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Der Gorgaster war einer der ersten Kirchenneubauten in der DDR. Eingeweiht wurde der Bau an Erntedank 1959. Jetzt wird das 60. Jubiläum gefeiert.

Jubiläum
Gorgast lädt zum 60. Kirchfest ein

Ulf Grieger / 05.09.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 09.09.2019, 12:02
Gorgast (MOZ) Anlässlich des 60-jährigen Bestehhens des Gorgaster Kirchbaus erinnert die Kirchengemeinde Golzow/Gorgast am Sonntag an die Geschichte eines der ersten Neubauten eines Gotteshauses in der DDR. Im Anschluss an den Festgottesdienst um 10 Uhr sind Groß und Klein zu Begegnung und Unterhaltung rund ums Pfarrhaus eingeladen. Der Posaunenchor spielt auf, es gibt eine Handwerkermarkt sowie eine Ausstellung zur Geschichte.

Forum zu Kirche heute

Pfarrer Daniel Dubek macht auf das "Forum Kirche heute" aufmerksam. In einem Pavillon werden die Gäste die Möglichkeit  haben, zu verschiedenen Fragen des Kirchenlebens Stellung zu nehmen. "Wir erfragen zum Beispiel, was die Menschen von der Kirche vor Ort erwarten, wo Kirche mehr tätig werden sollte. Aber auch, warum man nicht zur Kirche kommt", nennt er Beispiele. Die Antworten werden an die Zweige eines Gingko-Baumes gehängt, der am Nachmittag neben der Bushaltestelle mit Hilfe von Gärtner Martin Arndt gepflanzt wird.

Am Sonntag feiert die Kirchgemeinde Gorgast /Golzow ab 10 Uhr das 60. Kirchjubiläum in Gorgast. Vor zehn Jahren wurde die Kirche umfangreich saniert:
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60 Jahre Kirche Gorgast- ein Fotorückblick auf den 50.

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Vor zehn Jahren war das Gotteshaus zum 50. Jubiläum saniert worden. Bereits im Mai 2009 wurde die Kirchdach-Kugel geöffnet. In einem Gänsehaut-Moment kamen jene Dokumente ans Tageslicht, die Pfarrer Klaus Zebe im Juli 1961, also kurz vor dem Mauerbau, und im Dezember 1962 verfasst hatte. Allein der Umstand, dass die ob ihrer offenen und ehrlichen Schilderung der tatsächlichen Verhältnisse sicher vom DDR-Staat und der SED als staatsgefährdend einzustufenden Texte bis zum 
13. Mai 2009 hoch über den Köpfen der Gorgaster  lagerten, klingt heute wie ein Wunder. Zebe hatte den  Kirchneubau initiiert. Er berichtete von jenem bis zu vier Meter hohen und 
40 Meter langen Steinhaufen, der von der alten Kirche nach der Sprengung ihrer Ruine im Jahre 1955 übrig geblieben war.

Klaus Zebe schreibt im Juli 1961 über die Zweiteilung Deutschlands: "Noch können wir durch eine offene Tür in den Westen hineinschauen, nach Westberlin. Aber wie lange wird die Tür offen bleiben?" Im Zuge der Sozialisierung werde die Landwirtschaft ruiniert: "Unkraut über Unkraut! Der reale Einheitswert auf der LPG Typ III beträgt in diesem Jahr 
58 Pfennige. Im Herbst wurden nur 
35 Zentner Kartoffeln je Morgen geerntet. Bei der Getreideernte rechnet man mit sieben Zentnern je Morgen. Die Kühe gaben durchschnittlich nur zwei Liter Milch am Tag."

Die Republikflucht, die Lager der Kirchgemeinde, zu allem gab Zebe nüchtern und zugleich ergreifend Kunde. In einem Nachtrag vom Dezember 1962 schildert Zebe die Situation nach dem Mauerbau. Schonungslos beschreibt der Pfarrer den Mangel: "Zu der Kundenkarte für Butter – es gab darauf im Durchschnitt 
125 Gramm Butter je Person in der Woche – mussten die Kundenausweise für Fleisch eingeführt werden. Und monatelang wurden nur 200 Gramm Fleisch- und Wurstwaren wöchentlich pro Person ausgegeben."

Mit einem großen Fest hat die Kirchgemeinde des Sprengels Golzow/Gorgast am Sonntag das 60. Jubiläum des Kirchenbaus in Gorgast gefeiert. Das Motto "Die Kirche gehört ins Dorf" wurde ergänzt durch die lebendige Bestätigung, dass das Dorf in die Kirche gehört. Nach einem Festgottesdienst gab es ein Markttreiben, Gartenparty und eine Ausstellung.
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60 Jahre Kirche Gorgast

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Ergänzungen im Turmknopf

In eine neue Kartusche im Turmknopf wurden 2009 neben der MOZ vom 14. Mai mit dem Bericht über die Wiederentdeckung der Texte auch Nachrichten der Gemeinde gesteckt. Pfarrerin Anja Grätz und Gemeindemitglieder hatten aufgeschrieben, was sie in diesen Tagen bewegt. Sie erzählen vom Fall der Mauer, von der atomaren Gefahr, von der Weltwirtschaftskrise und von der Situation in Gorgast. Einem Dorf, in dem viele Bürger mit Hartz IV auskommen müssen und jedes zweite Kind in Haushalten mit niedrigem Sozialstatus lebt. "Die Landwirtschaft ist zunehmend von den Preisen auf dem Weltmarkt und Fördergeldern abhängig", heißt es.

Gorgaster Kirchenneubau

Der Gorgaster war einer ersten Kirchenneubau, der in der DDR eingeweiht wurde: Zum Erntedankfest am 5. Oktober 1959 feierte die Kirchengemeinde Gorgast das Ereignis, zu dem sich viele Menschen versammelt hatten. Einen Großteil der Steine hatten die Gorgaster aus den Trümmern der kurz vor Weihnachten 1956 gesprengten Kirchruine gewonnen. Pfarrer Klaus Zebe war unter ihnen und karrte Steine weg. Rund 200 000 Steine waren so gewonnen worden, heißt es in Zebes Erinnerungen. Im April 1958 wurde die Baugenehmigung erteilt. Das 1,80 Meter große runde Fenster der Altarwand stammt von 1960 und kommt aus dem französischen Arles.⇥ulg

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