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Mit Silber und Gold
Neu- und Altmeister des Ostbrandenburger Handwerks geehrt

Jacqueline Westermann / 19.10.2019, 11:47 Uhr - Aktualisiert 20.10.2019, 12:32
Frankfurt (Oder) (dpa) Kosmetikerin, Metallbauer, Zimmerer: vier Handwerkerinnen und 54 Handwerker aus Ostbrandenburg haben am Samstag in Frankfurt (Oder) ihre Meisterbriefe erhalten. Im vergangenen Jahr waren es 71 Jungmeister gewesen.

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Goldener Meisterbrief

Dass er mal den Goldenen Meisterbrief erhalten würde, hätte Karlheinz Lemme aus Ahrensfelde nie gedacht. „Es fühlt sich sehr besonders an, hier zu sein.“ In Halle gelernt, studierte er in West-Berlin. Dann kam die Mauer. In den staatseigenen Betrieben war er nicht gewollt. Also fing er wieder unten an, arbeitete sich hoch. „1967 konnte ich mich selbstständig machen – das war in der DDR selten und wurde dementsprechend beäugt. Meinen Kindern wurde ‚Kapitalistenkinder‘ in der Schule hinterhergerufen.“ Seine Frau Helga wirft ein: „Schrecklich! Aber wir wussten, dass andere unsere Arbeit wertschätzten.

Mein Mann sagte mir gleich von Anfang an: ‚Bei uns ist der Kunde König!‘ und das war so – zu jeder Zeit, auch sonntags,“ erinnern sie sich im Foyer der Konzerthalle in Frankfurt/Oder. 

Politik schätzt Handwerk mehr

Bei der „Meisterfeier der Generationen“ erhalten nicht nur die frisch-gebackenen Absolventinnen und -absolventen ihren Meisterbrief, sondern auch die „etablierten Meister“ werden „für ihre Verdienste“ der letzten 25 bzw. 50 Jahre im Meisterstand geehrt, erklärt Wolf-Harald Krüger, Präsident der Handwerkskammer Frankfurt (Oder). Er sieht eine Aufwertung des Handwerks auch durch die Politik. „Es ist schön, dass die Politik in den letzten fünf Jahren an vielerlei Stellschrauben gedreht hat, um dem Handwerk die gebührende Achtung zu schenken“, sagte Krüger am Samstag. Das habe in Brandenburg 2015 mit der Meistergründungsprämie angefangen und sich dann mit dem Meisterbonus und dem Azubiticket fortgesetzt.

Das Handwerk sei zudem froh, dass die Politik auch bereit sei, Fehler der Vergangenheit zu revidieren, sagte Krüger weiter. Als Beispiel nannte der 60-Jährige die zwölf Handwerksberufe, die ab dem nächsten Jahr wieder meisterpflichtig werden sollen. Einen Schwerpunkt bei der Nachwuchsgewinnung im Handwerk sieht Krüger in der dualen Ausbildung.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD), einer der Gäste bei der feierlichen Übergabe in der Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“, sagte, Handwerker würden überall händeringend gesucht. Es lohne sich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und selbst auszubilden. „Mit dem Meisterbrief in der Tasche gehört Ihnen die Zukunft“, rief der Minister den Jungmeisterinnen und Jungmeistern zu.

Handwerk muss sich digitalisieren

An das Handwerk appellierte Steinbach, das Thema Digitalisierung nicht auf die lange Bank zu schieben und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen zu sein. Modernste Technik biete dem Handwerk die Chance, Prozesse effizienter und nachhaltiger zu gestalten, sagte Steinbach. Was die Technik aber niemals ersetzen werde, sei die Leidenschaft der Handwerkerschaft für ihr Fach und ihre Fähigkeit, jedem Produkt den „letzten Schliff“ zu verleihen. Positive Nachrichten für das Handwerk hat Steinbach auch dabei: Sollte die Koalition zwischen SPD, CDU und Grünen zustande kommen, wird die Meistergründungsprämie beibehalten. Mit der fördert das Ministerium seit 2015 Unternehmensgründungen und -nachfolgen.

Koalition behält Meistergründungsprämie bei

Das Wirtschaftsministerium hatte 2015 die Meistergründungsprämie wieder eingeführt und in diesem Jahr die Zugangsvoraussetzungen noch einmal angepasst. Insgesamt wurden nach Angaben des Ministeriums 293 Anträge mit einem Gesamtvolumen von mehr als 2,5 Millionen Euro bewilligt. Mit diesem Instrument fördert das Wirtschaftsministerium Gründungen ebenso wie Unternehmensnachfolgen. Allein in Brandenburg stehen in den kommenden Jahren Tausende Unternehmensübergaben an.

24 Goldmeister und 59 Silbermeister

Die Handwerksweisheit „Lehrling ist jedermann, Geselle ist, der etwas kann, Meister ist, der etwas ersann“ hört man an diesem regnerischen Herbsttag mehrmals. Gespickt mit musikalischer Unterhaltung durch Lutz Müller an der Orgel und „Jugend musiziert“-Gewinnern „Duke Brass Band“ beginnt die Zeremonie mit den Goldmeistern. Stolz erklimmen die 24 anwesenden Meister die Bühne und nehmen die Goldenen Meisterbriefe entgegen. Es folgen 59 Silbermeisterinnen und -meister.

Jana Karbes Leistungen lassen aufhorchen. Sie führt nicht nur einen, sondern zwei Meistertitel seit 25 Jahren. Für die Meisterin des Bäcker- und Konditor-Handwerks aus Rüdersdorf war es damals „die logische Entscheidung, beides zu machen“, um so „ein Geschäft führen und ausbilden zu können.“ Auch Annett Schindler, Friseurmeisterin aus Fürstenwalde, ist stolz, dass sie schon so lange alles erfolgreich unter einen Hut bekomme. „Ich kann der nächsten Generation nur mitgeben: Bleibt motiviert und behaltet die Freude an der Arbeit, sonst war alles umsonst.“

Erst mitarbeiten, dann übernehmen

Dann ist es soweit: 55 der 62 Jungmeister und -meisterinnen sind anwesend und nehmen Handwerkskammer-Schal und Meisterbriefe entgegen. Niels Kunze aus Strausberg ist froh, dass die Anstrengungen der Kraftfahrzeugtechniker-Ausbildung hinter ihm liegen. Er will jetzt die Möglichkeiten des Meistertitels testen. Aber unbedingt in der Region. Genauso wie Neu-Installateur Max Rosentreter aus Letschin. Der jüngste Jungmeister des Jahrgangs ist glücklich über die Errungenschaft und blickt frohen Mutes in die Zukunft. Bei Christine Hamann aus Eisenhüttenstadt, jetzt Meisterin im Elektrotechniker-Handwerk, hingegen steht schon fest: der elterliche Betrieb wird’s. Erst mitarbeiten – dann übernehmen?

So lief es auch schon bei Goldmeister Karlheinz Lemme: Die Politik konnte es ihm nicht kaputt machen, die Mauer fiel und fast zehn Jahre später übergab er an die nächste Generation. Heute führt Sohn Andreas, Elektromeister, die Geschäfte in Ahrensfelde.

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