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Heimatgeschichte
Gute Aussichten für das Böhner Schwedenhaus

Südostansicht des Schwedenhauses auf dem Böhner Gutshof von 2001.
Südostansicht des Schwedenhauses auf dem Böhner Gutshof von 2001. © Foto: Sammlung Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 06.07.2019, 02:15 Uhr
Böhne Im Jahre 1661 vollendete der Böhner Gutsbesitzer und einstige Landrat, Jacob Friedrich von Briest, den Bau eines für die damalige Zeit recht ansehnlichen Wohnhauses. Dieses diente ihm fortan als Herrensitz. Nur 14 Jahre später spielte dieses Gebäude eine zentrale Rolle bei der erfolgreichen Vertreibung schwedischer Besatzer aus Rathenow. Noch heute ist das Haus immer noch ein imposantes Bauwerk und hat unzählige Wetterunwillen, mehrere verheerende Überschwemmungen und den Böhner Dorfbrand überlebt. Nun zeichnet sich ab, dass das betagte Gebäude einer neuen Zukunft entgegen sehen kann.

Zog man in der Vergangenheit die wenigen Quellen zur Entstehung des einstigen Gutshauses auf dem sogenannten großen Hof (Böhner Gutshof) heran, so ergaben sich einige Unstimmigkeiten, die Raum für Vermutungen ließen. So nahm man an, dass bereits Hans d.J. von Briest, Vater des späteren kurfürstlichen Landrats des Havellandes, mit dem Bau des imposanten Familienanwesens begann. Dieser war kurfürstlicher Brandenburgischer Kammerjunker und verstarb 1658 in Böhne. Doch das vor einigen Jahren vom Architekten und Heimatforscher Wolfram Bleis in Auftrag gegebene Dendrochronologische Gutachten (Altersbestimmung von Holz) hat ergeben, dass das Holz für das Dachtragewerk erst im Winter 1660/1661 geschlagen wurde. Damit steht zweifelfrei fest, dass Jacob Friedrich von Briest den Bau veranlasst haben muss. In dem Buch "Die Herrenhäuser des Havellandes" beschreibt Dieter Seidel das Objekt wie folgt: "Das Schwedenhaus […] ist ein massiv unterfangenes Fachwerkhaus mit zwei Geschossen und vereinigt unter einem Satteldach sieben Achsen. Die Gefache sind verputzt. Heute stehen noch zwei Lindenbäume vor dem Haus und [setzen damit] die Jahrhunderte alte Tradition der markanten Bepflanzung dörflicher Eingangsbereiche fort." Im Inneren führt aus dem großzügigen Eingangsbereich eine breite einseitig verlaufende Freitreppe zu einem offenen Podest im Obergeschoss.

Am 14. Juni 1675 wurde in dem Haus europäische Geschichte geschrieben. Denn am Abend dieses Tages traf dort der Kurfürst von Brandenburg nebst Gefolge ein und nahm Quartier. Von Böhne aus veranlasste er dann am Folgetag den erfolgreichen Angriff seines Heeres auf Rathenow. In der Folge beendeten die Kurfürstlichen mit Unterstützung der Bürger die Stadt die Besetzung durch schwedische Truppen. Mit diesem Überraschungssieg über die siegverwöhnten Schweden setzte das kurfürstliche Heer den Grundstein für die anschließende Vertreibung der Fremden vom brandenburgischen Territorium. BRAWO berichtete in dem Beitrag "Von Böhne gegen die Besatzungsmacht" am 9. Juni 2014 darüber.

In Erinnerung an das denkwürdige Ereignis erhielt in den späteren Jahren das herrschaftliche Haus in Böhne den Beinahmen "Schwedenhaus". Eine späte literarische Würdigung seiner Verdienste bei der Schwedenvertreibung erhielt der einstige Landrat, Jacob Friedrich von Briest in dem 1894/95 erschienen Gesellschaftsroman "Effi Briest" von Theodor Fontane. Dagegen geht der zeitweise in Rathenow lebende Wilhelm Kotzde in seinem 1908 erschienen Historienroman "Der Tag von Rathenow" unverständlicherweise weder auf von Briest noch auf das Böhner Schwedenhaus ein.

Ab 1746, so die Böhner Geschichtsschreibung, nutzten die Pächter und Inspektoren des Böhner Ritterguts das große zweistöckige Gebäude als Wohn- und Verwaltungssitz. So bewohnte auch Franz Ludwig Weyde am 28. August 1836 als Gutspächter das Schwedenhaus, als am Abend fast der gesamte Ort ein Raub der Flammen wurde. Das Gutspächterhaus zählte damals zu den wenigen Gebäuden, die vom Dorfbrand nicht zerstört wurden. Schon Jahre zuvor hatte das geschichtsträchtige Haus erfolgreich den verheerenden Elbe-Überschwemmungen von 1709 sowie 1761 und dann später auch noch 1845 getrotzt.

