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Es ist ein Denkmal und liebevoll restauriert.

"Stadt Land Fluss"
Neuzeller Strohaus – ein Haus im Ehrenamt

Dorothee Schmidt-Breitung / 24.10.2019, 10:00 Uhr
Neuzelle Sabine Reichardt arbeitet als Bauingenieurin mit modernen Baumaterialien. In einer Firma für Fassadendämmung ist sie zuständig für das "Einpacken" von Häusern mit sogenannten Verbundsystemen. Diese bestehen aus modernen Materialien wie Polystyrol-Schäumen, Mineralwolle-Dämmplatten und Kunststoffputzen aus dem Eimer. Vielleicht braucht sie deshalb das historische Strohhaus in Neuzelle als einen Gegenpol, einen willkommenen Ausgleich. Ein Haus, wo nichts gerade ist und wo die Dämmung aus natürlichen Werkstoffen wie Lehmverputze, Holzbalken und einer Schilfrohrdeckung besteht.

Die Geschichte dieses Hauses geht noch auf die Barockzeit zurück. Der aus Böhmisch-Leipa stammende Tuchmachermeister Franz Flickschuh erbaute es im Jahr 1780 gemeinsam mit seiner Frau Maria. In der Stube, gleich rechts am Eingang, befand sich seine Werkstatt mit Webstuhl. Seit dieser Zeit wechselten mehrfach die Eigentümer.

Besonders beeindruckt die fast authentische Bewahrung der originalen Baustruktur. So vermittelt das Strohhaus mit seiner ursprünglichen Raumgliederung, der Schwarzen Küche im Zentrum des Hauses, den zahlreichen liebevoll restaurierten Details und natürlich der Schilfrohrdeckung mit Roggenstrohfirst, wie man im 18. Jahrhundert gelebt hat.

Ein Verein wird gegründet

1994 werden Sabine Reichardt und ihr Mann Lutz Schimke vom Restauratoren-Ehepaar Kühn angesprochen, einen Verein zur Rettung des Hauses mitzugründen. Irmgard und Dankwart Kühn erkannten frühzeitig den Schatz, welcher unter der blauen Plane verborgen war.

Als Sabine 1997 ihre Unterschrift unter den Aufnahmeantrag des gemeinnützigen Vereins "Strohhaus Neuzelle e.V." setzt, ist ihr zum Glück nicht im ganzen Ausmaße klar, was das bedeutet. Das Grundstück im Slawengrund 11 gehört der Gemeinde Neuzelle. Diese übergibt es dem Verein 1996 zur Instandsetzung, Pflege und Nutzung als Museum. Nun sind die Voraussetzungen geschaffen, und es beginnt die Restaurierung des Strohhauses mit Nebengelass. Am 12. Oktober 2001 wird das Gebäude als  "Strohhaus Neuzelle, Museumshof ländlicher Alltagskultur" eröffnet.

Sabine Reichardt erwähnt in diesem Zusammenhang sehr viele Namen: von Förderern, fachlichen Unterstützern und vielen Enthusiasten. Vor allem aber ist es sie selbst, die zeigt, was ehrenamtliches Engagement vermag. Sie kann sich noch gut an die ersten Aufbaustunden erinnern. So werden im August 1996 in einem Großeinsatz die alten Schilfrohrschichten des Daches abgedeckt. "... irgendwie war alles gleichzeitig, man war jung, etablierte sich im Beruf, bekam Kinder, baute sein eigenes Nest, fand Freundschaften, entdeckte die Welt und engagierte sich ehrenamtlich für ein altes Haus ..."

Der Geruch der Vergangenheit

Ihre enge Beziehung zum Haus beschreibt Sabine Reichardt so: "Schon wenn ich durch die Tür gehe, ist es so, als ob ich in eine andere Zeit eintauche. Ich versuche, auch gerade den jungen Museumsbesuchern zu vermitteln, wie man hier früher gelebt hat. Ich zeige ihnen die kleinen Stuben mit den Bettwinkeln, die Vorratskammer mit dem schmalen Abgang zum Keller. Viele können es sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie noch bis 1930 zwei Familien mit rund einem Dutzend Kindern in diesem Haus gewohnt haben.

Und dann dieser Geruch, der ist typisch für alte Häuser. Wenn ich in den Keller steige, um von dort unten die kühlgestellten Sachen hochzuholen, dann erinnere ich mich sofort an meine Kindheit." Für Sabine Reichardt riecht es wie bei der Großmutter, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester die Kartoffelferien (Herbstferien) verbringen durfte. Vermutlich mag sie das Strohhaus daher so sehr.

Das Haus mit Leben füllen

Der Verein will das Strohhaus nicht nur als Museum betrachten, sondern als einen Treffpunkt für die Menschen aus Neuzelle und Umgebung. Seit 2001 gibt es sieben Vortragsabende im Jahr, die Irmgard Kühn mit viel Engagement organisiert, zumeist zu regionalgeschichtlich interessanten Themen. Sabine Reichardt bereitet diese Veranstaltungen vor: vom Aushängen der Plakate über die kulinarische Versorgung und das Begrüßen der Gäste bis hin zum Begleiten durch den Abend. Dann gibt es noch den Frühlings- und den Herbstmarkt, die Spinnstube, immer wieder Neues zur oderwendischen Tracht und den Adventsabend.

