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Dorfgeschichte
Ziegelerde, ein begehrter Rohstoff

Übersicht der Ziegeleistandorte südwestlich von Rathenow.
Übersicht der Ziegeleistandorte südwestlich von Rathenow. © Foto: Brett7Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 28.04.2019, 03:30 Uhr
Böhne In der zweiten Hälfte des 19. und im frühen 20. Jahrhundert prägten zahlreiche Ziegeleien das wirtschaftliche Bild unserer Region. Maßgeblichen Anteil am regionalen Ziegeleiboom hatte die hier im Erdreich vorhandene hochwertige Ziegelerde. Einige Fertigungsstätten hatten bereits einen für die Zeit hohen Mechanisierungsgrad erreicht. Sie benötigten deshalb besonders viel von dieser speziellen Erde für ihren Fortbestand. Deshalb waren die Ziegeleibesitzer ständig auf der Suche nach neuen Lagerstätten. Für den immer begehrteren Rohstoff waren sie bereit, gute Preise zu zahlen - Geld, das damals die finanzschwache Gegend dringend gebrauchen konnte. Geld, das aber auch in den seit Jahrzehnten geprägten Dorfgemeinschaften zu gesellschaftlichen Veränderungen führte. Von diesem Wandel berichtet der langjährige Böhner Kantor und Chronist Meyer in seinen umfangreichen Aufzeichnungen.

Zur Entstehung der Ziegelerde in unseren Breiten schreibt Wolfgang Bünnig in seinem Buch "Rathenower Ziegelstempel" folgendes: "Den Grundstoff der ehemaligen Ziegelindustrie im Elbe-Havel-Dreieck bildeten nacheiszeitlich abgelagerte Tone. Man unterscheidet dabei die eigentlichen Haveltone von dem Elbeschlick. Das [von der] Ziegelindustrie [bevorzugte] Material waren die Elbeschlickablagerungen." Diese entstanden vor etwa 1.000 Jahren bei Überschwemmungen der Elbe und dem dann erfolgten Wasserabfluss durch unsere Region zur Havel.

Weiter heißt es bei Bünning: "Der dabei in die Niederung abgelagerte Schlick erreichte örtlich eine Mächtigkeit bis zu 4 Meter. Diese Ablagerungen sind nahezu kalkfrei. Sie besitzen einen hohen Eisengehalt und sind aufgrund ihrer Feinkörnigkeit besonders plastisch. Diese Eigenschaften gründen den guten Ruf der ‘Rathenower‘ Ziegel, da sie nach dem Brand besonders wetterfeste und kräftig rote Ziegel ergaben. Die durch die Havel abgelagerten Tone dagegen haben einen beachtlichen Kalkgehalt." Dieser musste vor der weiteren Verarbeitung aufwendig ausgeschlemmt werden, was zusätzlichen Aufwand und damit Kosten verursachte. Der heutige Premnitzer See war einst eine Tongrube, in der man diesen Havelton abbaute.

In einem im 19. Jahrhundert erschienenen "Handbuch Land-Bau-Kunst" heißt es: "In den Marken Preußens, und besonders in der Umgebung Berlins, findet man den als Ziegelerde brauchbaren Lehm […] unter den Sandhöhen, und Feldern, wo der Sandboden lehmhaltig in der Oberfläche angetroffen wird. Der braune und graue Lehm, so wie der blaue und schwarze Ton [ist] dagegen meistens in Niederungen auf Wiesen und Weidegrund, so wie auch an Ufern der Flüsse und Seen [anzutreffen]."

Weiterführend weist der Autor auf den zu erwartenden Wertverlust der Wiesen, aber besonders der Äcker nach der Gewinnung der Ziegelerde hin. Schließlich bedeutete der Abbau immer einen erheblichen Eingriff in die "gewachsene" Bodenstruktur und damit in der Folge Minderung der Bodenfruchtbarkeit. So ist es auch kein Wunder, wenn sich immer wieder Landwirte, trotz der verlockenden Einnahmen, nicht zum Abbau der Ziegelerde entschließen konnten. Denn der Gewinn durch den Verkauf, so meinten diese, war einmalig, die Ruinierung des Ackerbodens aber blieb in der Regel über Jahrzehnte, wenn nicht sogar für immer bestehen.Doch gab es, wie der Böhner Kantor und Chronist Meyer schreibt, durchaus auch andere Situationen, bei der die Gewinnung der begehrten Erde zu einer nachträglich merkbar erhöhten Bodenfruchtbarkeit geführt hatte.

