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Handwerker-Tradition
Nur das Nötigste im Gepäck auf der Walz

Jana Reimann-Grohs / 26.07.2019, 06:15 Uhr
Neuendorf im Sande (MOZ) Das Vogelgezwitscher in Neuendorf im Sande wird am Ortsrand immer wieder von lautem Hämmern, dröhnenden Kreissägen und Zurufen unterbrochen: Es geht heiß her auf der schachtübergreifenden Sommerbaustelle der Wandergesellen, welche kürzlich auf dem etwas abgelegenen alten Jüdischen Landgut aus dem Boden gestampft wurde.

Bei 34 Grad arbeiten am Vormittag etliche Gewerke auf Dächern, im Garten oder als Zulieferer im Freien, wie dem kurzfristig errichteten Sägewerk, wo das benötigte Holz verarbeitet wird. Einen Monat lang helfen hier junge Männer und Frauen nach ihrer handwerklichen Berufsausbildung freiwillig als freireisende Gesellen und Gesellinnen ohne Lohn mit – jeder solange er mag und wie es die Arbeit fordert. Sie kommen von weit her. Natürlich zu Fuß oder als Tramper mit dem Auto. Wer auf die Walz geht, trägt meist nichts außer einem Schlafsack, wenig Wechselwäsche und etwas Werkzeug im Bündel.

Die beiden Wandergesellinnen Sara und Anna fallen beim Rundgang über den Hof durch ihre traditionelle Kleidung auf. Sie betreuen die Großbaustelle als Teil der Hauptorganisation – so auch das denkmalgeschützte alte Stallgebäude, den "Bullenstall", und kümmern sich um sämtliche Belange ihrer Kameruds, wie sich gegenseitig nennen. Ihren Weg kreuzen bis zu zwei Mal täglich Neuankömmlinge, die als Fahrradgruppe herumgeführt und eingewiesen werden. Eine Traktorfahrerin fährt immer wieder Erde vom neu angelegten Spielplatz weg. Dort gestaltet gerade eine fünfköpfige Gruppe einen Baumstamm-Parcours für Kinder.

Frei Erfahrungen sammeln

Die Buchbinderin Anna ist vor zweieinhalb Jahren als fremde Freireisende in ihrer Heimat Dresden gestartet. Ohne Bücher zu reisen, fällt ihr "schon schwer", sagt sie. Aber diese Erfahrung sei durch nichts zu ersetzen und bleibe für immer etwas Besonderes. Unterwegs gibt die 26-Jährige weder für Unterkunft, Essen, noch Fortkommen Geld aus. Das sei das Spannende an der Walz: "Unterwegs mit Leuten ins Gespräch kommen, sich im Hier und Jetzt befinden und auf elektronische Kommunikation weitgehend verzichten". Einmal im Monat meldet sich Anna telefonisch bei Freunden, die nicht zur sogenannten Bannmeile mit 50 Kilometern Radius um ihren Startpunkt herum gehören, der traditionell auf dem Weg in die Fremde gemieden wird.

Die 29-jährige Tischlerin Sara gehört ebenfalls keinem Schacht an und sucht sich selbst aus, wo sie mithelfen möchte. Ein organisierter Schacht biete zwar ein stabiles Netzwerk, doch die beiden Frauen seien gern auf eigene Faust unterwegs und wollen unabhängig sein, sagen sie. Ihre Nachnamen spielen für diese Zeit keine Rolle, so Anna: "Wir identifizieren uns primär über den Beruf und das, was wir tun". Saras Reise hat sie aus Winterthur (Schweiz) über verschiedene Wege und Baustellen bis nach Brandenburg geführt.

Seit Mitte Juni bringt sie sich auf dem Landgut ein und lernt Neues kennen. Danach will sie nach Frankreich weiterziehen. Dort sind Wandergesellen aus verschiedenen Zünften ähnlich wie in der Schweiz oder hierzulande bekannt. Ihr reicht ein Telefonat, alle zwei Monate: mit Freunden oder der Familie. Anderthalb Jahre Walz hat sie noch vor sich. Wohin es sie letztlich verschlägt, hänge auch vom Zufall ab – den Möglichkeiten, die sich aufgrund von Begegnungen und Empfehlungen ergeben, betont sie.

Ausbau und Rekonstruktion

Die Sommerbaustelle der Wandergesellen hat auch Elektriker, Holzbildhauer und Kunsthandwerker angezogen. Ungefähr 80 Männer und Frauen aus sämtlichen Berufssparten begegnen sich derzeit täglich unzählige Male auf dem 36 Hektar großen Gelände. Sie arbeiten an den Projekten des Vereins "Zusammen in Neuendorf S.A.N.D.E." mit und gestalten den Gutshof mit seinen historischen Gebäuden neu.

Eine Gruppe von Berliner Eltern hat diesen Ort 2017 zufällig entdeckt und erst im vergangenem Jahr mithilfe der Stiftungen trias und Edith Maryon erworben. Unter den 20 Vereinsmitgliedern sind Schreiner, Künstler, Sozialarbeiter, Architekten, Landwirte, Volkswirte. Jeder Beruf werde gebraucht und sei hilfreich für die Entwicklung des Geländes, sagt Tanja Tricarico vom Verein. Ohne die Landwirtinnen gäbe es hier beispielsweise keinen Obstanbau und Gemüsegarten.

Zukunftsvisionen

Neben ein paar Altmietern leben die ersten Familien, mit Kindern zwischen null und neun Jahren, auf dem Gelände – "keineswegs abgelegen, nur 15 Fahrrad-Minuten bis Fürstenwalde", schwärmt Tanja Tricarico. "Perspektivisch wollen wir einladen und auch politische Bildungsarbeit betreiben. Wir sind keine Blase. Dies ist ein weltoffener Ort, der Vielfalt und Toleranz vorlebt."

Bis Ende August wird auf dem Landgut vermehrt gewohnt, gekocht, genäht, gewaschen, Schuhwerk repariert. Einem kleinen Dorf gleich organisieren sich Bewohner und Gewerke täglich selbst, was sie zum Leben brauchen. Nach getaner Arbeit wird zusammen Musik gemacht und im selbstgebauten Freiluftkino, das aus ein paar Bänken unter Bäumen und einer kleinen Bühne besteht, werden Filme gezeigt.

Lebensmittel oder finanzielle Spenden nimmt der Verein gern unter der E-Mail-Adresse spende@zusammen-in-neuendorf.de an.

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