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Dorfleben
Vom Schandfleck zum Glücksgriff

Der größte optische Schandfleck im ansonsten beschaulichen Sommerfeld: Nun gibt es konkrete Pläne für das marode Eckhaus.
Der größte optische Schandfleck im ansonsten beschaulichen Sommerfeld: Nun gibt es konkrete Pläne für das marode Eckhaus. © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 12.10.2019, 13:27 Uhr
Sommerfeld (MOZ) Nicht nur langsames Internet kann zur Beschleunigung der Landflucht führen. Hinzu kommen unzureichende Bus- und Bahnanbindungen, begrenzte Kita- und Schulplätze, weite Wege zum nächsten Arzt (an Fachärzte ist erst gar nicht zu denken), fehlende Möglichkeiten, frische Brötchen und Milch vor Ort zu kaufen, weil Konsum oder Landbäcker schon lange die Segel gestrichen haben. Übrig bleiben ein paar junge Familien, die sich ein Idyll erhofften, aber schlechte Infrastruktur vorfinden sowie Alteingesessene, die ob der nicht vorhandenen Barrierefreiheit ihrer alten Bauernhäuser verzweifeln. Landleben ist nichts für Weicheier.

In Sommerfeld ist all das abzulesen. Und doch macht Kremmens Ortsteil mit knapp 1 400 Einwohnern etwas anders: Das Dorf ist bemüht, sich aus seiner auf den ersten Blick etwas hoffnungslos klingenden Lage zu befreien. Es soll zu keinem Dorf der Verzweifelten werden. Die Sana Klinik sorgt für Arbeitsplätze und Kaufkraft, es gibt einen Blumenladen mit Café, eine äußerst engagierte Kita-Leiterin, die Weinschmiede, einen neuen Spielplatz, aktive Senioren. Sogar die Kirche ist jetzt barrierefrei zugänglich.

Nur zwei Punkte stören das nach außen hin ziemlich intakte Dorfbild: die Unzulänglichkeiten des RE 6 und das Geisterhaus in der Mitte des ansonsten aufgeräumten Ortes. Gaststätte "Zum alten Dorfkrug" – auch "Webers Hof" genannt –, Mälzerei, Brennerei, Wohnungen, Oldtimer-Handel: Das Ensemble wandelte sich, verschliss einige Besitzer. Nun steht es leer.

Seit einigen Jahren gibt es Pläne, dort Wohnraum zu schaffen. Das Vorhaben scheint sich nun zu konkretisieren. Ein türkischer Investor stellte die Pläne für das Projekt "Webers Eck" vor. Im Dorf ist man, wie jeder vernünftige Erdenbewohner, etwas skeptisch ob der Versprechungen. Doch der pragmatische Ortschef ist positiv gestimmt und überzeugt. "Im Ortsbeirat gibt es volle Zustimmung", sagt Ortsvorsteher Jürgen Kurth (UWG/LGU) auf Nachfrage.

Das marode Eckensemble soll abgerissen werden. In sieben Gebäuden sollen im Anschluss 70 Wohneinheiten und fünf Gewerberäume entstehen. Von der Singles-Wohnung bis zu viereinhalb Zimmern für Familien soll alles vertreten sein. "Es wird ein gemischtes Wohnumfeld", sagt Jürgen Kurth. "Keller gibt es nicht, dafür Dachböden und Aufzüge für die behindertengerechten Wohnungen."

Die Idee hinter dem Konzept: Für ältere Sommerfelder, die alleine in ihren Häusern nicht mehr zurechtkommen, sei das eine perfekte Alternative. "Sie müssen nicht aus ihrem gewohnten Umfeld wegziehen, können auf dem Dorf bleiben", sagt Jürgen Kurth.