In dem Buch "Die Herrenhäuser des Havellandes" wird das Gebäude weiter wie folgt beschrieben: "Die westliche Giebelseite wurde im 19. Jahrhundert als `Brandgiebel´ in Backstein neu ausgeführt."  Vermutlich hat die letzte von Briest, Dorothea Frederike Briesen, verwitwete von Möllendorff, diese attraktive Bausicherungsmaßnahme vorgenommen. Wie noch einige Ziegelsteine deutlich erkennen lassen, stammen diese aus der eigenen Böhner Gutsziegelei. Vor rund 100 Jahren betrieb Heinrich Drawe als Pächter das Böhner Gut. In dieser Zeit, so lassen historische Fotodokumente vermuten, erhielt das Fachwerkhaus auf der dem Wirtschaftshof abgewandten Seite einen Anbau, vermutlich als Wirtschaftstrakt. Dieser ist später, wahrscheinlich auf Basis des Befehls 209 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), nach 1947 zur Baustoffgewinnung abgetragen worden.

Auf Drawe folgte bis zum Kriegsende Brendel als Pächter des Gutes. Dieser verließ Böhne vor dem Einzug der Roten Armee. Der letzte Gutsinspektor, Richard Apitsch, trat seine Anstellung am 1. Juli 1945 an. Er hatte diese Funktion bis zum 6. September 1945, dem Tag der Enteignung des Gutes, inne.

Nach dem Krieg diente das einst herrschaftliche Haus als Unterkunft für in Böhne gestrandete Flüchtlinge und Vertriebene sowie als Wohnhaus für zwei Neubauern und deren Familien. In dieser Zeit errichtete man am Ostgiebel eine zum Teil überdachte Holztreppe. In den 60er Jahren zog die Verwaltung der Böhner LPG "Befreites Land" in das Schwedenhaus ein. Damals nahmen die neuen Besitzer zahlreiche Umbauten im und am Gebäude vor. Auch erhielt das Haus zu jener Zeit eine neue Dacheindeckung, die wohl wichtigste Baumaßnahme, aus heutiger Sicht. Bis 1976 fanden, neben der Verwaltung, auch die Betriebsküche und der Speiseraum für die Belegschaft der Böhner LPG in den Räumen Platz. Auch danach wurde das Haus weiter von in der Landwirtschaft tätigen Unternehmen genutzt. Als letzter Betrieb unterhielt die Vieritzer LPG Tierproduktion "Karl Marx" bis etwa 1991 in den Räumlichkeiten eine Außenstelle.

Später bemühten sich die Naturparkverwaltung des Naturparks Westhavelland und zahlreiche andere Personen, Unternehmen und Einrichtungen erfolglos um die Übernahme des Schwedenhauses. So ist es schließlich still geworden um das immer noch imposante und geschichtsträchtige Böhner Bauwerk am Rande des Dorfes. Doch nun zeichnet sich erstmals seit langem eine ernstzunehmende Neunutzung ab, nicht nur für das Schwedenhaus sondern auch für die Nebengebäude. So beabsichtigt die in Rathenow ansässige IKW SozialProjekte gGmbH, in der ersten Phase das Schwedenhaus zu einem Objekt mit einem touristischen und sozialen Angebot zu entwickeln. Hierzu wurden unlängst von der Geschäftsführung der gGmbH die Bauantragsunterlagen bei den für die Prüfung zuständigen Stellen des Landkreises eingereicht.

Der zukünftige Bauherr erwartet für den Herbst des Jahres alle für den Umbau erforderlichen Zustimmungen und hofft dabei auf moderate Auflagen des Denkmalschutzes. Denn gerade teils kostspielige Forderungen des Denkmalschutzes haben in der Vergangenheit zum Rückzug so mancher Investoren geführt. Bei der IKW SozialProjekte gGmbH ist man sich durchaus des bauhistorischen Wertes des Gebäudes bewusst und will dieses beim Umbau bestmöglich berücksichtigen und das denkmalgeschützte Objekte möglichst schonend umgestalten. So ist es für das alte Haus, aber auch für den Rathenower Ortsteil und vor allem für den Investor zu wünschen, dass wie schon so oft in der Geschichte des Gebäudes auch dieses Mal über diesem eine glückliche Fügung schwebt.

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