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Wegen Fachkräftemangels muss die Seniorchefin der Textilreinigung Blume in Strausberg mit 75 Jahren noch Kunden bedienen.

Fachkräftemangel
75 Jahre und kein Ruhestand

An der Bügelstation: Thi Hanh Pham wird angelernt, hinten Seniorchefin Gisela Blume (75), rechts Inhaber Robert Blume.
An der Bügelstation: Thi Hanh Pham wird angelernt, hinten Seniorchefin Gisela Blume (75), rechts Inhaber Robert Blume. © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 16.08.2019, 09:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Die Arbeit in einer Textilreinigung ist anstrengend und hat wenig Spaßfaktoren. Sie ist so gar nicht hipp und hat auch nichts mit Internet und Social Media zu tun. "So etwas will heute einfach kein junger Mensch mehr lernen und machen", sagt Robert Blume. Er bekam im vergangenen Oktober bei einem festlichen Empfang in der Konzerthalle Frankfurt seinen Silbernen Meisterbrief überreicht. Seine Mutter Gisela Blume, die den von ihrem Großvater Alfred Schulz 1906 gegründeten Familienbetrieb in der DDR als Teil des Dienstleistungskombinats leitete und nach der Wende wieder in Familienbesitz zurückführte, nahm er zum Festakt mit.

Der Einzige seiner Branche

"Es waren rund 100 Meister dort: Jungmeister, Silberne und Goldene Altmeister", berichtet Robert Blume, "aber bei der Überreichung des Meisterbriefs sagte mir der Präsident der Handwerkskammer: Sie sind ja der einzige Textilreinigungsmeister hier." Und so ist es: Der Branche fehlt der Nachwuchs. An Blumes liegt es nicht. Ein Dutzend Schulabsolventen nahm seit der Wende eine Lehre bei ihnen auf, ganze zwei hielten bis zur Prüfung durch. Eine wurde gleich abgeworben, auch die andere sucht sich etwas Anderes. "Sie kommen zur Ausbildung, solange es neu ist und Spaß macht", sagt Robert Blume resigniert, "wenn es anstrengend wird, schicken sie den Krankenschein und schmeißen kurze Zeit später hin."

"Solange wir keine zweite Fachkraft hier haben, muss ich im Laden stehen", sagt Gisela Blume. "Meinen Ruhestand habe ich mir anders vorgestellt, als mit 75 Jahren immer noch zu arbeiten." Und eine ausgebildete Fachkraft müsse man sein, wenn man an der Ladentheke mit einem Blick auf die Stoffe einschätzen will, welches Reinigungs- oder Waschverfahren für die Faser zweckdienlich ist und was man den Kunden empfehlen und zusagen kann.

Umsichtige Helfer gefragt

Doch den Blumes fehlt nicht nur eine Fachkraft, auch umsichtige Mitarbeiterinnen zum Anlernen am Bügeltisch beispielsweise könnten einen Job finden. Bei der Arbeitsagentur kennt man ihre Kalamität und schickt Bewerber, die den Auftrag zum Vorstellungsgespräch mehr oder weniger ernsthaft erledigen. Auch mit einigen ausländischen Mitarbeiterinnen haben sie es versucht. Abgesehen von der Sprachbarriere waren auch Defizite in den Fertigkeiten beim Wäschelegen, Mangeln und Bügeln zu überwinden. Kürzlich fiel ihr Aushang an der Ladentür einer Vietnamesin auf, die eine vor wenigen Monaten nach Deutschland eingewanderte Landsfrau vermittelte: Thi Hanh Pham bemüht sich sichtlich am Bügeltisch und hat die ersten deutschen Wörter schon gelernt. Robert und Gisela Blume investieren viel Zeit und Geduld in die Erklärung der Arbeitsgänge und -abläufe. Und sie zahlen für die Helfer Mindestlohn. Als der eingeführt wurde, mussten sie die Preise erhöhen. Das fand nicht bei allen Kunden Verständnis.

Übrigens: Opa Alfred Schulz stand mit 75 nicht mehr im Laden.

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