Optimistisch machen ihn die Gewerbepläne. Eine Physiotherapie soll es geben, einen mobilen Pflegedienst, einen Arzt sowie einen Tante-Emma-Laden beziehungsweise einen Imbiss. Damit wäre eine Lücke in der Nahversorgung geschlossen. "Es muss niemand, der mobil ist, in ein Pflegeheim in Oranienburg, sondern kann bei uns bleiben", so Kurth. Für die Räume des Arztes gebe es mit Ulrich Schwantes schon einen interessierten Allgemeinmediziner.

Polizeischüler haben angefragt

In die leer werdenden Bauernhäuser können junge Familien ziehen. Ein Kreislauf. Für die kleineren Wohnungen hat der Ortsvorsteher ebenfalls Pläne: "Die Klinik schreit nach Wohnraum." Azubis könnten einziehen oder potenzielles Personal, das nicht aus Berlin pendeln will. "Auch die Polizeihochschule hat bei uns schon angeklingelt, weil sie interessiert ist", sagt Kurth.

Die Pläne für den Tante-Emme-Laden seien jedoch noch nicht ausgereift. Das Dofladen-Projekt "Dorv" (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung) ist erst kürzlich gescheitert. Trotz Zuspruch war der finanzielle Rückhalt für das Engagement einer Initiative nicht ausreichend. "Das Problem wird sein, Betreiber zu finden", so Jürgen Kurth, der um die Schwierigkeiten von Dorfläden weiß. Sie müssen sich rentieren, sind kleine Wirtschaftsunternehmen.

Doch wie realistisch ist das wohl größte Projekt in Sommerfeld seit dem Klinikbau? Mehrere Millionen Euro könnte es verschlingen. Konkrete Zahlen gibt es nicht. "Wir haben eine gewisse Sicherheit", so Kurth. Die Investoren hätten das Gelände gekauft. "Die Gefahr ist gering, dass sie wieder abspringen." Noch müssen die Stadtverordneten jedoch am 24. Oktober den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan durchwinken. "Wenn 2020 die Baugenehmigung kommt, könnten Ende 2021 die ersten Wohnungen fertig sein", so Kurth, der sich aber nicht aus dem Fenster lehnen will. "Dafür muss jetzt alles reibungslos funktionieren." Ein städtebaulicher Erschließungsvertrag könnte sogar regeln, dass sich die Investoren finanziell bei Kita-Planungen beteiligen.

Für das Dorf wäre das Projekt ein echter Glücksgriff. "Etwas Besseres kann uns nicht passieren, als dass diese Dreckecke hergerichtet wird", so Jürgen Kurth.

Kommentar vonMarco Winkler

Nimm dir Essen mit, wir fahr’n nach Brandenburg." Die Zeile stammt aus Rainald Grebes inoffizieller Hymne für jenes Bundesland, in dem laut Slogan alles so einfach sein kann. Auf viele Dörfer, in denen die Nahversorgung komplett eingebrochen ist, trifft das zu. Nicht einmal Brötchen oder ein Stück Kuchen kann Oma Erna auf ihrem Weg vom Friedhof nach Hause kaufen. Dabei wird die ländliche Idylle oft gepriesen mit Ruhe, Natur, Waldwegen und klaren Seen. Das stimmt natürlich, ist aber nur die eine, die werbeträchtige Seite.

Was verschwiegen wird: Bäcker und Arzt sind weg, Fleischer und Schuhmacher eh. Der Friseur kommt immerhin noch zu Hausbesuchen vorbei, und die Kirche hat geöffnet. Die Abwanderung in Städte ist da nur eine logische Konsequenz.

Für Sommerfeld eröffnet sich momentan eine neue Chance, der Landflucht zu begegnen. Hier sollten Dörfler und Investoren aber nicht alleingelassen werden. Wenn die Politik sich Slogans ausdenkt, wie einfach alles sein kann, sollte sie auch die dafür notwendigen Weichen stellen, sodass dieser Spruch nicht zur puren Ironie verkommt. Heißt: mehr Geld in die ländliche Entwicklung stecken, die Infrastruktur mit Nachdruck ausbauen. Sonst wird Rainald Grebes Satire immer mehr zur bitteren Realität.

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