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Porträt Der Mauerfall veränderte Biografien wie kein Ereignis zuvor. Wir stellen Menschen vor, die im Mauerbau-Jahr geboren wurden und aus ihrem Leben berichten. Heute: Dieter Schalo aus Zerpenschleuse.

Porträt
Die Unzufriedenheit wächst

Hans Still / 06.04.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 06.04.2019, 10:45
Zerpenschleuse (MOZ) Am Tag nach dem historischen Mauerfall  ratterte Dieter Schalo vormittags mit seinem Traktor der Sonne entgegen. Mit einem Futterhäcksler am Haken, erinnert er sich genau. Der damals 28-jährige Zerpenschleuser ahnte   nichts vom Umbruch im politischen Berlin. Neben der Arbeit als Traktorist in der Groß Schönebecker LPG Pflanzenproduktion gab es zu Hause  viel zu tun, Langeweile kam nie auf. Außerdem hatte Schalo mit seiner Familie 1987 mit dem Hausbau begonnen.

Zwölf Schweine und drei Bullen wollten täglich mit Futter versorgt werden. Immerhin brachte die private Viehhaltung  neben dem LPG-Lohn gutes Geld. "Wir waren zufrieden damals und konnten uns allerhand leisten. Natürlich haben wir auch hart gearbeitet", erinnert  sich Schalo, der schon vor der Wende einen teuren Farbfernseher in seiner Wohnstube wusste. Immerhin 6500 DDR-Mark kostete das überteuerte Gerät. Bezahlen konnte die junge Familie den horrenden Preis vom Erlös der Schweine und Bullen, die jährlich bis zu 25 000 Ost-Mark einbrachten.

So verpasste Schalo die Nacht der Nächte. Während Zehntausende nach  Günter Schabowskis legendärer Pressekonferenz den Grenzübergang in der Bernauer Straße stürmten, sorgte sich der junge Vater zweier Kinder um sein kleines Glück. Die Maueröffnung in Richtung Westen nimmt die Familie zuerst im TV wahr.

Für Schalo bleibt die Arbeit bei der LPG als "beste Zeit des Lebens" in Erinnerung.  "Wir haben schön unsere Arbeit gemacht, ich in der LPG, meine Frau in einer Küche", rekapituliert er. Und weiter: "Wenn das System weiter bestanden hätte, wäre ich vermutlich heute noch in der LPG. Wir waren 87 Kollegen, ich als Jugendvertreter im Vorstand. Da konnte ich auch damals meine Meinung sagen."

So richtig politisch klingt das nicht. Und so kam für den Zerpenschleuser  weder früher noch heute eine Parteimitgliedschaft in Frage. Allerdings arbeitete Schalo seit 1987 im Gemeinderat mit.

Natürlich wollte die Familie wissen, wie es denn so ist im Westen. Mit der Verzögerung von zwei Tagen schafften die Niederbarnimer es ebenfalls nach Berlin, um durch ein Loch in der Mauer den "goldenen Westen" zu betreten. Sie staunten nicht schlecht, was sie zu sehen bekamen. "Von einem Lkw heraus wurde Schmalz an die Ostdeutschen verteilt. Ich war damals schon übergewichtig und wunderte mich. Schmalz hatten wir schließlich selbst", schildert der kräftige 57-Jährige.

Von der Euphorie dieser Zeit ließ sich der gelernte Agrotechniker nicht anstecken. Zumal ihm bald die ersten Schattenseiten des neuen Systems begegneten. Vorbei war es nämlich mit dem Wert der privaten Viehzucht. "Es war ein Schock festzustellen, wie unsere Arbeit und der ganze Fleiß von jetzt auf gleich nichts mehr wert waren. 200 Westmark sollten wir noch für ein vier Zentner schweres Schwein erhalten."

Ein eher kleines gesundheitliches Problem sollte für Dieter Schalo eine persönliche Wende einleiten. Zunächst konnte er in der Wendezeit wegen eines Furunkels nicht mehr Traktor fahren. Die angebotene Stelle als LPG-Nachtwächter ließ ihn schnell unzufrieden werden. Als er wieder auf den Traktor gekonnte hätte, war seine Stelle nicht mehr verfügbar. So entfernte sich Schalo auf dem Sitz eines Lkw vom Typ W 50 aus dem behüteten Zerpenschleuse. Als Berufskraftfahrer lernte er die offenen Grenzen kennen und lieferte beispielsweise Möbelfolie aus Biesenthal in den Westteil Deutschlands. Allzu lange hielt es ihn nicht als Cowboy der Landstraße auf dem Bock. Zuhause warteten schließlich beide Kinder und die Frau, das Haus brauchte eine Handwerker-Hand.

Und so kam es, dass Schalo einen Weg einschlug, der noch heute seinen Berufsalltag bestimmt. Er bewarb sich beim Fahrdienstleiter des DRK in Bernau und hatte erstmals Schweißperlen auf der Stirn, als er es mit einem Unfalltoten zu tun bekam. All das ist Jahrzehnte her. Schon lange arbeitet Schalo als Rettungsassistent im Team der Rettungswache Zerpenschleuse. Auch gehört er seit 1991 der Feuerwehr an und leitet seit 2001 die Ortswehr.

Bis auf eine Unterbrechung war er immer im Ortsbeirat, aber dieses Kapitel wird er am 26. Mai mit der Kommunalwahl beenden. Es sind viele  Gründe, die ihn dabei bewegen. Einerseits kritisiert er die Veränderungen, die ihn wütend machen. Früher gab es zwei Konsum-Läden im Ort, Industriewaren und Bekleidung. Heute fährt der Landfahrer über die Orte. "Netto ist unser einziger Lichtblick", schätzt Schalo ein. Er kritisiert die zunehmende Bürokratie, die Verschwendung, die Selbstbedienung. Angefangen beim Flughafen BER bis hin zu kleinen Vorhaben im eigenen Dorf. "Schon 2011 ging es in Zerpenschleuse um den Gehweg, der erst seit Jahresende 2018 gemacht wird", ist Schalo verbittert.

30 Jahre nach der Wende werde immer noch in Ost und West unterschieden, beim Lohn, bei der Rente. "Aber in unseren Köpfen soll die Mauer verschwunden sein", hinterfragt Schalo. Für ihn ist klar: Sobald er die Rente gesund erreicht, will er endlich wieder ein, zwei Schweine halten.

Jahrgang ’61 - Wir stellen Ihre Biografie  vor

Die MOZ-Serie zum 30. Jahrestag des Mauerfalls möchte Menschen des Jahrgangs 1961 mit ihren Biografien und den Veränderungen vorstellen, die sich durch den Mauerfall ergeben haben. Das können Chancen und Möglichkeiten, Karrieren, wunderbare Erfahrungen oder Begegnungen sein, aber sicher auch Brüche, Enttäuschungen und Ängste. Gern können Sie sich an uns wenden. Wir freuen uns auf die Gespräche über ihre Erfahrungen von 1961 bis heute. Kontakt über Telefon 03338 395550 oder Mail an bernau-red@moz.de

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