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30 Jahre Mauerfall
Mit dem Trabi zur ersten Westbaustelle - vom Maurerlehrling zum Bonava-Chef

Ein Fürstenwalder an der Spitze von Bonava: Geschäftsführer  Andreas Fohrenkamm (57) lernte einst Maurer beim Vorgängerbetrieb Industriebau Fürstenwalde.
Ein Fürstenwalder an der Spitze von Bonava: Geschäftsführer Andreas Fohrenkamm (57) lernte einst Maurer beim Vorgängerbetrieb Industriebau Fürstenwalde. © Foto: Henriette Brendler
Henreitte Brendler / 12.10.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 21.10.2019, 17:29
Fürstenwalde (MOZ) Wenn Andreas Fohrenkamm Besucher im lichten Foyer des Bonava-Hauptsitzes empfängt und durch die kleine Ausstellung zur Firmengeschichte führt, zeigt sich schnell: Der Geschäftsführer von Deutschlands führendem Wohnungsbau-Unternehmen ist nicht nur weltgewandt, er erzählt auch voller Begeisterung von der Entwicklung des Standortes Fürstenwalde. Der sportliche Mann im dunkelblauen Anzug weiß, wovon er spricht, denn er hat alles hautnah miterlebt.

"Ich bin seit 41 Jahren im Unternehmen tätig, mein Foto hängt sogar schon in der Ausstellung", sagt er und deutet lachend auf eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Der junge Mann auf dem Bild, mit Schnauzbart, längeren Haaren und Helm auf dem Kopf – auch das ist Andreas Fohrenkamm. Damals, 1978, hat er beim Vorgängerbetrieb Industriebau Fürstenwalde (IBF) seine Maurerlehre begonnen. Eigentlich wollte der gebürtige Fürstenwalder zur erweiterten Oberschule (EOS), um Abitur zu machen. Als Lehrerkind blieb ihm dieser Weg trotz Einserzeugnis jedoch verwehrt.

Nach der Ausbildung, die er mit der Auszeichnung als bester Nachwuchsmaurer abschloss, arbeitete er ein Jahr in dem Beruf und konnte dann doch ein Bauingenieurstudium aufnehmen, obwohl er kein Parteimitglied war. "1985 wurde ich gleich als Bauleiter eingesetzt. Wir haben verschiedene Industriebauten errichtet, unter anderem für Gaselan und das Reifenwerk", erinnert sich der 57-Jährige. Dennoch spielte er als junger Mann mit dem Gedanken, aus der DDR zu fliehen. "Die Chance hätte ich gehabt, denn ich war in der Armeezeit an der Grenze eingesetzt. Aber ich konnte nicht, damit hätte ich das Leben meiner Familie ruiniert", erzählt Andreas Fohrenkamm, der auch später nicht aus Fürstenwalde weggezogen ist.

"Der Tag des Mauerfalls war der schönste in meinem Leben", fährt er fort. Dennoch spricht der Bonava-Chef von einer "Zeit der Unsicherheit", wenn er an das erste Jahr nach dem Mauerfall denkt. "Niemand wusste, was kommt. Ich habe mich oft gefragt, ob ich als Bauleiter noch gebraucht werde." Von dem Hin und Her zwischen der Treuhand und dem schwedischen Kaufinteressenten Siab, der ab 1997 NCC hieß, bekam Fohrenkamm nicht viel mit, wie er berichtet. In der Firmenchronik von 2014 heißt es: "Eine wahre ‚Treuhand-Odyssee‘ begann, die sich vom Sommer 1990 bis ins Frühjahr 1991 hinziehen sollte." Erst auf Druck des damaligen Konzernleiters Kurt Nordgren konnte der Kaufvertrag besiegelt werden.

An sein erstes Wohnungsbauprojekt in Westberlin kann sich Andreas Fohrenkamm dagegen noch genau erinnern. Der Bauleiter fuhr mit seinem Trabant Kombi auf die Baustelle nach Neukölln, der Architekt des Auftraggebers kam im roten Porsche. "Das Gespräch verlief nicht auf Augenhöhe. Die Nachunternehmerverhandlungen habe ich aus der Telefonzelle heraus geführt. Draußen haben schon die Leute an die Scheibe geklopft. So was ist heute nicht mehr vorstellbar", sagt der Ingenieur.

Das "Eintauchen in die andere Welt", wie es Fohrenkamm nennt, hat er letztendlich ohne große Probleme geschafft. Bereits Mitte der 1990er-Jahre entwickelte er als Leiter eines eigenen Bereiches die neue Plattform-Bauweise, die bis heute bei Bonava Bestand hat. Seit mittlerweile elf Jahren gehört er zum Führungsduo des Unternehmens in Deutschland – zunächst mit Nils Olov Boback, seit Januar 2019 steht er gemeinsam mit Sabine Helterhoff an der Spitze.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Ost-West-Thematik nun kaum noch relevant für den Vater dreier Kinder. "Im Unternehmen sind wir längst zusammengewachsen", sagt er. Seine Erfahrungen als Maurer und Bauleiter in der DDR helfen ihm aber bis heute, bestimmte Situationen zu verstehen und sich in Mitarbeiter auf der Baustelle hineinzuversetzen. "Wir legen bei Bonava Wert auf eine kollegiale und transparente Unternehmenskultur", fasst der Geschäftsführer zusammen. Die Mitarbeiter seien wichtig, deshalb gebe es auch viele Angebote für sie: ein hauseigenes Fitnessstudio beispielsweise und zwei große Festveranstaltungen im Jahr in Berlin für alle 1015 Mitarbeiter. Das Sommerfest ist übrigens keine neue Erfindung: Bereits zu DDR-Zeiten wurde es immer bei IBF in Fürstenwalde gefeiert. Die 108 Mitarbeiter, die schon vor der Wende im Betrieb tätig waren, dürften sich noch gut daran erinnern.

1015 Mitarbeitersind bei Bonava tätig

Als Teil des Baukombinats Ost wurde der Betrieb Industriebau Fürstenwalde (IBF) 1964 mit Standorten in Bernau, Eberswalde-Finow und Fürstenwalde gegründet. Umgesetzt wurden Bauvorhaben im gesamten Bezirk Frankfurt (Oder) – beispielsweise im Eisenhüttenkombinat Ost Eisenhüttenstadt und im Bunkerbau. Nach der Wende übernahm  die schwedische Baufirma Siab das Zepter. 1997 wurde Siab von NCC übernommen, 2016 erfolgte die Abkopplung der Wohnungsbausparte unter dem Namen Bonava. Bonava ist aktuell einer der führenden Projektentwickler im Wohnbau in Nordeuropa und Deutschland mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. In Deutschland arbeiten insgesamt 1015 Mitarbeiter bei Bonava.⇥heb

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