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Freihandel
Die Angst vor dem Abkommen

Thomas Sabin / 21.08.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 21.08.2019, 18:39
Bergsdorf (MOZ) Ein Freihandelsvertrag zwischen Südamerika und der EU bedroht lokale Züchter. Rinderhalter Christoph Lehmann aus Bergsdorf kennt die Sorgen seiner Branche und fordert Klarheit.

Hunderte große braune Augen nehmen Christoph Lehmann und seinen Geländewagen ins Visier. Auf der mehrere Hektar großen Weide im Bergsdorfer Umland wird der Landwirt von seinen Uckermärker Rindern umzingelt. "Das sind sehr intelligente Tiere", sagt der 38 Jahre alte Züchter und lehnt sich gelassen an seinen Ford Ranger. Ein Jungbulle macht auf sich aufmerksam und brüllt kräftig über die Wiesen. Lehmann schmunzelt. Neugierig kommt die Herde näher und schnuppert an ihrem Besuch. "Wenn man nicht aufpasst, lutschen sie einem sogar die Radmuttern vom Reifen."

Lehmann, großgewachsen, Drei-Tage-Bart, ist Chef der Agrar GmbH Bergsdorf. In dem beschaulichen Dorf leben zirka 509 Einwohner. Der Ort ist geprägt von Feldern und Wiesen. In der brandenburgischen Idylle grasen Lehmanns Rinder. Mit insgesamt elf Mitarbeitern kümmert sich der Landwirt um die rund 400 blond gelockten Tiere. "Sie sind sehr zutraulich und an uns Menschen gewöhnt. Wir haben täglich Kontakt mit ihnen." Manche Tiere seien eher zartbesaitet, andere frecher. "Das ist wie bei uns Menschen", sagt Lehmann und grinst. Derzeit jedoch haben Landwirte eher weniger zu lachen.

Gebunden an hohe EU-Standards und zahlreiche Regularien, bringt ein Abkommen neue Sorgen mit sich. Ende Juni einigten sich die Europäische Union und der südamerikanische Staatenbund Mercosur auf ein Freihandelsabkommen. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay werden ihre Märkte der EU öffnen. Und andersherum. Befürworter feiern das Abkommen.

Landesbauernverbände (LBV) üben Kritik. Kleinere Landwirtschaftsbetriebe, bäuerliche Familienbetriebe und Bio-Betriebe geraten durch das Billigfleisch südamerikanischer Rinder- und Geflügelfabriken unter Existenzdruck. Tino Erstling, Sprecher des LBV, sieht diverse Probleme auf die regionale Landwirtschaft in Brandenburg zukommen. "Dadurch, dass mit dem Merco-sur-Abkommen günstiges Rind-, Geflügel- und Schweinefleisch aus Südamerika in die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg gelangt, könnten die regional erzeugten Produkte zusätzlich unter Druck geraten", bestätigt er. Im Landkreis Oberhavel sind 240 Betriebe mit Rinderhaltung gelistet und vom Abkommen direkt betroffen.

Die Agrar GmbH Bergsdorf existiert seit 1991. Lehmann ist seit 2008 dabei. Anfänglich gab es noch eine Milchproduktion und eine Schweinehaltung zusätzlich zur Mutterkuhhaltung. "Die Schweinehaltung und die Milchviehhaltung haben wir 2009 aufgrund der Gegebenheiten eingestellt", erklärt er. Der Druck stieg. Der Investitionsbedarf sei einfach zu hoch und an Weiterentwicklung nicht zu denken gewesen. "Wir haben uns entschieden, die beiden Betriebszweige aufzugeben und die Mutterkuhhaltung auszubauen." Ein langwieriger und aufwendiger Umstellungsprozess, der viel Kraft kostete.

Direktvermarktung als Lösung

Und jetzt naht ein Abkommen, das nur noch auf seine Ratifizierung wartet. Es strebt Konkurrenz in die Regale, die nicht an strenge Richtlinien gebunden ist. Landwirte machen sich berechtigte Sorgen. Lehmann jedoch hat keine Angst.

