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Eine der fünf Routen nach Berlin startete am Dienstag in Seelow. Kräfte der Polizei sicherten den zwei Kilometer langen Konvoi ab.

Bauern-Demo
Bauern zeigen mit Sternfahrt Gesicht

Doris Steinkraus / 22.10.2019, 19:35 Uhr - Aktualisiert 22.10.2019, 19:53
Seelow (MOZ) Kurz nach 6 Uhr biegen die ersten Traktoren auf den großen Parkplatz des Seelower Einkaufzentrums ein. Neun Polizeiwagen stehen dort bereit, notieren die Kennzeichen. Und es werden immer mehr. Sie kommen nicht nur aus Region rund um Seelow, sondern auch aus Frankfurt, Jacobsdorf und anderen Betrieben des Nachbarkreises. Streckenführer Falk Zickerick vom gleichamigen Familienbetrieb aus Groß Neuendorf verteilt Aufkleber und Plakate, mit denen die Fahrzeuge dekoriert werden. Landwirte aller Strukturformen haben sich über die sozialen Netzwerke verabredet. Auf fünf Routen machen sie sich auf Richtung Berlin.

Kampf um ganzen Berufsstand

Zum ersten Mal findet eine ausschließlich von der Basis organisierte Aktion statt. "Wir ändern heute nichts mit der Demo, aber wir wollen erreichen, dass wir gehört werden", sagt Marnix van Damme, Milchbauer aus Platkow. "Das ganze Agrarpaket ist eine Fehlentscheidung, gefährdet unsere Zukunft."  Matthias Dosemann aus Booßen spricht aus, was viele verärgert und sie bewog, dabei zu sein: "Egal ob Fleisch, Milch oder andere Lebensmittel. Die werden von Landwirten produziert, von uns."  Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass alle möglichen Leute, vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGO), über Naturschutz, Umwelt und Tierwohl reden, aber die Bauern dabei nicht gehört werden, sieht es Klaus Hildebrandt aus Letschin. "Wir wollen heute zeigen, dass diese Landwirte ein Gesicht haben." Natürlich gebe es auch schwarze Schafe unter dem Berufsstand, so wie in allen Branchen. Doch sowie Verstöße bekannt werden, stünden sie tagelang als Skandalmeldungen ganz obenan bei den Medien, werde gleich der ganze Berufsstand in Mithaftung genommen. Von der Verunsicherung der Verbraucher ganz zu schweigen. Dabei würden die Bauern für volle Regale in Supermärkten sorgen, sei die Lebensmittelversorgung das ganze Jahr über ganz selbstverständlich gesichert.

Kurz vor 7 Uhr haben sich gut 38 Traktoren aufgereiht. Eine imposante Kulisse. Es ist ein Bruchteil der Gefährte der Landwirtschaftsunternehmen, die die Bestellung, Ernte und Tierversorgung sichern. Auch Werner Zellmer aus Wulkow bei Trebnitz ist dabei. "Ich habe mein Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet", erzählt er. "Es gab ja schon öfter Demos, aber dann war ich auf den Feldern im Einsatz. Jetzt als Rentner kann ich  mal dabei sein. Respekt für die, dass sie das auf die Beine gestellt haben." Angesichts der Flotte entscheidet Polizei-Einsatzleiter Jörg Ress, dass in Rüdersdorf-Tasdorf nicht, wie geplant, die B 1 verlassen wird. Die dort wartenden Traktoren müssen sich dem Konvoi nahtlos anschließen. Allein der Trupp, der sich kurz nach 7 Uhr von Seelow mit lautem Hupkonzert  aufmacht, ist gut einen Kilometer lang, wird  auf der Strecke immer länger.

Lange Staus hinter dem Konvoi

Hinter dem Tross bildete sich zwischenzeitlich in  Hoppegarten ein Stau, weil die Polizei den stadteinwärts führenden Verkehr am Neuen Hönower Weg ableitete. Und der ist im Gegensatz zur B 1/5 nur einspurig. Einige Kraftfahrer hatten von der Aktion nichts mitbekommen und wunderten sich über die Behinderungen auf der Strecke. Gegen Mittag erklärte die Polizei die Aktion in Berlin an der Siegessäule für beendet. Auch auf der Rücktour kam es durch die Traktoren am Nachmittag zu Stockungen. Die Bauernverbände Märkisch-Oderland und Oder-Spree hatten für die Teilnehmer zig Verpflegungsbeutel gepackt und literweise Kaffee-Thermoskannen gefüllt – "als moralische Unterstützung", so Ines Sennewald vom Bauernverband MOL.

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Ralf H. Janetschek 23.10.2019 - 11:35:48

Replik auf Peter Tiedke

Die nächste Demo mach die Bundeswehr mit Leopard-Panzern.

Ralf H. Janetschek 23.10.2019 - 11:33:59

Umbau der Landwirtschaft

Es ist an der Zeit, die Rahmenbedienungen in der Landwirtschaft in Deutschland so umzubauen, daß selbige ohne staatliche Subventionen auskommt. Daß dabei der weltweite Freihandel, auch Wirtschaftsliberalismus genannt, auf der Strecke bleibt ist ein zwingendes Übel (oder Notwendigkeit).

Peter Tiedke 23.10.2019 - 11:02:17

Wessen Gesicht?

Wenn sonst 1000 Leute in Berlin demonstrieren, bekommt man das nicht mit. Wenn aber mit schwerem Gerät die Zufahrtsstraßen nach Berlin für die in Berlin arbeitenden Pendler praktisch gesperrt werden, schon. Das war auch der erklärte Sinn der Demo. Dabei ging der Inhalt etwas unter. Dort demonstrierten Mitglieder und Sympatisanten (und/oder deren Angestellte) des Deutschen Bauernverbandes gegen die überfälligen Anpassungen der deutschen Landwirtschaftspolitik an die Erkenntnisse aus der Umwelt,- Gesundheits- und Klimaforschung. Gegen Glyphosatverbot, gegen die Änderungen der Düngeverordnung, die bisher den übermäßigen Stickstoffeintrag in die Natur nicht bremste und vor allem gegen die diskutierten Änderungen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Da gehrt es um viel Geld! 60 Milliarden Euro! Das soll in Zukunft zwar nicht weniger werden, aber mehr den kleinen und mittleren, umweltverträglicher wirtschaftenden Landwirten zugute kommen. Wer also hat ein Interesse an der seit Jahrzehnten praktizierten Blockadepolitik, die unsere Natur und auch die Äcker kaputt macht, und lauthals ein "Weiter so!" propagiert? Die Profiteure des bisherigen Systems, in dem die Agrarkonzerne den Löwenanteil abgreifen und für die kleinen und mittleren Betriebe die Brosamen übrig bleiben. Die protestierten derweil nämlich in Brüssel für eine deutlich radikalere Wende in der Vergabepolitik. Ebenfalls Bauern! Aber offensichtlich die mit einer Vision, wie Landwirtschaft nicht zur Zerstörung sondern zur Erhaltung unserer Umwelt beitragen kann. Die üblichen Vorwürfe an die Kritiker, sie hätten keine Ahnung, weil "Fleisch, Milch oder andere Lebensmittel .. die werden von Landwirten produziert, von uns." ist so alt wie falsch. Keiner von uns produziert Autos, Fernseher, Computer, Handys, Medizin etc. Und alle haben als Nutzer und von den Auswirkungen Betroffene natürlich ein Mitspracherecht und ein Interesse an klaren Regeln zu Nutzen und Schäden. Hinzu kommt, dass die Landwirtschaft in einer besonderen Verpflichtung steht: Sie erarbeiten ihren Gewinn, indem sie unsere Natur "ausbeuten". Das legt ihnen Pflichten auf, denn es handelt sich um die Lebensgrundlage unserer Kinder und Enkel! Selbstverständlich muß und wird sich auch zukünftig jeder das Recht nehmen können, einen Mißbrauch dieser Nutzung zu unterbinden. Biodiesel, "Energiepflanzen" und "Bio"-Gasanlagen, "Schädlings"-Bekämpfungsmittel und Megaställe mit ihren Auswirkungen auf die Äcker und die Umwelt gehören auf den Prüfstand der gesamten Gesellschaft und nicht auf den der Agrarkonzern-Lobbyisten. Genauso, wie die Atomkraftnutzung eigentlich auch nicht in die Hände der Aktionäre von RWE gehört. Frau Klöckner allerdings wird die Demo - so sie sie nicht selbst angeregt hat - sehr gefallen haben. Geriet sie doch in letzter Zeit erheblich in die Klemme bei der Suche nach Ausflüchten. Jetzt hat sie ein Stück "Volkes Stimme". Im Übrigen kann man nur hoffen, dass bei der nächsten Demo der Flugbegleiter und der Piloten, die nicht auch mit ihrem Arbeitsgerät kommen. Peter Tiedke 15328 Golzow

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