Ganz eng ist das Strohhaus mit der Ostereier-Ausstellung verbunden. Die Hälfte der jährlichen Besucherzahlen wird in diesen acht Wochen erreicht. Im April 2019 fand tatsächlich die 19. Ostereierausstellung statt. Sabine Reichardt erinnert sich: "Es muss tatsächlich noch in der Bauphase gewesen sein, als Herr Keller und seine Frau die ersten Ostereier ausgestellt haben." Mittlerweile sind das jedes Jahr über 600 Exemplare; insgesamt hat das Paar etwa 3000, auch aus dem Ausland. Sabine Reichardt hat Familie Keller ein Ei aus Singapur mitgebracht. Sie macht oft Führungen durch das Museum. Im Zentrum steht die Schwarze Küche. Ein fensterloser Raum, bis zum Fußboden mit massiven Rußkrusten an den Wänden. Darüber erhebt sich trichterförmig ein Rauchschlot mit Schornstein und Blick in den Himmel. Bei gutem Wetter ist man erstaunt, wieviel Licht durch den Schornstein auf den massiv gemauerten Herd scheint. In der Schwarzen Küche greift sie gern zur Ofengabel. "Sie führt uns zurück in die Geschichte des Heizens, des Kochens und der Essgewohnheiten." Als es in der Schwarzen Küche nur ein Feuerloch gab, mussten die Töpfe wegen der Hitze mit den Ofengabeln angefasst und transportiert werden. Sozusagen die Vorgänger der Topflappen. Sabine Reichardt demonstriert es bei ihren Führungen: "Es waren immer zwei Topfgabeln vorhanden, eine für die kleinen Töpfe und eine für die großen Töpfe. Man hat die Zinken der Gabeln passgenau in die Henkel der Töpfe hineingeführt und der Topf konnte bewegt werden."

Eine Frage des Engagements

Zu den "Mühen der Ebene" gehört, das Haus von Anfang März bis Ende Dezember offen zu halten – fünf Tage in der Woche, von Mittwoch bis Sonntag. Sabine Reichardt betont, dass solch ein Projekt nur in Zusammenarbeit mit der Gemeinde  zu realisieren sei. Bis Ende 2018 hat diese über sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Öffnung des Museums absichern können. Das Jahr 2013 war dennoch dramatisch, da es damals für Sabine keine Hilfe gab. Ihre Schwiegermutter war schwer erkrankt, und sie musste sehr viele Wochenenden im Strohhaus die Stellung halten. Zum Glück konnte man noch im selben Jahr Heidi Seume für das Ehrenamt gewinnen, 2014 wurde dann Theresia Karge als "aus öffentlicher Hand finanziertes Aufsichtspersonal" eingestellt. "Wir brauchen neben den zahlenden Vereinsmitgliedern auch weitere Menschen, die uns unterstützen." Sie hofft auf Synergieeffekte. Sie merkt, dass die Besucher über ihren Einsatz staunen, und beobachtet, dass sich plötzlich auch andere nützlich machen und freiwillig mithelfen. Dafür ist sie dankbar. Auf die Frage, ob das ehrenamtliche Engagement irgendwann schwinden wird, gibt sie eine für sie sehr typische Antwort: "Ich bin ein optimistischer Mensch!"

Epilog

Mittlerweile halten in Deutschland 23 Millionen Freiwillige große Bereiche des öffentlichen Lebens aufrecht – in 4,6 Milliarden unbezahlten Stunden pro Jahr.  Es sind vor allem die vielen kleinen Initiativen, die ohne dienstbare Geister nicht überleben würden. Wer aber kann sich ein Ehrenamt leisten? Wahre Superheroes aus der Nachbarschaft – nämlich diejenigen, die über ein gesichertes Einkommen verfügen, belastbar und stets auf Abruf bereit sind. (Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger dürfen nur bedingt ehrenamtlich tätig sein.) Ergo: Für das Ehrenamt sollte man unbedingt gern arbeiten, denn es rechnet sich nicht und ist unbezahlbar. Frei nach dem Motto  "Verschenke Deine Zeit und werde reich", wie das 2016 gegründete Ehrenamtszentrum Beeskow meint.

Das Regionalmuseum auf der Burg Beeskow

Unter dem Titel "Stadt Land Fluss" blickt das Regionalmuseum der Burg Beeskow aus neuer Perspektive auf unsere Kulturlandschaft. Dazu haben sich Prof. Steffen Schumann von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung, Journalistin Tina Veihelmann, Historikerin Kristina Geisler, Wolfgang de Bruyn als Herausgeber des Kreiskalenders, Fotograf Andreas Batke und Burgdirektor und Kulturamtsleiter Arnold Bischinger auf Spurensuche im Landkreis begeben. Ergebnisse dieser Suche sind die Ausstellung auf der Burg und das dazugehörige Kursbuch, der Kreiskalender, der am 6. Dezember vorgestellt wird. "Stadt Land Fluss" ist nach "Wegen Inventur geöffnet" der nächste Schritt zu einer neuen Dauerausstellung des Regionalmuseums. Die Märkische Oderzeitung stellt einige der entdeckten Spuren vor. Mehr davon kann man dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr auf der Burg entdecken. ⇥red

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