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Interflug
DDR-Airline spendierte Stölln vor 30 Jahren ein Flugzeug

René Wernitz / 14.10.2019, 15:45 Uhr
Stölln (MOZ) "Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..." - West-Liedermacher Reinhard Mey sang vielen Menschen in der DDR aus dem Herzen. Wer es sich leisten konnte, sah vom Flieger aus die weite Welt von oben. Andere genossen die Freiheit aus beruflichen Gründen. Ein Viel- und Gernflieger ist bei Westhavelländern sehr bekannt geworden, das ist Heinz-Dieter Kallbach. Dieser Mann landete am 23. Oktober 1989 eine Maschine der DDR-Airline Interflug auf einem 860 Meter langem Stöllner Acker.

Heute wäre das wohl ein Unding: Man stelle sich vor, die Lufthansa würde etwa einen aus der Flotte auszumusternden Airbus mal eben verschenken. Vor 31 Jahren dachte Stöllns Bürgermeisterin Sybille Heling, dass es doch einen Versuch wert wäre, ihr Dorf durch ein echtes Flugzeug schmücken zu lassen. Schließlich ist Stölln in der Luftfahrtgeschichte kein x-beliebiger Ort.

Der Visionär Otto Lilienthal hob dort mehrfach mit selbstgebauten Gleitern vom Boden ab, das letzte Mal am 9. August 1896. Er stürzte ab, starb einen Tag später. Die US-Brüder Wright, die Konstrukteure des ersten Flugzeugs der Welt, wurden durch Lilienthal erheblich inspiriert.

Sybille Heling wandte sich mit ihrer kühnen Idee an den Interflug-Generaldirektor, der verwies sie an den damaligen Kulturbeauftragten Rolf Wagner. Der kam prompt zum Lilienthal-Fest in jenem Jahr. Damit begann im Grunde die Lande-Story.

Schon 1988 eröffnete Wagner der Bürgermeistern, dass Stölln eine ausrangierte IL-62 bekommen könnte -  kostenlos! Nur die Überführung sollten die Stöllner bezahlen. Zu Hauptsponsoren wurden die LPG-Pflanzenproduktion und die Milchviehanlage im Dorf. Deren damaliger Hauptbuchhalter war Horst Schwenzer.

14 Monate vergingen. Dann sollte ein 1973 in Dienst gestellter Jet ausgemustert und überführt werden. Einmal musste der Anflug nach Stölln wegen eines Fehlers der Rückschublandeklappen abgebrochen werden, ein zweites Mal wegen Nebels. Im dritten Versuch sollte es endlich klappen.

Am Steuer saß Heinz-Dieter Kallbach, der seine Fliegerlaufbahn 1957/58 als Pilot, damals noch bei der Armee, begonnen hatte. Inzwischen war dieser Flugkapitän auch Flottenchef der IL-62-Maschinen bei der Interflug. Er hatte im Landeanflug die Geschwindigkeit auf 260 km/h gedrosselt, um auf der extrem kurzen und naturbelassenen Landebahn überhaupt zum Stehen kommen zu können. Üblich für eine IL-62 waren 340 km/h. Die Maschine befand sich daher an der Grenze des Strömungsabrisses an den Tragflächen. Alles gut gegangen!

In eine riesige Staubwolke war das Flugzeug gehüllt, als es stoppte. Es war 13.03 Uhr. Sybille Heling und Horst Schwenzer, der nunmehr langjähriger Vorsitzender des Otto-Lilienthal-Vereins ist, waren natürlich Augenzeugen. Derweil kann die Landung vom 23. Oktober 1989 via Youtube nochmals angesehen werden. Und am Samstag, 26. Oktober, kommt es in Stölln zum Treffen der Protagonisten. Um 13.03 Uhr eröffnen Sybille Heling, Horst Schwenzer und Heinz-Dieter Kallbach das 30. Landefest neben der Iljuschin-62.

In die Jubiläumsparty eingebunden ist das Lilienthal-Centrum im Ortskern. Es gibt viel Musik, Show und zu erzählen. Der Eintritt ist frei. Doch freut sich der Otto-Lilienthal-Verein über jede Spende, die zur Pflege und zum Erhalt des Flugzeugs beiträgt. Zuletzt erhielt der Verein 1.000 Euro vom Landkreis Havelland. Mit dieser Summe war der Wirtschaftspreis 2019 in der Kategorie Tourismus dotiert.

Indes kann die Interflug niemand mehr für ihr Geschenk ehren, da es sie seit 1991 nicht mehr gibt. Wer mehr über die Airline erfahren will, ist in der Ausstellung "Unterwegs mit der Interflug" genau richtig, die im Stöllner Jet zu sehen ist.

Mehr Infos zum Landefest, zur IL-62, zu dortigen Eheschließungen und zum Lilienthal-Centrum gibt es auf www.otto-lilienthal.de sowie unter 033875/90690.

IL-62

Es ist nicht so, dass die 1958 gegründete DDR-Airline Interflug nur Stölln mit einer ausgemusterten Verkehrsmaschine beschenkte. Auf die Landung der Il-62 am 23. Oktober 1989 im havelländischen Stölln folgte am 16. November die Landung einer IL-18 in Borkheide (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Pech für die Initiatoren, die Flugpionier Hans Grade (1879-1946) in den Fokus rückten, dass der Mauerfall und die sich daraus ergebenen gesellschaftlichen Entwicklungen die Landung in Borkheide völlig in den Schatten stellten. Auch dort steht das Flugzeug sowjetischer Bauart noch. Im Vergleich zu einer 53 Meter langen Iljuschin (IL) 62 ist eine IL-18 mit ihren 35 Metern eher klein. Gravierendster technischer Unterschied ist die Motorisierung. Während an einer IL-18 je zwei Propeller an den Tragflächen für Schub sorgten, waren dafür an der IL-62 vier am Heck angebrachte Stahltriebwerke zuständig. Die IL-62 kam auch bei der Interflug auf Fernstrecken zum Einsatz, so etwa bei Flügen nach Kuba und Vietnam. 1989 war etwa ein Dutzend der IL-62 bei der Interflug im Einsatz.  Das Unternehmen wurde 1991 liquidiert bzw. abgewickelt. Viele Infos liefert die Ausstellung "Unterwegs mit der Interflug", die im Stöllner Flugzeug zu sehen ist. Ferner dient das Flugzeug als Standesamt. ⇥(rez)

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