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Ausstellung
Künstlerische Blicke auf den Mauerfall

Klaus D. Grote / 12.10.2019, 23:08 Uhr - Aktualisiert 21.10.2019, 17:28
Oranienburg (MOZ) Ines Witt hat ihre Erinnerung aufgemalt. Am 4. November gehörte sie zu den 500 000 Demonstranten auf dem Alexanderplatz.

Zusammen mit ihrem Kollegen Jochen steht die damalige Krankenschwester vorn in der ersten Reihe. Jochen hält ein Plakat mit der Forderung nach freien Wahlen hoch. Der Ruf "Wir sind das Volk", sei erst später aufgekommen, sagt Ines Witt. Sie habe damals im Krankenhaus Friedrichshain gearbeitet. Im Vorzeigehospital arbeiteten die besten Ärzte, die zu Kongressen in den Westen reisen durften. Zuletzt seien immer mehr Mediziner nicht mehr nach Ost-Berlin zurückgekehrt. "Die Unzufriedenheit wurde immer größer", sagt Ines Witt, die 1986 von Gransee nach Berlin gezogen war, weil sie nur dort mit ihrem Mann eine Wohnung fand.

Als sie zur Demo auf dem Ale­xanderplatz ging, war auch ihr Unmut so groß, dass sie etwas unternehmen wollte. Doch sie wurde von Angst begleitet. "Mein Mann blieb mit dem Kind zu Hause. Andere brachten ihre kleinen Kinder mit. Es hätte ja auch alles schiefgehen können", sagt Ines Witt. Stasi-Spitzel gab es im Krankenhaus, sie waren auch überall auf der Demo zu sehen. "Auch Nazis waren da", erinnert sich die damals 28-Jährige.

Von damals zu heute

Elf Monate später liegen sich die Menschen am Tag der Wiedervereinigung vor dem Brandenburger Tor in den Armen. Ines Witt zeigt auch dieses Bild auf der Kunstmesse Artroom, die am Sonntag um 14 Uhr im Oranienwerk eröffnet wird und sich dem Thema "Mauerfall – fallende Mauern" widmet. 32 Künstlerinnen und Künstler zeigen dazu sehr unterschiedliche Werke.

Pünktlich zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR hat Uwe Müller-Fabian aus Vehlefanz ein Bild gemalt, das Demonstranten und auch die Mauer zeigt. Doch das Bild stellt das Heute dar, die grölenden Horden marschieren mit ausgestreckten Händen nach rechts und halten Fahnen nach oben. Der Hass ist ihnen nicht nur in die hässlichen Fratzen geschrieben. Ihre Köpfe sind hohl, nach oben offen und einfach zu befüllen. Diese Darstellung erinnert an Karikaturen von Otto Dix, den Müller-Fabian als junger Mann persönlich kennengelernt hatte.

"Vermutlich wird man mich für das Bild anfeinden", sagt Müller-Fabian über das sehr politische Werk, dieses Stimmungsbild zum Herbst 2019. Doch Müller-Fabian lässt dem Betrachter Hoffnung. Die Europa wendet sich zwar verzweifelt ab und reitet auf ihrem Stier nach links weg. Sie hält sich aber während ihres Balanceaktes auf der Mauerkrone. Und versteckt ist die Uhr zu entdecken, deren Zeiger auf fünf vor zwölf stehen.

Graue Grenzsoldaten

30 Jahre alt ist ein Bild, das Müller-Fabian nach einem Besuch in Ost-Berlin malte. Am Grenzübergang Friedrichstraße sah er die Grenzsoldaten vor Häuserwänden. Auf dem Wächterhäuschen sitzt eine Taube. Damals habe sich niemand für das Bild interessiert, sagt Müller-Fabian. Als die Mauer fiel, war es das Sinnbild für die aufkeimende Hoffnung. Müller-Fabian konnte es mehrfach verkaufen.

Jetzt ist das Werk in der Ausstellung und auf dem Heft "Gestern, heute, morgen" zu sehen. Der Verein Kunstraum-Oranienwerk hat zur Ausstellung 23 Einnerungsgeschichten zusammengefasst. Während der Artroom ist das Heft gegen vier Euro erhältlich. "Den Erlös spenden wir", sagt die Vereinsvorsitzende Christiane Grintzewitsch.

Kein Kaffee mehr

Ihre Erinnerungen teilen unter anderem Hans-Joachim Laesicke, Volkmar Ernst, Friedemann Humburg und Bodo Becker, dessen Erzählung mit diesem Satz beginnt: "Wir haben keinen Kaffee mehr, Gertrud!". Das Vorwort hat Stadtarchivar Christian Becker verfasst. Einige Geschichten werden am 9. November in der Stadtbibliothek von den Autoren vorgetragen.

Zwei Wochen langausgestellt

Ab Sonntag bis zum 26. Oktober sind im Oranienwerk, Kremmener Straße 43a, die Bilder zum Thema "Mauerfall – fallende Mauern" mit Werken von 32 Künstlern zu sehen.  Geöffnet ist dienstags, donnerstags, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, freitags 18 bis 20 Uhr.

Zur Vernissage am Sonntag um 14 Uhr sprechen Sabine Obdensteinen vom Oranienwerk und Hans-Joachim Laesicke.⇥kd

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