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Martin Konrad aus Herzberg ist als Handwerksgeselle vielerorts ein gefragter Mann.

Wanderschaft
Handwerk füllt die Reisekasse

Auf der Walz: Michaela und Andreas Konrad aus Herzberg sehen ihren wandernden Sohn Martin nur selten, hier 2017 während eines Besuches in Tweelbäke bei Oldenburg
Auf der Walz: Michaela und Andreas Konrad aus Herzberg sehen ihren wandernden Sohn Martin nur selten, hier 2017 während eines Besuches in Tweelbäke bei Oldenburg © Foto: Ruth Buder
Ruth Buder / 06.08.2019, 08:00 Uhr
Herzberg Vor fast drei Jahren, genau am 20. November 2016, ist Martin Konrad auf Wanderschaft gegangen. Es war an einem kalten, sonnigen Sonntag, als der damals 22-jährige Zimmermann aus Herzberg vom halben Dorf, seinen Freunden und seiner Familie verabschiedet wurde. Als er sein Heimatdorf verließ, vergrub der junge Mann in Zimmermannskluft am Ortsausgang im Beisein anderer johlender Wandersgesellen mit einem Löffel im Waldboden eine Flasche mit guten Wünschen und eine Pulle Schnaps. Die darf er erst öffnen, wenn er nach der Wanderschaft heimkehrt: In drei Jahren und einem Tag. So will es der Brauch. Drei Jahre sind fast um. Wie geht es Martin heute? Wo ist er gerade? Wird er bald wieder heimkehren? "Nein, Martin kommt noch nicht nach Hause, er möchte noch weiter durch die Welt ziehen", weiß seine Mutter. Michaela Konrad hat geweint, als Martin auf die Walz ging, denn sie wusste, dass sie ihn so bald nicht wiedersehen würde und Kontakte beschränkt sind. Martin darf kein Handy haben und sich Herzberg in einer Bannmeile von 50 Kilometern nicht nähern. Ab und zu kommt eine WhatsApp, eine E-Mail oder eine Postkarte, in denen Unbekannte den Eltern mitteilen, dass es ihm gut geht. Ein paar Mal haben sie ihren abenteuerlustigen Sohn besucht. "Es hat eine Weile gedauert, ehe ich mich daran gewöhnt habe", erzählt die 52-jährige Apothekenhelferin. "Aber er ist so begeistert dabei, hat so viel gesehen, so viel erlebt. Und er hat vor zwei Jahren in Halle seine Freundin Paula kennengelernt. Sie wohnt in Hamburg. Das ist jetzt eine harte Prüfung für beide."

Über die Eltern erhält die MOZ eine Kontaktadresse. Es dauert, bis Martin antworten kann. Begeistert schreibt er, dass er in den letzten drei Jahren  viel durch den deutschsprachigen Raum gereist ist, also auch in Österreich und der Schweiz gearbeitet hat. "Im Winter 2018 war ich auf den Kanarischen Insel mit zwei anderen Gesellen. Wir haben viele nette Leute getroffen und einer Frau geholfen, bei der wir eine Weile bleiben konnten. Mit verschiedenen Arbeiten konnten wir unsere Reisekasse aufbessern." So eine abwechslungsreiche, aufregende Zeit erlebe man nur einmal im Leben: Einen Tag schlafe man draußen im Regen, am nächsten Tag sitzt man bei einem schönen Glas Wein vor dem Kamin bei fremden Leuten. Die meisten Menschen, so schreibt Martin Konrad, seien sehr offen und hilfsbereit. Junge Leute könnten mit dieser Tradition oft leider nichts anfangen. "Einmal hat ein kleiner Junge seine Mama gefragt: Was ist denn das für ein Rodeo-Clown?"

Letzten Winter war Martin für drei Monate in Neuseeland, wo er sich mit anderen Wandersgesellen traf. Während das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel nur erlaubt ist, wenn man keine Fahrkarte braucht und der Schaffner oder Busfahrer ein Auge zudrücken, ist das Fliegen mit Ticket möglich. Am meisten gehen sie zu Fuß. "Am anderen Ende der Welt haben sich die Menschen gewundert, wieso wir bei 35 Grad mit schwarzen Klamotten rumlaufen. "Die dachten, wir sind Musiker. Aber als wir ihnen erklärten, dass wir deutsche Handwerksgesellen sind, konnten wir uns vor Aufträgen nicht retten."

Nur Fliegen ist gestattet

Wo es im kommenden Winter hin geht, weiß Martin Konrad noch nicht genau. "Vielleicht wieder ins Warme, vielleicht auch nach Finnland." Das heißt, zur Diamantenen Hochzeit der Großeltern im Dezember und zu Weihnachten wird er noch nicht wieder zu Hause in Herzberg sein. "Aber vielleicht im Frühjahr nächsten Jahres", denkt der Wandersbursche, der gerade in Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein unterwegs ist.

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