deutsche Post wohl auch heute erreicht. (wg)

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