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Im Gropius-Krankenhaus sind Arbeiten der einzigartigen Prinzhorn-Sammlung zu sehen. Werke von fünf Eberswalder Patienten.

Ausstellung
Kunstwerke aus der Psychiatrie

Eröffnet: die Ausstellung "Wie fris(s)t man seine Gefühle auf?". Zu sehen sind Arbeiten unter anderem von Mebes, die ein sehr emotionales Bild von den Zuständen in der Landesirrenanstalt zu seiner Zeit zeichnen. Zwangsmaßnahmen waren damals gängige Praxis.
Eröffnet: die Ausstellung "Wie fris(s)t man seine Gefühle auf?". Zu sehen sind Arbeiten unter anderem von Mebes, die ein sehr emotionales Bild von den Zuständen in der Landesirrenanstalt zu seiner Zeit zeichnen. Zwangsmaßnahmen waren damals gängige Praxis. © Foto: Hans Wiedl
Viola Petersson / 22.08.2019, 10:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Der Unterschied könnte kaum größer sein. An der Balustrade hängen zwei riesige Banner mit großen "Vernunft"-Wörtern. Drunter, im Atrium, drei Dutzend kleine Zeichnungen, Grafiken. Miniaturen zum Teil. Künstlerische Arbeiten, in denen sich Gefühle Bahn brechen. Häufig Angst, Wut, Panik. Arbeiten, die mitunter auch Rätsel aufgeben.

Am Dienstagabend wurde im Eberswalder Martin-Gropius-Krankenhaus die Ausstellung "Wie fris(s)t man seine Gefühle auf?" eröffnet. Zu sehen sind Reproduktionen von Werken aus der Sammlung Prinzhorn. Werke von fünf Patienten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der damaligen Landesirrenanstalt Eberswalde "behandelt" wurden. Und die damit gleichsam ein Bild von den Verhältnissen in einem psychiatrischen Krankenhaus seinerzeit zeichnen.

Werke inspirierten Ernst und Co.

Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, so führte der Kunsthistoriker Ulrich Röthke aus Cottbus in die Exposition ein, hatte sich 1919, gerade an die Universität Heidelberg berufen, mit einem Aufruf an psychiatrische Anstalten gewandt, ihm Kunstwerke von Patienten zuzusenden. So seien bis 1921 um die 5000 Arbeiten zusammengekommen. Auf der Grundlage dieses Materials gab Prinzhorn 1922 ein Buch heraus, für das er später berühmt werden sollte: "Bildnerei der Geisteskranken". Nach Prinzhorns Weggang aus Heidelberg sei die Sammlung mehr oder weniger in Vergessenheit geraten und auf einem Dachboden der Klinik gelandet. Von engagierten Wissenschaftlern in den 1960er-Jahren wiederentdeckt, begann sodann die systematische Aufarbeitung der Werke. Heute umfasse die Sammlung mehr als 14 000 Arbeiten, die in einem eigenen Museum der Uniklinik Heidelberg betreut und ausgestellt werden. Jene 5000 Zeichnungen, Grafiken, Bilder, Texte von 1919 bis 1921 bilden den historischen Kern der Sammlung, die laut Röthke weltweit einzigartig ist.

Der Cottbuser Kunsthistoriker sprach über das Echo seinerzeit in der Kunstszene, über die Verbindungen zum Bauhaus, die Ähnlichkeiten zu Arbeiten der Klassischen Moderne, über die Quelle der Inspiration etwa für Max Ernst, Oskar Schlemmer, Adolf Hölzel und Paul Klee. Letzteren zitierte Röthke mit den Worten: "Das (die Arbeit eines Psychiatriepatienten – d. Red.) ist der bessere Klee."

Der bekannteste unter den Eberswalder Patienten und Künstlern ist Heinrich Hermann Mebes. Einer seiner Arbeiten "Wie fris(s)t man seine Gefühle auf?" verdankt die Ausstellung auch ihren Titel. Mebes, von Beruf Uhrmacher, verbrachte 30 Jahre in der Klinik, die er als "Der gesetzlose Schlangen-Irrenhausschuppen" bezeichnete. Und: Die Ärzte waren für ihn "Verräter", so Chefärztin Dr. Uta-Susan Donges.

Exposition gegen das Vergessen

Neben Mebes sind in der Exposition vertreten: Fall 411, weiblich (Name unbekannt); Paul Flegel; Marie Anna Beer sowie Hajo Uden Thoden van Velzen, Bruder von Dr. Thoden van Velzen, der in Joachimsthal praktizierte und dort Ehrenbürger ist. Dass es einen derart starken Bezug der Prinzhorn-Sammlung zu Eberswalde gibt, das sei auch den Ausstellungsmachern nicht bekannt gewesen. "Erst bei unseren Recherchen in Heidelberg haben wir erfahren, dass es neben Mebes eben noch weitere Eberswalder gibt", verriet Christine Keller, bis Ende 2018 Oberärztin in der Klinik, die die Expositionen im Atrium organisiert. Sie betrachtet die aktuelle Schau vor allem auch als Ausstellung "gegen das Vergessen". Denn die Kunstwerke der Patienten und deren Briefe, sie würden vom Mangel und von den seinerzeit unwürdigen Zuständen in der Psychiatrie erzählen.

Ausstellung: bis 27. September im Atrium des Gropius-Krankenhauses Eberswalde, Eintritt frei

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