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Vor vier Jahren haben Johanna Frohberg und Falk Richwien die ehemalige Brennerei ersteigert. Seitdem wird das Gelände restauriert. Bis 2022 soll eine Denkfabrik entstehen.

Denkmalretter
Neues Leben in alter Brennerei

Ellen Werner / 05.09.2019, 07:00 Uhr
Cöthen (MOZ) Noch verdecken Planen das Herzstück des Denkmals: wuchtige, übermannshohe Stahlräder, Gestänge, Kurbeln, Zylinder. Doch am Wochenende geben Johanna Frohberg und Falk Richwien die Sicht auf den Technik-Koloss aus einer anderen Zeit frei. Vor 40 Jahren ging die Brennerei in Cöthen außer Betrieb. Zum ersten Mal seitdem öffnen die Künstler das historische Gebäude und zeigen damit auch die alte Wärmekraftanlage, die die Destille einst am Laufen hielt. "Es ist die älteste noch am Originalstandort befindliche Dampfmaschine in Berlin und Brandenburg", sagt Johanna Frohberg.

Vor fast vier Jahren hatten die freie Kulturjournalistin und Bildhauerin und der Konzeptkünstler und Maler den Gebäudekomplex, der bis 1932 Teil des nahezu das ganze Dorf umfassenden Gutshofes war, ersteigert. "Wir waren damals im Atelierhaus in Berlin, wo es uns mit den steigenden Mieten zu anstrengend wurde", berichtet Johanna Frohberg. In Cöthen fanden die Ex-Hauptstädter ein neues Zuhause und fassten zugleich den Plan, die Brennerei wieder zugänglich zu machen.

Als nächstes ist das Dach dran

In der einstigen Molkerei wohnen sie inzwischen und haben fünf weitere Wohnungen vermietet. Ateliers und Werkstatt sind im früheren Rinderstall eingerichtet. Vor der Maschinenhalle aber ist zu sehen, welch hartes Stück Arbeit noch vor Frohberg und Richwien liegt, bis sich ihre Vorstellungen für die alte Spiritusdestille verwirklichen: Dem Feldsteinbau fehlen ein Dach, Fenster und Türen; Mauern und Gewölbe haben Frostschäden davongetragen.

Dabei könnte, wer Fotos des Ortes aus der Zeit seines Verfalls sieht, meinen, die größten Aufgaben hätten die Denkmalsanierer bereits bewältigt. Selbstverständlich ist es keineswegs, dass die Anlage, die es 1808 schon gab, noch steht und der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Nach der Wende, so heißt es im Dorf, soll das Gebäude im Auftrag der Treuhand eingerissen worden sein. Die Existenz der Dampfmaschine, für deren Denkmalstatus sich Mitte der 90er-Jahre der Künstler Otto Schack eingesetzt hatte, war zweifelhaft, bis Frohberg und Richwien Eigentümer wurden.

Inzwischen steht das gesamte Gebäude unter Schutz. Die Künstler haben für seine Restaurierung und den künftigen Betrieb ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet. "Wir haben allerdings auf jeden Fall unterschätzt, was es hier für Probleme gibt", sagt Johanna Frohberg. Als sie die Brennerei übernahmen, standen Haus und Hof meterhoch unter Schutt und Müll. "Wir haben die ersten zwei Jahre nur Müll beräumt – 500 Tonnen." Wie andere ehemalige Gutsanlagen in der Region sei das Gelände als illegale Halde genutzt worden.

An die eigentliche Sanierung ging es dann vor zwei Jahren. Die Wahl-Cöthener ließen etwa die Außenmauern stabilisieren und Fensterstürze erneuern. Zur Zeit werden die Kreuzgewölbedecken in der Maschinenhalle erneuert. "Auch das Dach kommt dieses Jahr noch", sagt Falk Richwien. Dafür stehe eine Förderung, die drei Viertel der voraussichtlichen Kosten von knapp 120 000 Euro abdeckt, in Aussicht. Vieles haben die Künstler bisher aus Eigenmitteln gestemmt. "Mein ganzes Leben besteht im Moment darin, dieses Haus zu retten", sagt Johanna Frohberg, die einen Großteil ihrer Zeit darauf verwendet, über Spenden und Fördermittel die nötigen Gelder zusammenzubekommen. Die Frage, ob sie das alles noch einmal machen würde, stelle sich jeden Tag, bekennt sie. "Unsere eigene Arbeit ist hier vollkommen unentgeltlich, risikoreich und kraftzehrend."

Maschine soll sich bewegen

Viel vor haben die Retter der Brennerei dennoch. Bis 2022 soll hier ein Ideen- und Denkort entstehen, an dem neben der Technik vor allem Kunst und Kultur ihren Platz haben. "Die Brennerei soll auf jeden Fall auch ein Treffpunkt sein", sagt Falk Richwien. "Im nächsten Frühjahr wollen wir öffnen." Im Mittelpunkt steht dann die alte Dampfmaschine, die sich vor zwei Wochen ein Restaurator angesehen habe. Richwien hofft, dass sich die historische Technik wieder in Gang bringen lässt. Vielleicht nicht gleich mit Dampf, sondern "zunächst mit Druckluft".

Von 10 bis 18 Uhr öffnen Johanna Frohberg und Falk Richwien am Sonntag zum Tag des offenen Denkmals die Brennerei für Publikum. Das erwartet neben der alten Dampfmaschine und Musik eine Ausstellung mit Werken fünf verschiedener Künstler.

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