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Landtagswahl
Sebastian Walter (Die Linke) - Jetzt gibt’s kein Zurück mehr

Straßenwahlkampf in Luckenwalde: Sebastian Walter ist Spitzenkandidat der Linken für die Landtagswahl am 1. September.
Straßenwahlkampf in Luckenwalde: Sebastian Walter ist Spitzenkandidat der Linken für die Landtagswahl am 1. September. © Foto: Jörg Carstensen/dpa
Ulrich Thiessen / 21.08.2019, 07:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Straßenwahlkampf der Linken im Zentrum der Potsdamer Plattenbausiedlung: Für Lokalmatador Hans-Jürgen Scharfenberg ist das ein Heimspiel. Er hat hier die letzten beiden Male souverän das Direktmandat gewonnen. Er kommt schnell mit älteren Männern ins Gespräch, winkt hier und da und umarmt den Pfarrer der evangelischen Stern-Kirchengemeinde.

Sebastian Walter, Spitzenkandidat der brandenburgischen Linken, soll ihn an diesem Tag unterstützen. Unterstützung braucht Scharfenberg eigentlich nicht – und so stellt sich die Frage, ob Walter etwas lernen soll. Es kostet den 29-Jährigen sichtlich Überwindung, auf unbekannte Leute zuzugehen. Auch beim Haustürwahlkampf  zu Hause in seinem Wahlkreis im Barnim ist es nicht so einfach, berichtet er. Aber das Klingeln an fremden Türen gehöre heute eben dazu.

Als ein Kamera-Team am Linken-Stand in Potsdam erscheint, das den Spitzenkandidaten auf den Zahn fühlen will, zeigt sich das Talent von Sebastian Walter. Keine Frage schreckt ihn, ohne Punkt und Komma legt er los – und schafft es, zwischendurch noch nett zu lächeln. Wie sonst keinem in seiner Partei gelingt ihm der Spagat, Verständnis für den Frust der Menschen, die AfD wählen, zu zeigen und gleichzeitig die Arbeit der Linken in Brandenburg nicht kleinzureden.

"Wir haben zu wenig zugehört", sagt Walter und weiß, dass er mit 29 Jahren jung genug ist, um von der Selbstkritik nicht getroffen zu werden. Auffällig ist auch das Vokabular. Walter benutzt Begriffe wie Kapitalisten, Konzerne und Profite – kurz all das, was sich die brandenburgische Linke in den vergangenen Jahren abgewöhnt zu haben scheint. Und bei all dem klingt Sebastian Walter nie wie ein Apparatschik.

In der vergangenen Woche erklärte er, dass die Beitragsfreiheit für Kindergärten ab 2020 eingeführt werden soll. Bislang war immer von einer schrittweisen Einführung im Laufe der kommenden Legislaturperiode die Rede. Darauf angesprochen, verspricht der Spitzenkandidat, noch einen eigenen Vorschlag dazu vorzulegen. Das Beispiel verstärkt den Eindruck, dass bei den Linken jeder für sich Wahlkampf betreibt: Walter, seine Kollegin Dannenberg und nicht zuletzt Finanzminister Christian Görke, der auch kurz vor der Wahl noch Ministertermine in seinem Wahlkreis um Rathenow organisieren lässt und damit die Opposition auf die Palme bringt.

Sebastian Walter tauchte vor fünf Jahren im Landtag auf. Er war neben dem Studium halbtags in der Fraktion der Linken beschäftigt, schon sehr jung Kreisvorsitzender im Barnim und stellvertretender Landesvorsitzender. Als solcher nahm er kein Blatt vor den Mund und kritisierte die eigene Parteiführung nach Herzenslust. Von der musste er sich vorhalten lassen, in die typische Parteikarriere – Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal – zu rutschen, ohne je einem Beruf nachgegangen zu sein. Als alle erwarteten, dass er sich auf den Parteivorsitz vorbereitet, verschwand Walter aus Potsdam und nahm eine Gewerkschaftsstelle in Eberswalde an. Immer wieder betonte er, dass dort seine Zukunft liege.

Bis der Linken im vergangenen Herbst mit dem Rücktritt von Diana Golze als Gesundheitsministerin auch die potenzielle Spitzenkandidatin abhanden kam. Eine Doppelspitze sollte die Lücke schließen. Neben der bildungspolitischen Sprecherin der Fraktion, Kathrin Dannenberg, bot sich der jugendliche Gewerkschafter regelrecht an. Nach einigem Zögern ließ er sich überzeugen.

Ein Zurück scheint es jetzt nicht mehr zu geben. Heute noch Wahlkämpfer wird Walter in den nächsten Jahren die Geschicke des Landesverbandes maßgeblich mitbestimmen – als Fraktionschef oder gar als jüngstes Mitglied einer Regierung. Seine Genossen trauen ihm ziemlich viel zu.

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