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Zwei Politikerinnen der Linken haben sich auf ihrer Rundtour zum Thema mit Landwirten aus dem Raum Müncheberg getroffen.

Debatte um Zukunft der Landwirtschaft
Zwischen Sorgen und Visionen

Thomas Berger / 20.08.2019, 11:00 Uhr
Müncheberg Landwirtschaft hat viele Gesichter. Das betrifft die generelle Trennung in Acker­bau und tierische Produktion, konventionelle Erzeuger und solche mit Bio-Siegel, Flächen- und Betriebsgrößen. Genauso unterschiedlich sind im Detail die Probleme, obwohl es etliche übergreifende Themen gibt. Und beides, die Einzelbeispiele gerade bei innovativen, positiven Ansätzen ebenso wie die generellen Sorgen der Branche, spielen gerade bei der Rundtour der Linke-Politikerinnen Kirsten Tackmann und Anke Schwarzenberg durch die Brandenburger Landwirtschaft eine Rolle. Die eine sitzt im zuständigen Ausschuss des Bundestages, die andere in Potsdam im Landtag. Und Station machten sie jetzt auch in Müncheberg, wo beim Schutzacker Dahmsdorf, bei Schäfer Frank Hahnel und der Apfeltraum-Gärtnerei Eggersdorf verschiedene Aspekte angesprochen wurden.

Der vom Waldpferdehof betreute Schutzacker war der erste Halt am Morgen. Jan Sommer, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin den 2009 gegründeten Betrieb führt, ist Landtagskandidat der Grünen. In der Einschätzung dessen, vor welchen globalen oder zumindest bundesweiten Herausforderungen der von Klimawandel wie spekulativen Flächenkauf gleichermaßen bedrohte Agrarsektor steht und wo dringend Änderungen nötig sind, gab es mit dem Linken-Duo aber breite Übereinstimmung.

"Ich finde auf dieser Fläche häufig Menschen kriechend mit Fotoapparat und glückstrahlendem Gesicht", erzählte Sommer. Denn auf Brandenburgs erstem Schutzacker gedeihen vielerlei Wildkräuter, die sonst kaum noch zu finden sind. Mit der Bodenreform war die sechs Hektar große Fläche an Familie Koppe gegangen, die dort naturnah wirtschaftete. "Das Besondere ist ja, dass die Kräuter als Samenbank im Boden liegen, wie eine Art Arche Noah", erklärte Sommer. Als Koppes 2012 in Rente gingen, war die Frage, wie es mit diesem Schatz weitergeht. Der Waldpferdehof wurde angefragt, und binnen nur zwei Monaten musste alles über die Bühne gehen. "Hier bezahlt uns nun der Landschaftspflegeverband einmal im Jahr, dass wir die Ackerwildkräuter erhalten", mit dem Bestand sei der zuständige Betreuer sehr zufrieden. "Erhalt heißt ja nicht etwa, nichts zu machen", stellte Sommer klar, bearbeitet – aber schonend – wird die Fläche sehr wohl. "Eine Balance schaffen zwischen Landwirtschaft und Artenschutz", das benennt er als Ziel. Wie auch Wissenschaftler vom nahen Zalf in Müncheberg zu Insekten & Co. unterstreichen können, sei man da auf gutem Weg.

Doch auch konventionell wirtschaftende Kollegen engagieren sich, hieß es mit Blick auf den anwesenden Egbert Müller aus Hasenholz, der sich in vorbildlicher Weise um das Anlegen von Blühstreifen verdient gemacht hat. "Der Landwirt muss selbst entscheiden auf seinem Acker, das wird ihm nicht abgenommen", warf Müller ein, setzte aber hinzu, dass EU-Vorgaben teilweise falsche Weichenstellungen bedeuteten. Und Kirsten Tackmann ergänzte aus ihren Beobachtungen, hinsichtlich der Bewahrung von Blühstreifen gebe es vielerorts inzwischen ein Umdenken, das spürbar sei. Dass es neben notwendigem Wissenstransfer auch um sinnvollen Einsatz von Ausgleichsmaßnahmen geht, dafür kann der Schutzacker, damals Kompensationsfläche für die Solaranlage auf dem Eggersdorfer Flugplatz, ebenfalls herhalten.

Vom fragwürdigen Umstand, dass viele Landwirte betriebswirtschaftlich mehr von Beihilfen und bestimmten Subventionierungen leben als dem reinen Erlös, den sie mit ihren Produkten erzielen können, war auch bei Schäfer Frank Hahnel die Rede. Der stand beim Besuch mit seiner Herde gerade kurz vor Obersdorf. Lediglich 1,30 Euro pro Kilo Wolle bekomme er – und könne sich damit noch doppelt glücklich schätzen. Zum einen, weil der Preis schon mal bei 70 Cent lag, zum anderen, weil er – einer von noch drei Züchtern landesweit – Merino-Landschafe hat, deren Wolle höherwertig ist.

Ausbildung und Wolfsschutz

Neun Azubis hat er in 20 Jahren ausgebildet, die junge Frau jetzt im dritten Lehrjahr soll 2020 von seinem Sohn abgelöst werden, der den Betrieb übernehmen wolle. Das sei heutzutage in der Branche die Ausnahme. "Mir geht es gut, aber ich muss auch eine fünfköpfige Familie ernähren und fünfstellige Summen an Pacht zahlen", führte Hahnel aus. Für notwendige Investitionen in den von 1953 stammenden Schafstall zu Hause bleibe da kaum etwas übrig. Zum Schutz vor dem Wolf, der auch schon in Müncheberg gesichtet wurde, hat er den Zaun – und vor allem Amelie und deren drei weitere Pyrenäen-Berghunde. Hahnel ist Mitglied der AG Herdenschutzhunde, berät Berufskollegen zum Einsatz solcher Helfer. Bis zu 6000 Euro kostet die Anschaffung, 4000 erstattet das Land. Für den Unterhalt, rund 1000 Euro jährlich, muss der Schäfer aufkommen.

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