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Die andere Weltbühne
Theaterstück: Strausberger erzählen von ihren Erinnerungen des Mauerfalls

Mit viel Einsatz auf und neben der Drehbühne: Melanie Seeland (l). und Ines Burdow
Mit viel Einsatz auf und neben der Drehbühne: Melanie Seeland (l). und Ines Burdow © Foto: Mathias Voelzke
Jens Sell / 23.08.2019, 08:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Nach dem Schlussapplaus erzählt der Kumpel von seinem ersten Besuch im damaligen West-Berlin: Mit den beiden Kindern, eines im Kinderwagen, seien sie am 12. November 1989 in die S-Bahn gestiegen.

Am Kottbuser Tor habe ihn ein alter türkischer Mann am Revers gefasst und gefragt: "Ihr fahrt doch heute Abend wieder rüber?"

Das Willkommen damals nach dem Mauerfall war doch recht differenziert, und es sollte später noch differenzierter werden. Im Stück  "Horror Vacui?" werden ganz unterschiedliche Erfahrungen mit und seit dem Mauerfall verhandelt. Wer aufmerksam hinhört, vernimmt im kleinen Strausberger Theater "Die Andere Welt Bühne" die Zeitzeugenberichte und Reflexionen Dutzender Brandenburger, zum Teil wörtlich zitiert, zum Teil verdichtet und abstrahiert. Typische Charaktere unter typischen Umständen, so definierte Bertolt Brecht den Realismus, in seinem Sinne ist das Stück realistisch, wenn auch die Umstände des Mauerfalls damals von niemandem als typisch empfunden wurden. Eher war es die typische Ausnahmesituation, in der es das ganze DDR-System aus der Bahn warf und mit ihm Hunderttausende Bürger.

Aus der Bahn werfen lassen sich auch die Darstellerinnen dieses Stückes, das sich fragend "Horror Vacui?" nennt. Melanie Seeland und Ines Burdow, die eine diesseits, die andere jenseits der Mauer aufgewachsen, scheinen ständig die Gegensätze eines Widerspruches zu verkörpern: Hell und drahtig die eine, mit überschäumenden Temperament; die andere dunkel und bodenständig. Einmal beginnen die beiden – die das Stück auch mit recherchiert und geschrieben haben – textlos zu streiten, eskaliert das wortlose Wortgefecht bis zum Aberwitz. Sie kämpfen miteinander und mit der Bühne; eine macht Wahlkampf, die andere den Rücken krumm. Gegenläufig rennen sie im Kreis, rasant wie das ganze atemlose Stück.

Dabei gibt es retardierende Momente, werden verschiedene Biografien anhand von Antworten auf die zuvor unter Strausbergern verteilten Fragebogen skizziert. Drei Workshops mit Menschen aus der Umgebung wurden auf Band aufgenommen und bieten weiteres Material.

Etwa Briefe eines vor dem Mauerfall Ausgereisten: Dieser besondere Duft des Intershops, schreibt er nach Hause, werde an Ort und Stelle alltäglich und banal. Ernüchterung nach anfänglicher Euphorie und hochfliegenden Illusionen prägen viele Sentenzen. Alles schien möglich, doch die in durchdiskutierten Nächten gesponnenen Gesellschaftsmodelle zerstoben. Nicht wenige sind hart auf dem Boden der kapitalistischen Realität bruchgelandet. Einer sagt: "Die Mauer steht an vielen Stellen heute noch, und an manchen Stellen wächst sie sogar wieder nach."

In die Rasanz und Rastlosigkeit des Stückes passen die zeitgenössischen Musiksentenzen, die abrupt geschnitten und schließlich staccatohaft verdichtet werden wie die Zeitzeugenberichte der Strausberger. Deren häufig militärische Sozialisierung, schließlich war die Stadt nicht nur lange Garnisonstadt, sondern auch der Standort des DDR-Verteidigungsministeriums, macht das Stück in der Verallgemeinerung besonders und konkret.

Dass ein Flüchtling aus dem Tschad in Französisch von DDR-Solidarität und dem afrikanischen Blick auf dieses deutsche Ereignis des Mauerfalls berichtet und schließlich ein Strausberger zwei Gundermann-Lieder singt, zeigt den großen Bogen, den das von Rico Wagner inszenierte Stück in gerade mal einer Stunde von der Welt bis in die märkische Kleinstadt schlägt.

Nächste Vorstellung: Sonnabend, 19.30 Uhr, Theater im Wasserwerk, Die Andere Welt Bühne, Garzauer Straße 20, 15344 Strausberg

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