Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Behördenfehler?
Hannes aus Hangelsberg: Jetzt prüft das Ministerium den Jugendhilfe-Fall

Diese Tafel haben Freunde von Hannes in Kirgisien zur Erinnerung an ihren verstorbenen Freund gebastelt.
Diese Tafel haben Freunde von Hannes in Kirgisien zur Erinnerung an ihren verstorbenen Freund gebastelt. © Foto: Mathias Hausding
Mathias Hausding / 04.11.2019, 06:30 Uhr - Aktualisiert 04.11.2019, 09:16
Hangelsberg (MOZ) Die Auseinandersetzung um einen tragisch verlaufenen Jugendhilfe-Fall in Oder-Spree hat eine neue Stufe erreicht.

Seit Monaten steht der Vorwurf im Raum, das Jugendamt habe gegen den Willen eines Kindes und seiner Mutter falsche Entscheidungen getroffen. Nun hat sich das zuständige Ministerium eingeschaltet. Man prüfe den Komplex auf mögliche Fehlentscheidungen der Kreisverwaltung, sagte ein Sprecher des Jugendministeriums.

Im April hatte diese Zeitung erstmals über die Vorwürfe von Ines Semisch-Graßmann berichtet, der Mutter des vor einem Jahr gestorbenen Hannes. Der als schwierig geltende Junge war früh am Bildungssystem gescheitert, galt mit 13 als unbeschulbar. Letzte Rettung war ein Auslandsprojekt in Kirgisien. Vom Jugendamt begleitet, sorgten der Aufenthalt in einer Gastfamilie und der Unterricht in Bischkek für Besserung. Hannes stand dort mit 16 ein Jahr vor einem auch in Deutschland geltendem Abschluss.

Doch dann brach das Jugendamt Oder-Spree die Maßnahme ab – gegen den Willen von Hannes und seiner Mutter. Der Junge scheiterte nach seiner Rückkehr erneut am hiesigen Umfeld und am Schulsystem. In seiner Verzweiflung geriet er an Drogen. Auch wegen einer bis dahin nicht bekannten Muskelerkrankung starb er im Herbst 2018 an den Folgen des Konsums.

Warum wurde das Projekt abgebrochen? Und war das fachlich richtig? Darauf will nun das Ministerium Antworten. Die Ausübung der Rechtsaufsicht diene auch dazu, Vorgänge aufzuarbeiten und künftiges Verhalten zu steuern, so der Ministeriumssprecher. Es habe Ende Oktober "einen sehr vertrauensvollen Austausch" mit der Mutter des Jungen gegeben. Zu den Inhalten des Gespräches und dazu, wann das Ergebnis der Überprüfung vorliegen könnte, wollte der Sprecher nichts sagen.

Fall von großer Bedeutung

Dass bei dem Gespräch mit Volker-Gerd Westphal der zuständige Abteilungsleiter des Ministeriums dabei war, zeigt in jedem Fall, dass dem Vorgang große Bedeutung zugeschrieben wird. Ines Semisch-Graßmann sagt über die Unterredung: "Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das Ministerium drei Punkte für bedeutsam hält, die auch mir wichtig sind." So teile man im Ministerium die Einschätzung, dass Hannes bei der Frage des Zeitpunkts seiner Rückkehr ein Mitspracherecht gehabt habe. Darüber hinaus sei es wichtig, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und den Neustart des Jungen in Brandenburg genau planen. Und schließlich sei das Jugendamt verpflichtet, auf geeignete Art zu helfen, wenn es nach der Rückkehr zu Problemen kommen sollte.

In allen drei Punkten sieht Ines Semisch-Graßmann erhebliche Pflichtverletzungen durch das Jugendamt. "Ich suche keinen Schuldigen. Ich will, dass das aufgeklärt wird und die Kreisverwaltung zu ihren Fehlern steht", sagt die Mutter. Der bisherige Umgang der Behörde mit dem Fall sei eine einzige Enttäuschung. Ihre Kritik richtet sich auch gegen Landrat Rolf Lindemann (SPD) und dessen Krisenmanagement. "In öffentlichen Äußerungen zum Thema etwa im Kreistag bedauert er nur sich selbst und sein Team. Für mich als trauernde Mutter gibt es keine Wertschätzung. Stattdessen berichtet der Landrat öffentlich aus vertraulichen Gesprächen mit mir. Ich denke, er tut das, um mich in ein schlechtes Licht zu rücken", sagt Ines Semisch-Graßmann.

Disziplinarverfahren gefordert

Die Mutter verlangt bereits per Online-Petition die Ablösung des Landrats. Weil Lindemann ihrer Meinung nach gegen den Datenschutz verstoßen habe, indem er vertrauliche Gesprächsinhalte öffentlich gemacht habe, fordert sie nun auch ein Disziplinarverfahren der im Innenministerium angesiedelten Kommunalaufsicht gegen den Landrat.

Das Büro des Landrats ließ Anfragen dieser Zeitung mit der Bitte um Stellungnahme unbeantwortet. Lindemann hatte bereits im Oktober ausrichten lassen, dass er zu dem Fall keine Pressefragen mehr beantworten werde. Grundsätzlich verweist er darauf, dass die Entscheidung des Amtes, das Auslandsprojekt zu beenden, vom Oberverwaltungsgericht bestätigt wurde.

Auch vielen Kreistagsabgeordneten genügt das nicht. Am 14. November steht der Fall Hannes erneut auf der Tagesordnung des Jugendhilfeausschusses. "Es gibt viele offene Fragen. Wir Fachpolitiker hoffen auf Antworten der Verwaltung", sagt Ausschuss-Chef Stephan Wende (Linke). Es gehe darum, aus möglichen Fehlern zu lernen und die Jugendhilfe gegebenenfalls zu verbessern.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG