Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Erfolgsstory
Unternehmer aus Böhne in Japan ein Denkmal gesetzt

Paul-Schmidt (1872-1935).
Paul-Schmidt (1872-1935). © Foto: Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 07.04.2019, 04:30 Uhr
Böhne Die Ziegelei der Familie Borchmann auf dem Böhner Ludwigshof war über viele Jahrzehnte eine über die Grenzen der Region sehr bekannte und erfolgreiche Fabrik. Maßgeblichen Anteil daran hatte die Familie Schmidt, aus deren Mitte über zwei Generationen der leitende Ziegelmeister stammte. Hier, unmittelbar an der Havel, fast am "Rande der Welt", aber auf dem Gelände einer pulsierenden und modernen Fabrik wurde Paul Schmidt am 10. März 1872 geboren. Dort verbrachte er auch seine Kindheit und frühen Jugendjahre, bevor es ihn in die weite Welt zog. In Japan wurde ihm sogar ein Denkmal errichtet.

Einblick in sein Leben vermittelt der Heimatkalender für die Jerichower Kreise I und II von 1936/37. Nach dem Besuch der Dorfschule in Böhne ging er einige Jahre an ein Gymnasium in Stendal. Ostern 1884 wechselte Paul Schmidt ans Realgymnasium in Rathenow. Nun begann ein hartes Leben. Wecken war früh um 4.45 Uhr. Nach  Milchsuppe und Brot zum Frühstück ging es um 5.00 Uhr zum Kahnen über den Fluss und weiter in den jenseitigen Havelarm hinein bis zur Siedlung Wieseshof. Nach der Überfahrt, die eine gute Viertelstunde in Anspruch nahm, wurde die Wanderung nach Rathenow angetreten, sechs Kilometer bei Sonnenschein oder strömenden Regen. Um 7.00 Uhr begann der Unterricht

Nach erfolgreichen Schulabschluss ging Paul Schmidt in die Lehre. Anders noch als seine Vorfahren zog es ihn nicht in die Ziegeleiwirtschaft, sondern in die aufstrebende Optische Industrie. Bei der Emil Busch AG genoss er eine, sein weiteres Leben prägende, allumfassende kaufmännische Ausbildung. Hier bekam er auch einen ersten Einblick in den damals stetig wachsenden, weltumspannenden Handel mit optischen Geräten und Produkten.

In der anschließenden Militärdienstzeit reifte in ihm der Entschluss, die Heimat nach seiner Entlassung vom Militär zu verlassen. Sein Glück suchte er anschließend bei einer französischen Optikfirma in Paris. Hier erkannte man schnell Schmidts Interesse am Außenhandel und bewunderte zudem seine überdurchschnittliche Sprachbegabung und das Improvisationstalent. Damit besaß er offensichtlich die besten Voraussetzungen zur Entsendung in Japans Hauptstadt Tokio. Dort sollte der gebürtige Böhner für die Firma eine erste Filiale aufbauen. Das zu der Zeit wirtschaftlich und militärisch rasant aufstrebende Japan war damals für die Menschen in Europa noch unendlich weit entfernt und damit relativ unbekannt.Nur fünf Jahre später, um 1900, hatte Paul Schmidt den japanischen Markt soweit erfolgreich erschlossen, dass er die erste geschäftliche Erkundungsreise nach Mittel- und Südchina unternahm. Die in den wenigen Jahren in der Fremde gesammelten Erfahrungen zum positiven Marktverhalten in Fernost führten bei ihm zum Wunsch, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Doch dazu musste Schmidt erst Lieferanten und Hersteller aus der optischen Industrie in Deutschland gewinnen, die ihn zukünftig zuverlässig mit hochwertigen Produkten in Fernost beliefern wollten.

Deshalb fuhr Paul Schmidt unmittelbar nach der Jahrhundertwende das erste Mal wieder nach Deutschland. Da für ihn die Zeit drängte, entschloss er sich den wesentlich kürzeren, aber auch beschwerlicheren und nicht ungefährlichen Landweg für seine Rückreise in die Heimat zu nehmen. Im Heimatkalender heißt es dazu: "Paul Schmidt konnte sich die Vertretungen leistungsfähiger deutscher Firmen während seines Aufenthalts in seinem Heimatland sichern, und mit den Garantien, das Beste zu liefern, was zu liefern war, trat er seine zweite Reise in den fernen Osten an."

