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70.000 Euro verzockt
Ein Online-Spielsüchtiger berichtet aus seinem Leben und darüber, wo er schließlich Hilfe fand

Online-Video-Slot-Spiele wie dieses lassen das Spielerherz höherschlagen. Dabei sind sie vor allem darauf ausgelegt, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zudem haben sie einen großen Suchtfaktor.
Online-Video-Slot-Spiele wie dieses lassen das Spielerherz höherschlagen. Dabei sind sie vor allem darauf ausgelegt, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zudem haben sie einen großen Suchtfaktor. © Foto: Linckus
Anja Linckus / 12.10.2019, 14:08 Uhr
Brandenburg an der Havel (MOZ) Unter dem Motto "Verzockt? Online-Glücksspiele und Sportwetten im Fokus" fand in diesem Jahr im Land Brandenburg  der Aktionstag gegen Glücksspielsucht statt. In der Havelstadt hatte AH-Suchtberaterin Ulrike Wagner-Nawrath zu einem Ehemaligentreffen eingeladen. Diejenigen, die bei diesem dabei waren, haben es geschafft ihr Spielsucht zu überwinden. Noch nicht an diesem Punkt ist Dirk N. (Name v.d.Red. geändert). Zweimal hatte die Glücksspielsucht den heute 51-Jährigen fest im Griff. Er selbst bezeichnet diese Zeiten als "Wellen". "Die erste Welle traf mich, als ich meine kaufmännische Ausbildung machte. Weg von der schönen heilen Welt mit der treu sorgenden Mama und auf mich allein gestellt in der Anonymität der Großstadt habe ich mich allein in Spielbuden und an den dortigen Automaten herumgetrieben", erinnert sich Dirk N.. Immer wieder kam er in dieser Zeit in finanzielle Schieflagen – immer wieder halfen ihm seine Eltern aus: "Das tut mir bis heute in der Seele weh. Rückblickend hätten sie härter und konsequenter sein sollen. Man weinte und dann war alles wieder gut. Außerdem wurden meine Probleme tabuisiert, ich hätte mir in dieser Zeit wirkliche Gespräche mit meinen Eltern gewünscht. Aber sie haben mir immer nur Geld gegeben." Eine Beratung bekam Dirk N. doch, "vom Teufel persönlich", wie er sagt. Es war der Betreiber einer Glücksspielhalle, der ihm ins Gesicht sagte, dass er bei ihm nicht gewinnen werde und der einen ganz klaren Rat für ihn hatte: Mach was Sinnvolles! Damit war die erste Welle vorbei. In dieser Zeit im Alter zwischen 18 und 20 Jahren hat er nicht nur zwischen 15.000 und 20.000 Euro verspielt. "Ich habe schon da das Vertrauen meines Bruders verloren, der mir bis heute nicht mehr traut", so Dirk N.

Fast 30 Jahre lang hielt Dirk N. stand, warf mal zwei Euro in einen Spielautomaten, mehr nicht. "Das hatte ich im Griff. " Dann kam die zweite Welle. Dann, vor drei Jahren, zog ihn das Onlineglücksspiel in seinen Bann und trieb ihn fast in den Ruin. "In den 30 Jahren dazwischen habe ich gut mit dem Geld gewirtschaftet und mir viele Rücklagen zum Beispiel durch Fonds gebildet. Davon ist heute fast nichts mehr übrig. Ich habe rund 55.000 Euro und damit so gut wie alle Rücklagen verspielt", gesteht Dirk N. ein. Durch Werbung im Internet kam er wieder mit dem Glücksspiel in Berührung. Erst schlug er nur freie Zeit tot. Schlussendlich spielte er auf zwei Dutzend einschlägigen Plattformen gleichzeitig. Die haben mich als Spieler mit hohen Einsätzen regelrecht bei der Stange gehalten. Deren Mechanismen sind wohl gewählt und locken mit Bonusspielen und Scheinbarangeboten. Ich war in all der Zeit zwischen lichten Momenten und Schatten bis hin zum totalen Realitätsverlust, hochgradig infiziert wie ein Junkie. Habe ich gewonnen, war ich im Gottmodus und habe gespielt. Habe ich verloren, habe ich auch gleich weitergemacht", beschreibt er seinen Zustand. Hunderte Stunden hat er, wenn er allein war, vor dem Computer zugebracht und ganze Nächte durchgespielt. "Ab und an habe ich meiner Frau tränenreich meine Verluste offenbart, doch aufhören konnte ich nicht", so Dirk N..

Vor einigen Monaten gelang es ihm dann doch die Reißleine zu ziehen. "Ich habe mich mit meiner Frau ausgesprochen, denn da waren so gut wie alle Reserven weg." Er beschloss sich Hilfe zu suchen und kam durch den Tipp einer Freundin zu Ulrike Wagner-Nawrath von der AH-Suchtberatungsstelle in der Rathenower Straße. "Ich kann die Arbeit hier gar nicht genug loben. Hier bekomme ich alles was ich brauche, um endlich ein suchtfreies Leben führen zu können."

Dirk N. weiß heute: "Es sind immer alles nur Ausreden, niemand schenkt Dir etwas und es liegt an einem selbst, etwas dagegen zu tun. Es gibt so viele Möglichkeiten in seiner Freizeit etwas Sinnvolles zu tun. Wer, wie ich, betroffen ist von einer Spielsucht, der sollte sich dringend Rat und professionelle Hilfe suchen und den Mut haben, in den Krater des Vulkans zu gucken. Das erspart Leid, Schaden und Vertrauensverluste bei der Familie und bei Freunden. Er ist sich sicher, dass er es schafft, den Verlockungen des Onlineglücksspiels fernzubleiben. "Das ist meine letzte Chance. Wenn ich es diesmal nicht schaffe, dann habe ich auch das Vertrauen meiner Frau verloren. Und das will ich auf gar keinen Fall riskieren. Und ich genieße die neue Freiheit und Stärke."

Onlineglücksspiel

Ist in Deutschland grundsätzlich illegal, mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, wo Werbung dafür erlaubt ist und so auch in die Medien und die anderen Bundesländer überschwappt.

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