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Ziegelei-Geschichte
Der Böhner Ludwigshof

Hans-Jürgen Wodtke / 31.03.2019, 05:15 Uhr
Böhne Der Ludwigshof oder auch das als "Storchennest" bezeichnete Anwesen wird vielen bekannt sein. Schließlich liegt das Objekt direkt am Havelradweg zwischen Böhne und den Eisenbahnbrücken und ist auch für Wasserwanderer von der Havel aus gut einzusehen. Doch heute erinnert hier nur noch der Schornstein an einen der leistungsfähigsten Ziegeleibetriebe der Region. Die interessante, rund 175-jährige Geschichte des Hofs ließ am 8. März die Ziegelhistorikerin Heike Brett bei einem gutbesuchten Vortrag im Böhner Gemeindezentrum noch einmal Revue passieren.

Gegründet wurde die Ziegelei durch den 1818 in Rathenow geborenen Eduard Borchmann. Dieser erwarb 1843 von den beiden Böhner Ackermännern Andreas Zehle und Jakob Schmidt deren Acker-, Wald- und Wiesenflächen, aber nicht ihre Höfe im Dorf. Zu Borchmanns Neuerwerbungen gehörte auch das etwas höher gelegene und zu jener Zeit als "Ablage" bezeichnete Areal, direkt an der Havel. Nur rund einen Kilometer flussabwärts befand sich zu dieser Zeit bereits die Borchmannsche Ziegelei. Diese hatte sein Vater Ludwig Borchmann gegründet und wurde nach dessen Tod von dessen jüngeren Sohn Hubert weitergeführt.Eduard Borchmann errichtete ab 1845, der Familientradition folgend, auf der "Ablage" seine eigene Handstreichziegelei und ein Gutshaus mit Nebengelass. Nur zwei Jahre später erweiterte er das Objekt an der Havel um eine Kunst- und Handelsgärtnerei sowie eine Baumschule. Seit 1847 trägt das Anwesen, in Erinnerung an Vater Borchmann, die offizielle Bezeichnung Ludwigshof.

Nur ein Jahr später begann Eduard Borchmann, seine Ziegelei zu einem für die Zeit sehr modernen Betrieb auszubauen. Hierzu heißt es in einem Beitrag im Heimatkalender für die Kreise Jerichow von 1936/37: "Die bestehende Ziegelei wurde in den Jahren 1848/49 zu einem Dampfpressenbetrieb mit acht Ziegelöfen ausgebaut. [Damit entwickelte sich das Unternehmen] zu einem der modernsten, leistungsfähigsten Werke seiner Zeit. Zahlreiche öffentliche Bauten in unserem und den Nachbarkreisen, […] viele Schulen und Anstalten in Berlin und anderen Großstädten sind aus der Ludwigshofer Brennerde errichtet worden. [Die Ziegelei hatte sich in den Folgejahren so prächtig entwickelt, dass Anfang der 1860er Jahre] an die 200 Arbeiter aus den umliegenden Orten […] ja bis von Jerichow her bei Borchmann ihr gutes Brot fanden. Die Werksarbeit begann täglich um 5.00 Uhr und dauerte mit einstündiger Mittagspause und den zwei je halbstündigen Frühstücks- und Vesperzeiten bis 19.00 Uhr."Mit der Anschaffung einer Dampfmaschine, als Grundvoraussetzung für eine mechanisierte Fertigung, gehört Borchmann zu den Pionieren bei der Einführung der Dampfkraft in der Region. Neben den ziegeleitypischen Berufen gehörten fortan auch ein besonders geachteter Maschinenmeister und technisch qualifizierte Heizer mit zum Team auf dem Ludwigshof. Von jetzt an bestimmte der Takt der Dampfmaschine die bis dato ausschließlich von Handarbeit geprägten Arbeitsprozesse.

