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Mit seinem Herbstfest wirbt der Bahnhof in Jamlitz für mehr Offenheit und Akzeptanz.

Herbstfest
Das Leben "auf die Kette" kriegen – auf dem Bahnhof Jamlitz

Alkoholfreie Erfrischungen: Auch für das leibliche Wohl ist auf dem Herbstfest im Bahnhof Jamlitz gesorgt.
Alkoholfreie Erfrischungen: Auch für das leibliche Wohl ist auf dem Herbstfest im Bahnhof Jamlitz gesorgt. © Foto: Michael Heider
Michael Heider / 27.10.2019, 17:00 Uhr
Jamlitz (MOZ) Züge fahren längst nicht mehr am Bahnhof Jamlitz. Im alten Empfangsgebäude ist an diesem Freitag dennoch einiges los. Die Bildungsstätte Justus Delbrück Haus, die Akademie für Mitbestimmung, die seit über mehr als zehn Jahren das Gelände nutzen, feiern Herbstfest.

Die Musik dröhnt bereits aus den Lautsprechern. Auch am Kickertisch wird bereits gefordert. Mit dem Fest wollen sie einladen und Vorurteile bezüglich Jamlitz abbauen, erklärt Einrichtungsleiterin Anett Quint. Sie will zeigen: "Wir gehören zum Dorf und haben eine klare Haltung. Wir sind nicht alles AfD-Wähler." Wenn sie "wir" sagt, meint sie auch die Bewohner des Bahnhofs. Sechs jungen Männer biete das Projekt Landeinwärts momentan eine Wohnung. Auch sie stellen sich heute vor. "Jugendliche mit belasteten Biografien", so Quint. "Ihnen soll hier die Möglichkeit gegeben werden, aus der Stadt herauszukommen."

Belastete Biografien

Belastete Biografien wie jene von Dave. Der 29-Jährige wohnt zum zweiten Mal in dem Wohnprojekt im Bahnhof. Bereits mit 14 sei er endgültig von zu Hause abgehauen. Zurück ließ er ein gewalttätiges Umfeld. Insgesamt verbrachte er mehr als acht Jahre auf der Straße, strandete in Berlin. Auf das Wohnprojekt in Jamlitz stieß er 2014, womit er zum "Urschleim" gehöre, wie er sagt. "Ich habe versucht, mein Leben auf die Kette zu bekommen." Gerade mache er eine Ausbildung zum Sozialassistenten in Fürstenwalde. In Jamlitz habe er Leute, "mit denen man sprechen kann." Auch bei Behördengängen würde ihm unter die Arme gegriffen.

Wie wichtig diese Aufmerksamkeit ist, weiß auch Wolfgang Lichtner. Der technischer Mitarbeiter ist "für Haus und Hof" zuständig. Heute führt er über das Bahnhofsgelände. In der Küche drängt es sich bereits um die reich mit Kuchen gedeckten Tische. "Draußen ist es etwas ruhiger", sagt er und geht hinaus zum Gartenbeet und den Kleintierställen. Beide werden mit den Bewohnern zusammen betrieben. "Dass ein bisschen Struktur reinkommt", so Lichtner. Für viele sei der Bahnhof denn auch eine willkommene "Tankstelle zwischendurch". "Sonst fühle sich ja keiner für die verantwortlich."

Im Erdgeschoss befinden sich Seminarräume, die sonst für Schulungen genutzt werden. Heute dienen sie unter anderen den "Momos" dazu, sich den Festbesuchern vorstellen. Als Organisation von Jugendlichen für Jugendliche setzen sie sich dafür ein, Straßenkindern, eine Stimme zu geben. Auch vermitteln sie Jugendliche an Landeinwärts. Momo Flo, der heute Rede und Antwort steht, war selbst einst Bewohner des Bahnhofs. "Hier konnte ich zu mir selber finden", sagt er. Vom Herbstfest erhofft er sich eine "breitere Akzeptanz in der Bevölkerung."

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