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Textilbranche
Traditionsbetrieb aus Chemnitz setzt auf Latex

Aufregend: Die Mode-Designer Claudia Wonneberger und ihr Ehemann Jörg entwerfen und produzieren erotische Männer-Unterwäsche in der sächsischen Provinz.
Aufregend: Die Mode-Designer Claudia Wonneberger und ihr Ehemann Jörg entwerfen und produzieren erotische Männer-Unterwäsche in der sächsischen Provinz. © Foto: dpa/Sebastian Willnow
Claudia Drescher / 24.08.2019, 09:00 Uhr
Chemnitz (dpa) Draußen passt der gut gepflegte Vorgarten perfekt zu dem idyllischen Ort. Drinnen bekommt das Bild vom traditionellen Familienbetrieb einen Riss.

Die Ware gibt es wahlweise in Neonpink, im Leolook oder in Netzoptik, vor allem ist sie aber immer hauteng. Die Wonneberger Manufaktur aus Mühlau bei Chemnitz hat sich auf erotische Männer-Unterwäsche spezialisiert.

Vom klitzekleinen String-Tanga bis zum Ganzkörperanzug aus glänzendem Lackstoff mit Netzeinsätzen: Die 15 Mitarbeiterinnen im Nähsaal des 1882 gegründeten Textilunternehmens nehmen die neuesten Kreationen von Claudia und Jörn Wonneberger mit Humor und Neugierde. "Klar wird mal der ein oder andere Witz gerissen. Aber verschämt zur Seite dreht sich hier niemand", meint der Chef.

Der 38-Jährige und seine Frau haben Textil- und Modedesign an der Westsächsischen Hochschule Zwickau studiert. Unterwäsche, zumal im Fetisch-Bereich, hatte das Paar da noch nicht auf dem Schirm. Den Anfang machten sie in Dresden mit einem Label für schicke Outdoor-Kleidung in grellen Neonfarben, für Radfahrer oder Jogger.

Vor vier Jahren kam das Angebot, den Textilbetrieb in Mühlau zu übernehmen. "Es war Liebe auf den ersten Blick, von beiden Seiten", sagt die 32-Jährige. Der damalige Eigentümer Hermann Kutzschbach war über 70 Jahre und auf der Suche nach Nachfolgern. Er hatte die Firma 1981 neu aufgebaut, nachdem er rund 100 Jahre zuvor als Handschuhmacherei gegründete Betrieb zur DDR-Zeit enteignet worden war.

Unterwäsche hatte Kutzschbach bereits erfolgreich im Programm  – und längst nicht nur brave Baumwollschlüpfer, wie Jörn Wonneberger erklärt. "Man hat ihm definitiv nicht angesehen, dass er auch aufknöpfbare Strings herstellt." Dieser Bereich sei ein starkes Standbein gewesen, wenn auch den meisten Mühlauern weitgehend unbekannt. Mit ihrer Marke "Wojoer", ein Wortspiel aus Wonneberger und Voyeur – hält das Unternehmerpaar nicht mehr so hinter dem Berg. In einem Fenster auf der ersten Etage zeigt eine Schaufensterpuppe im Lackanzug schon von draußen, wohin die Reise geht.

Die größte Resonanz habe man bei Männern Ü40 und Ü50. Bestellungen kämen aus dem gesamten Bundesgebiet, vom Dorf bis zur Hauptstadt. Jedes fünfte Fabrikat gehe ins Ausland, vor allem in die USA, Kanada und die Niederlande.

Deutschland ist weltweit der fünfgrößte Wäschemarkt. "Allerdings sinkt die Zahlungsbereitschaft", sagt Silvia Jungbauer vom Gesamtverband der Maschinenindustrie. Während die Umsätze stagnierten, ginge gleichzeitig die Zahl der verkauften Teile nach oben. Bei Männern waren es 2018 rund 178 Millionen Stück, bei Frauen 274 Millionen. Zusammen kam die deutsche Wäschebranche im Vorjahr auf rund vier Milliarden Euro Umsatz.

In der ostdeutschen Textilbranche mit derzeit 16 000 Beschäftigten gibt es laut Branchenverband vti aktuell acht Wäschehersteller. "Deutsche Bodywear-Hersteller sind im globalen Preiswettbewerb chancenlos", sagt vti-Geschäftsführer Jenz Otto. Als Mittelständler müssten sie sich daher spezielle Marktsegmente wie Funktionskleidung oder ausgefallene Designer-Wäsche herstellen.

Zu den bekannteren Wäscheherstellern aus Sachsen gehört Bruno Banani. Allerdings stellt das Unternehmen seine Fertigung von Herrenwäsche und Bademode in Chemnitz zum Jahresende ein. Die Wonnebergers hingegen setzen bewusst auf das kleine Mühlau als Produktionsstandort. Dafür haben sie Dresden hinter sich gelassen und leben nun auch mit ihren beiden Töchtern in der ländlichen Idylle.

Firmen-Chronik

1882 Gründung der Firma durch Reinhold Rümmler Handschuproduktion.

1936 Beginn der Unterwäsche-Produktion.

1972 Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb (VEB).

1981 Neugründung Kutzschbach Wäsche- und Bade-Mode.

1995 Gründung der Marke Robinson.

2015 Weiterführung der Firma in 5. Generation von Claudia und Jörn Wonneberger.⇥nj

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