Nach jetzigem Erkenntnisstand wurden die Steine aus Eduard Borchmanns Ziegelei von Anbeginn an mit "Eduard Borchmann, Rathenow" gestempelt. Wenn auch die Fertigungsstätte nicht in Rathenow lag, war das eine durchaus übliche Praxis. Mit dem Aufdruck "Rathenow" wurde im damaligen allgemeinen Einvernehmen signalisiert, dass es sich um Produkte einer hohen Qualitätsstufe aus der Rathenower Region handelte.An der Ziegelkennzeichnung änderte sich auch nichts, als 1872 Borchmanns Sohn Gustav, als weiterer leitender Gesellschafter, in den väterlichen Betrieb einstieg. Das Unternehmen nannte sich jetzt "Eduard Borchmann Söhne". Diese Firmenbezeichnung blieb auch bestehen, als Vater Borchmann später offiziell das Unternehmen verließ.

1890 und damit 45 Jahre nach der Produktionsaufnahme kam es zu einem dokumentierten Produktionsstillstand auf dem Ludwigshof. Das Unternehmen geriet in Lieferschwierigkeiten und konnte unter anderem auch nicht die benötigten handgestrichenen Steine für den Bau des Rathenower Kreishauses liefern. Die genauen Ursachen für das vorübergehende Produktions-Aus sind nicht bekannt. Sie stehen aber offensichtlich mit der allgemein schwieriger werdenden Marktsituation für Ziegelprodukte im Zusammenhang.

1893 versucht Gustav Borchmann einen Neustart des Traditionsunternehmens. Offenkundig aber nicht mit hinreichendem Erfolg. Denn zum 1. April 1896 wurden die Kaufleute Rudolf Döbbelin und Hermann Jaesirich Besitzer der Ludwigshofer Ziegelei. Die neuen Besitzer firmierten sodann unter der Firmenbezeichnung "Verbundsteinwerk Ludwigshof-Böhne bei Rathenow". Wie die Unternehmensbezeichnung bereits erwarten lässt, setzten die neuen Besitzer auf eine größere Vielfalt im Angebot.  Eine zu Werbezwecken versandte Firmenofferte unterstrich dieses nachdrücklich.

Nur wenige Monate nach dem Verkauf verstarb mit 78 Jahren der einstige Firmengründer in Berlin- Charlottenburg. Doch damit ging nicht nur ein erfolgreiches Unternehmerleben zu Ende. Eduard Borchmann war auch geschätzter Aufsichtsratsvorsitzender in der Optischen Industrieanstalt (ehemals Busch AG), sowie über Jahre Rathenower Ratsherr und darüber hinaus in weiteren gesellschaftlichen Gremien der Region führend tätig.

Bereits zwei Jahre nach der ersten Veräußerung wechselte der Betrieb erneut seinen Besitzer. Weitere Käufer folgten in den nächsten Jahren. Doch auch diesen gelang es nicht mehr, den einst so erfolgreichen Ziegelstandort auch nur andeutungsweise wieder an die vergangene Größe heranzuführen. Heute kann man davon ausgehen, dass dort vor gut 90 Jahren die Ziegelherstellung endgültig eingestellt wurde. Das Anwesen wurde dann, ab Mitte der 1920er Jahre, als Bauernwirtschaft weiterbetrieben.

1965 erwarb die Rathenower "PGH Duncker" Teile des Anwesens zu Freizeitzwecken. Den Rest kaufte 1970 der VEB Chemiehandel Potsdam. Hier entstand ein bis zur politischen Wende erfolgreich betriebenes Kinderferienlager. Danach ist auf dem fast vollständig zurückgebauten Areal eine Wohnanlage entstanden. Lediglich der alte Ziegeleischorstein zeugt noch heute von der einst erfolgreichen Produktionsstätte für Ziegel.

Abschließend ist noch zu bemerken, dass Ludwig Borchmann auch den Böhner Wilhelminenhof gründete. Dieses landwirtschaftlich genutzte Anwesen, mit respektablen Herrenhaus, befand sich von 1847 bis 1906 im Familienbesitz. Dagegen ist das markante Ziegelbauwerk "Luisenhof", direkt an der L 96, erst Anfang des 20. Jahrhunderts und damit nach der Borchmann-Ära entstanden.

BU: Ortsbeiratsmitglied Petra Jäger (li) bedankte sich bei Heike Brett für den interessanten und kurzweiligen Vortrag zum einstigen Böhner Ziegeleistandort Ludwigshof, Foto: Wodtke

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