Hierzu schreibt Meyer: "So wird dieser Ausfall mehr als ausreichend dadurch ausgeglichen, dass magerer Sand- und Heideboden durch Entfernung der Lehmschicht eine in die Augen fallende Melioration erfährt. Ziegelerde ist ein sehr schlechter Untergrund für Halmfrüchte und Bäume. Durch Beseitigung derselben wird für die genannten Gewächse die Nahrungsfläche vertieft. Die Humusschicht gewinnt in denen bei der Abfuhr zurückbleibenden Brocken Ziegelerde zudem ein überaus günstiges Bindemittel. So ist manches bisher wüst gebliebene, wertlos gehaltene Stück Land durch Entnahme der Ziegelerde in wertvolle Ertragsflächen [umgewandelt worden]." Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, dass in den 1870er Jahren für einen Morgen (2.500 Quadratmeter) 450  bis 900 Mark (7.425 bis 14.850 Euro, je nach Dicke der Ziegelerdschicht, gezahlt wurde. Im Vergleich verdiente ein Maurer zu der Zeit in einer Woche etwa 18 Mark (etwa 300 Euro). Der Verkauf des begehrten war damit ein durchaus einträgliches Geschäft für die Landbesitzer in der Region.

Weiter schreibt Chronist Meyer: "Das Auswerfen und die Anfuhr der Ziegelerde geschieht am besten während der Wintermonate. Die Erde wird durch den Frost mürbe und lässt sich dann leichter verarbeiten. So haben denn in dieser sonst arbeitslosen Zeit die Arbeiter willkommenen und einträglichen Verdienst von ein bis eineinhalb Mark pro Tag."

Selbst der Transport durch hiesige Ackerwirte wurde für diese zu einer lohnenden Beschäftigung. Darüber hinaus vermerkt Meyer, dass auch die ortsansässigen Stellmacher und Schmiede, in der für sie sonst arbeitsarmen Zeit, davon profitierten.Aus heutiger Sicht könnte man meinen, dass der Abbau der begehrten Erde somit nur Glück über unsere Vorfahren gebracht hat. Doch das sieht der strenge Chronist bei weitem nicht so.

Er hinterließ der Nachwelt sehr kritische Worte "Würde das durch den Verkauf von Ziegelerde vereinnahmte Geld zum Ankauf von [weiteren] Wiesen verwendet sein, anstatt als Taschengeld zur Beschaffung von unnützen Luxusgegenständen verzettelt werden, so wären die Ziegelerdeverkäufe ein wahrer Segen für die betroffenen Wirtschaften geworden. Denn der dann [zusätzliche] Futtergewinn ließe eine Vermehrung des Viehbestandes bei Einführung der Stallfütterung zu. Beides hätte eine Vermehrung der Düngerproduktion zur Folge gehabt. Dadurch letzten Endes der hiesige kalkhaltige Boden zur Erzeugung ergiebiger Ernten gekräftigt werden können. Darum kauft Wiesen! […] So ist zu beklagen, dass bei ganz günstiger Gelegenheit und den gegebenen Mitteln dieses versäumt worden ist und nicht in die Zukunft gedacht wird. Stattdessen hat der Ackermann, nun mit Geld in der Tasche, aufgehört ein Proletarier zu sein. Er lebt, wohnt und kleidet sich gut und will seinen Stand in jeder Weise anständig präsentieren. In dieser Hinsicht ist der Fortschritt gegen früher sehr in die Augen springend. Der Landmann der sowohl Grundstück als auch Vieh besitzt, fühlt sich heute auf einem hohen Ross".Mit diesen harten Worten prangert, der inzwischen in die Jahre gekommene Meyer, die veränderte Situation in Böhne an. In seinen weiteren Aufzeichnungen macht er sich zugleich Sorgen um den Fortbestand der seit Jahrzehnten gefügten sozialen Ordnung im Dorf. Und in der Tat, kann man der weiteren Böhner Geschichtsschreibung entnehmen, wie sich der Ort unter der Führung wirtschaftlich erstarkter Ackerbauern gesellschaftlich veränderte. In der Folge wurden die seit Jahrhunderten gefügten Strukturen und die Vorgaben der örtlichen Adelsfamilien immer weiter aufgebrochen und abgelöst. Es entstand eine weitestgehend selbstständige gemeindliche Selbstverwaltung, in die auch die unteren Schichten der Dorfgesellschaft mit einbezogen wurden.

Wenn man auch heute nicht nur die Ziegelerde für diese zum Teil recht bemerkenswerten Veränderungen heranziehen sollte, so hat doch der gewachsene Wohlstand einiger Einwohner des Ortes einiges im Gemeindeleben bewegt.

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