Die eigene Firma "Schmidt Shoten" sei in Tokio bald gegründet gewesen, wie es weiter heißt, und es sei Schmidt gelungen, ihm treue und zuverlässige japanische Mitarbeiter zu finden. Paul Schmidt hätte sich von Anfang an die Anpassung an Land und Leute zur ersten Aufgabe gemacht. Hand in Hand sei das völlige Erlernen der japanischen Sprache gegangen. Er habe es bald so weit gebracht, dass er "Japanisch wie ein gebildeter Japaner sprach und schrieb".

Rückblickend kann man sagen, dass die Bereitschaft dazu, die Denk- und Verhaltensweisen seiner Gastgeber für sich selbst zu verinnerlichen und danach zu leben, offensichtlich der Schlüssel zum Erfolg wurde. Im Sog der japanischen Expansionspolitik in Richtung China gelang es ihm, 1911 in Peking eine erste Filiale im Reich der Mitte zu errichten. Auf dem Höhepunkt der geschäftlichen Entwicklung brach drei Jahre später der Erste Weltkrieg aus.

Die Firma "Schmidt Shoten" kam durch ausbleibende Lieferungen und immer größer werdende finanzielle Unsicherheiten zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Japans Kriegseintritt gegen Deutschland führte für Paul Schmidt, anders als für viele Deutsche in Japan, zu keiner Internierung und Enteignung. Dank guter Kontakte zu japanischen Politikern, Militärs und Unternehmern durfte er sein Geschäft, soweit noch möglich, sogar mit Deutschland weiterbetreiben.  Dennoch befand sich sein Unternehmen mit Ende des Krieges kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Erst nach Aktivierung alter und Akquirieren neuer Geschäftskontakte in Deutschland konnte sich seine Firma langsam wieder geschäftlich erholen. Am 1. September 1923, dem Tage des großen Erdbebens in Tokio, war Schmidts Unternehmung bereits wieder zu früherer Größe aufgestiegen. Der Firmeninhaber konnte beim Beben, mit anschließendem Großbrand, nur mit Mühe sein nacktes Leben retten. Von einem sicheren Ort aus musste er mit ansehen, wie die Naturgewalten seine Arbeit der vorhergehenden Jahre erbarmungslos zerstörten.

Mit Unterstützung aus der Heimat und weiterhin verlässlicher japanischer Kundschaft gelang dem Unternehmer und den Mitarbeitern ein Neustart. Mitte der 1930er Jahre betrieb "Schmidt Shoten" neben zahlreichen Filialen in Japan auch acht Niederlassungen in China und weitere in den von den Japanern inzwischen annektierten chinesischen Gebieten.Paul Schmidt blieb ein bescheidener Mann, der für seine Mitarbeiter für die damalige Zeit erstaunliche Sozialleistungen einführte. So baute er in den Hakone-Bergen, in der Nähe Tokios, an einem Kratersee, ein Landhaus für Erholungszwecke. Er war damals der erste Ausländer, dem überhaupt eine Erlaubnis zum Bau eines eigenen Hauses im heutigen Nationalpark Fuji-Hakone-Izu erteilt wurde. Zugleich wurde der Naturfreund Schmidt bis zu seinem Tode am 12. Dezember 1935 einer der wichtigsten Förderer des heute prächtigen Nationalparks.

Das Unternehmen "Schmidt Shoten" wurde durch japanische Mitarbeiter weitergeführt. Diese hatte Schmidt im Vorfeld ausgewählt und testamentarisch als Nachfolger festgelegt. Noch heute gibt es Nachfolgeunternehmen, unter anderem im chinesischen Honkong. Bis zu seinem Lebensende unterhielt er intensive Kontakte in die Heimat. So verweist der Heimatkalender auf stete materielle und finanzielle Unterstützung, die Verwandten, Freunden und Bekannten zuteil wurde, sowie große Weihnachtssendungen für die Armen in seinem Geburtsort Böhne.

Paul Schmidt gilt noch heute in Japan als einer der wichtigsten Wegbereiter des deutsch-japanischen Außenhandels. Ihm zu Ehren stiftete die Stadt Hakone ein recht beeindruckendes Denkmal im Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG