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Heimatgeschichte
Ketzin im Aufbruch der 60er Jahre

Ketzin erlebte in den 60er Jahren einen Aufschwung.
Ketzin erlebte in den 60er Jahren einen Aufschwung. © Foto: Helmut Augustiniak
Helmut Augustiniak / 03.11.2019, 08:15 Uhr
Ketzin/Havel In den vergangenen 150 Jahren hat Ketzin/Havel drei Perioden einer grundlegenden Veränderung in der Wirtschaftsstruktur durchlebt. Das war einmal die Zeit der Ziegelproduktion und die damit verbundene Zuwanderung von Arbeitskräften aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, sowie die Zeit der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die eine Ansiedelung und ein Entstehen neuer Betriebe und produzierender Genossenschaften brachte. Als dritte Periode kann die Zeit nach der Wende betrachtet werden. Die produzierenden Betriebe gibt es nicht mehr, der Tourismus hat eine dominierende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung bekommen.

Georg Franke, ehemaliger Direktor des Untergrundspeichers Ketzin/Havel, hat sich in seinem kürzlich gehaltenen Vortrag mit der zweiten Etappe befasst. Aktiv war er am wirtschaftlichen Aufbau in Ketzin/Havel beteiligt - nicht nur am Aufbau "seines" Betriebes, sondern auch an der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens. Seit 1965 hat er Tagebuch über seine Arbeit und die damit im Zusammenhang stehende gesellschaftliche Entwicklung in Ketzin geführt.

1963 begann im Ketziner Ortsteil Paretz mit der Bildung der Vereinigung Volkseigener Betriebe Tierzucht eine rasante Entwicklung. Hier befand sich die Leitung der gesamten Tierzucht–Güter der DDR. 1964/65 wurden 54 Wohnungen für die Mitarbeiter, die aus der gesamten Republik kamen, gebaut. Als modernes Führungsinstrument dieser Kommandozentrale entstand ein Organisations- und Rechenzentrum mit 42 Mitarbeitern, deren Zahl sich in der weiteren Entwicklung bis auf 196 erhöhte.

Insgesamt waren in den neun größten Betrieben der Stadt 800 Arbeitsplätze geschaffen worden. Die dafür benötigten Arbeitskräfte konnten aus der Stadt und dem Kreis nicht zur Verfügung gestellt werden. Um diese Defizite auszugleichen, wurden zwei große Wohnkomplexe neu errichtet. So entstanden die Fontanesiedlung zwischen Ketzin/Havel und Paretz und der Wohnkomplex am Mühlenweg.

Das Ereignis des Gasausrittes aus dem Untergrundspeicher Ketzin/Havel in der Ortslage Knoblauch, der die vollständige Evakuierung des Dorfes zur Folge hatte, machte die Errichtung weiteren Wohnraums nötig. Dadurch wurde die Ansiedlung der Arbeitskräfte für die Sicherung einer Geflügelproduktion in vier Standorten der LPG Knoblauch geschaffen.

Von 1964 bis 1971 stieg die Einwohnerzahl in Ketzin/Havel von 4.179 auf 4.995. Beschäftigt waren sie vor allem im Untergrundgasspeicher, dem ersten seiner Art in der DDR, im neuen Kraftfuttermischwerk, das aus der Zuckerfabrik entstand, in der LPG "Otto Grotewohl" mit ihren neuen Produktionsstätten, der VVB Tierzucht und dem VEB Organisations- und Rechenzentrum Tierzucht Paretz.

Es waren zum überwiegenden Teil junge Familien. Das hatte zur Folge, dass für deren Kinder Kindergarten- und Schulplätze geschaffen werden mussten und für die Eltern Freizeitangebote. Am Mühlenweg entstanden eine neue Schule, eine Kinderkrippe und ein Schulhort. Zur Versorgung der Bevölkerung entstanden Kaufhallen an den beiden neuen Wohnkomplexen. Ihre freie Zeit verbrachten die Ketziner in mitgliederstarken Sport- und Anglervereinen. Zur besseren Versorgung mit frischem Obst und Gemüse entstanden mehrere Kleingartensparten.

Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren Aufbruchsjahre für das Leben in der noch jungen DDR. Doch nur solche Gesellschaftsordnungen überleben, die ihren Bürgern ein befriedigendes Leben ermöglichen. Die Staatsideologie und die Planwirtschaft der DDR schafften das nicht. Der 40. Jahrestag der DDR war gleichzeitig ihr Todestag.

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