"Ich glaube, es ist falsch, das Freihandelsabkommen zu verteufeln. Wir als Landwirte reagieren zu viel, anstatt zu agieren", sagt er. Das Problem aber sei: "Nicht jeder kann im Rahmen seines Betriebes oder seiner Produktionsausrichtung agieren." Lehmann behilft sich mit Direktvermarktung. Er agiert, hat sich eine eigene Marke aufgebaut. Jene, die sein Fleisch kaufen, vertrauen ihm, kennen seine Arbeitsweise und können sich vor Ort selbst ein Bild machen.

Ein orange gestrichenes Haus, die Geschäftsstelle, ist das erste, was einem bei einem Besuch ins Auge springt. Weniger sichtbar: die 170 Hektar Weidefläche und die 50 Hektar Ackerfläche auf denen das Futter für seine Rinder angebaut wird. Die Tiere sind im ganzen Dorf verteilt. Die Kühe und Kälber leben hier stressfrei, im Freien. Ihnen scheint es hier gut zu gehen. "Sie sollen sich wohlfühlen. Auch auf ihrem letzten Weg", sagt Lehmann. "Darauf sind wir schon stolz." Aufzucht, Betreuung und den letzten Weg des Tieres, den könne man auch nett gestalten, sagt er.  Ein Grund, warum sein Fleisch ein Drittel mehr kostet.

Als existenzbedrohend bezeichnet Lehmann das Abkommen und den Import von Billigfleisch nicht. Doch für die breite Masse sehe das anders aus, betont er. Tritt das Abkommen in Kraft, fürchten viele, nicht mehr mithalten zu können. "Ich schätze, das betrifft 95 Prozent", sagt er und nimmt die Bundesregierung in die Pflicht. "Mit den ganzen Regularien, denen Landwirte hier unterworfen sind, muss die Bundespolitik dafür sorgen, dass EU-Produkte nicht mit jenen aus Südamerika vermischt werden. Es muss wirklich ganz markant gekennzeichnet werden, was man hier kauft." Denn dann könne man mit dem Finger auf den Verbraucher zeigen. Irgendwann müsse man den Verbraucher doch umerziehen.

"Die mit dem Mercosur-Abkommen künftig nach Deutschland importierten Produkte", so Tino Erstling, "erfüllen bei Weitem nicht die strengen deutschen Umweltauflagen." Auch die Tierschutzstandards seien nicht überprüfbar. Mit dem Import der Produkte aus Südamerika gehen zudem klimaschädliche Gase "in einer erheblichen Größenordnung" einher. Das wiederum treibe die Erderwärmung voran. Die Berliner und Brandenburger Kunden sollten deshalb ihre Kaufentscheidung gut abwägen. "Die Moral steckt quasi im Regal", so Erstling, der damit Lehmann aus der Seele spricht.

Verbraucher bestimmt den Weg

"Der Verbraucher kann völlig liberal entscheiden, hat aber gar keinen Anreiz, weil er die ganzen Informationen nicht hat", klagt Lehmann. Mit dem Abkommen müsse das verpackte Kilo argentinisches Fleisch, mit allen Menschenrechtsverletzungen, den schlechten Arbeitsbedingungen und Klimaschäden, die damit eingekauft werden, durch einen großen roten Punkt gekennzeichnet werden, regt er an. "Und das in der EU, speziell in Deutschland aufgewachsene, geschlachtete Produkt muss einen grünen Punkt bekommen, damit der Verbraucher sieht, was genau er da kauft. Wenn das Schnitzelgericht unter 18 Euro kostet, dann geht es den Tieren, den Bauern, den Köchen, den Servicemitarbeitern allen nicht gut."

Geht es nach Lehmann, könne die Politik noch so viel regulieren. Am Ende sei es der Verbraucher, der den Weg bestimmt. An ihm liege es, ob ein Freihandelsabkommen funktioniert oder nicht. Er müsse mithilfe von Gesetzen direkt angesprochen werden. "Bei Zigarettenschachteln geht es doch auch. Bilder zeigen, was schlecht ist", sagt Lehmann und plädiert für "ein großes, dickes Siegel oder eine EU-Flagge auf der Verpackung", um Klarheit in die Regale zu bringen.

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