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Jubiläum
Seit 70 Jahren in der Siedlungsstraße zuhause

Erhard Herrmann / 21.08.2019, 15:00 Uhr - Aktualisiert 22.08.2019, 10:39
Reckahn Der Ortsbeirat Reckahn feierte vergangenen Samstag zusammen mit Vereinen das erste Siedlungsfest, aus Anlass des 70-jährigen Bestehen der Siedlung, die im Zuge der Bodenreform nordöstlich des damaligen Dorfkerns entstand.

1949 wurden dort die ersten Häuser von den Neubauern bezogen. Sie gehörten zu den riesigen Flüchtlingstrecks, die ab Herbst 1944 Richtung Westen zogen. Aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern flohen zumeist Frauen, Kinder und Greise vor der Roten Armee – zu Fuß, mit Handwagen oder Pferdefuhrwerken. Wer in den Ostgebieten blieb oder wieder dorthin zurückkehrte, wurde nach Kriegsende endgültig vertrieben. Ein großer Teil der Vertriebenen kam in die sowjetische Besatzungszone. Bald machten sie dort ein Viertel der dortigen Bevölkerung aus: 24,3 Prozent.

Zu ihnen gehörten auch  Lilly Dittrich geb. Stolper und ihre kleine Schwester Ruth. Sie kam während der Flucht in der Tschechoslowakei auf die Welt. Für die eigenen Landsleute waren die Flüchtlinge oft unwillkommene Eindringlinge mit fremdem Dialekt, Konkurrenten um das Wenige im zerbombten Land. Von der heute gern zitierten Flüchtlingskultur war damals wenig zu spüren. Sie wurden als Polacken, Rucksackdeutsche oder Zigeuner angefeindet. "Für uns als Kinder war das nicht zu verstehen. Wir mussten ja raus aus Schlesien", erinnerte sich Lilly Dittrich.

Währenddessen witterten die neuen kommunistischen Machthaber ihre Chance. Die große Gruppe an neuen Einwohnern, in der SBZ "Umsiedler" und später "Neubürger" genannt, sollten möglichst im Land gehalten und an der weiteren Flucht gehindert werden. Bei der allgemeinen Bodenreform wurden sie deshalb unwissend zuerst berücksichtigt. Damit sollte eine enge Bindung an die KPD bzw. später an die SED angestrebt werden. "Ab 1947 lebten wir mit anderen Flüchtlingen im heutigen Schulmuseum in Reckahn. Der Hausbau gestaltete sich nicht so einfach, es fehlte an Baumaterial", erzählt Lilly Dittrich.

Die alteingesessenen Reckahner erinnern sich noch daran wie mit der Städtebahn Mauersteine, meist Abrissmaterial, im Dorf ankam die dann mit dem Ochsenkarren zur Baustelle gekarrt wurden. Die Ziegelsteine kamen von der abgerissenen Feldscheune des Rochow´schen Gutes. 1949 konnten die ersten in ihre Häuser einziehen. Neben dem kleinen Wohnhaus mit angeschlossenen Stall verfügte jede Familie direkt am Grundstück über 2500 qm Land zur Bewirtschaftung und einer landwirtschaftlichen Fläche von etwa acht Hektar zur Selbstversorgung. Nach und nach hatte man sich eingelebt und wurde immer mehr akzeptiert. Das Dorfleben hat sich durch den Zuzug bereichert verkrustete Strukturen wurden aufgebrochen. "Meine Schwester und ich hatten damals als junge Teenager auch den einen oder anderen Vorteil", erzählte die 77-Jährige schmunzelnd.

Damit war es bis zur Familiengründung auch nicht mehr allzu lange hin und die Ressentiments verschwanden fast ganz. Natürlich haben die Reckahner "Neubürger" in all den Jahren schon einmal ihre alte Heimat besucht. Aber ein kurzer Abstecher  dorthin genügte. Denn zuhause, und mittlerweile auch innerlich angekommen, ist man seit 1949 in Reckahn.(GEH)

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