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Eine junge Familie findet kein Grundstück in ihrem Heimatdorf Eichhorst. Im Ort gibt es aufgrund von Vorschriften und Verboten kein Baugrund.

Wachstum
Auf der Suche nach Bauland

Susan Hasse / 17.07.2019, 15:15 Uhr
Eichhorst (MOZ) Sie sind eine Vorzeigefamilie: Vater, Mutter, zwei kleine Kinder. Die klassische Mittelstandsfamilie, wie sie Politiker in Sonntagsreden preisen und fördern wollen. Juliane Pagel, Alexander Heinrich und ihre beiden Söhne Ole und Emil wohnen in Eichhorst. Nur eines fehlt ihnen noch zum Glück: Ein kleines Häuschen im Ort.

Das sollte doch kein Problem sein, könnte man meinen. Die Bauzinsen sind niedrig und das Baukindergeld von 12.000 Euro pro Kind soll jungen Familien helfen.  Doch das Werbellinsee-Dorf Eichhorst hat ein Wachstumsproblem. Während viele Barnimer Kommunen am Rand von Berlin aus allen Nähten platzen und Häuser wie Pilze aus dem Boden schießen, darf Eichhorst nicht wachsen. Ein komplexer Strauß von Vorschriften, Verboten und Schutzzonen verhindert, dass im Dorf gebaut werden darf. Ein Hindernis ist der Naturschutz und das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Dessen Grenzen wurden 1990 auf dem Reißbrett gezogen, sodass sie den Ort förmlich umklammern. Die Biosphäre fängt quasi am Haus an, schon der Gemüsegarten oder Sandkasten liegt in der Schutzzone, erklärt der vor wenigen Wochen gewählte Ortsbeirat Wulf Gärtner. Ein von der Gemeinde avisiertes Baugrundstück am Wald scheiterte etwa am Veto der Unteren Naturschutzbehörde. Obwohl auf dem Gelände noch Gebäude eines DDR-Ferienlagers stehen, die nur abgerissen werden müssten, darf hier nicht gebaut werden, da es eine "nach außen gerichtete Erweiterung des Dorfes" wäre. Überhaupt erschwert der seit Juli in Kraft gesetzte Landesentwicklungsplan (LEP) das Bauen. Der Plan beschränkt in den berlinfernen Dörfern die Ausweisung von Bauland. Die Wälder und Wiesen sollen als "grüne Lunge" für die Hauptstädter vorgehalten werden.

Für Familie Heinrich ist diese Melange aus Hindernissen ein echtes Problem. Seit Monaten halten sie in Eichhorst Ausschau nach Bauland. Die kleine Familie zog 2013 in das  Schorfheide-Dorf. Alexander Heinrich ist aktives Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr im Ort und  bringt sich auch sonst im Dorfleben ein. Seine Freundin Juliane engagiert sich im Kindergarten und packt beim anstehenden  Askanierfest am 10. August mit an. "Wir fühlen uns sehr wohl hier", so Heinrich. Gern würde die junge Familie im Dorf bleiben. Doch  ewig Miete zahlen, sei keine besonders attraktive Aussicht. Sie fragten daher bei der Gemeinde nach, ob Grundstücke verfügbar seien und bekamen eine Abfuhr. Mittlerweile gibt es im Bauamt, auf Drängen des Eichhorster Ortsbeirates, sogar eine Liste mit Bauwilligen. So könne schwarz auf weiß belegt werden, dass es in Eichhorst eine Nachfrage nach Bauland gibt, so Ortsvorsteher Gärtner.

"Wenn schon Bauland nicht möglich ist, kommt auch der Kauf eines Hauses in Frage", so Heinrich. Doch in Eichhorst wechseln nur vereinzelt Häuser den Besitzer. Wegziehen tut eigentlich niemand, wenn jemand stirbt, übernehmen die Erben das Haus oder verkaufen es an gut Betuchte, erzählen die beiden.

Gemeinde ändert Satzung

Seit Jahren kämpft der Ortsbeirat nun schon für Bauland. Dabei geht es nicht um große Baugebiete, sondern um Raum für eine Handvoll neuer Häuser, so Ortsvorsteher Gärtner. Die wenigen geeigneten Flächen sind in privater Hand und gelten als unverkäuflich.  Helfen soll nun eine Überarbeitung der Innenbereichssatzung. Die Grenzen sollen neu gezogen werden. So kann der bebaubare Bereich im Ort erweitert werden. Vielleicht findet sich so auch eine Baulücke für Familie Heinrich.

Kommentar: Abgehängter (Land-)Raum

Wird die soziale Frage im Land diskutiert, geht es zumeist um die Abgehängten der Gesellschaft - Hartz IV-Empfänger, Rentner mit geringer Rente und Flüchtlinge.

Aus den Augen geraten dabei schnell die viel zitierte Mittelschicht, also ganz normale Leute, die arbeiten und sich für ihre Familien ein gutes Leben wünschen. Die steigende Zahl der Protestwähler belegt, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, das Politik entweder für die "ganz oben" oder für  "ganz unten" gemacht wird.

Die Lebensbedingungen für die Durchschnittsbürger, die nummerisch die Mehrheit des Landes sind, zu erhalten bzw. zu verbessern, sollte wieder stärker im Fokus der Politik stehen.

Viele ganz normale Leute fühlen sich abgehängt. Junge Familien können sich entweder kein Eigentum mehr leisten oder scheitern an engstirnigen Regularien. Wenn etwa Natur- und Landschaftsschutz vorgeht, schwindet das Vertrauen in die Politik. Der jüngst noch rasch durchgepeitschte Landesentwicklungsplan behindert Wachstum der Dörfer im Oberbarnim zusätzlich. Die Folge ist, dass der ländliche Raum weiter ins Hintertreffen gerät.  Um den Durchschnittsbürger im ländlichen Raum nicht vollends abzuhängen, muss hier dringend gegengesteuert werden.⇥Susan Hasse

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