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Mauerfall
Gerry Hofmann war als Weihnachtsmann auf der Mauer

Marco Winkler / 12.11.2019, 07:02 Uhr - Aktualisiert 12.11.2019, 19:01
Kremmen (MOZ) Ein NVA-Soldat steht mit einem Weihnachtsmann auf der Mauer, im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen. Gerry Hofmann aus Kremmen hält das Foto in der Hand, das diese Szene zeigt. Er hat es sich rahmen lassen. "Das war 1989, wenige Tage nach der Nachricht vom 9. November", erinnert sich der heute 66-Jährige. Den genauen Tag kann er nicht mehr benennen. Ost und West waren noch durch löchrigen Beton getrennt. Gerry Hofmann war der Weihnachtsmann auf der deutsch-deutschen Grenze.

Er wohnte zu der Zeit in Frohnau, fuhr im Lkw Gemüse-Touren für den Großmarkt in Moabit. Mit zwei Freunden machte er sich nach der historischen Nachricht auf zur Grenze. "Warum ich das Kostüm mit Rute, Maske und allem Drum und Dran dabei hatte, weiß ich nicht mehr. Es war wohl ein Zufall." Es war vor allem seine Eintrittskarte auf die an immer mehr Stellen bröckelnde Mauer. Der NVA-Soldat wollte ihn zunächst nicht aufs 1961 errichte Grenzwerk lassen. Gerry Hofmann rief ihm zu: "Aber ich bin doch der Weihnachtsmann!" Es funktionierte. "Er meinte dann: Okay, aber nur für zehn Minuten." Seine beiden Freunde – als Fan der Werner-Comics nennt er sie Werner eins und Werner zwei – setzten die Räuberleiter an, Hofmann ergriff die Hand von Werner eins, die ihn nach oben zog. Der Weihnachtsmann war auf der Mauer. Was folgte, war keine politische Ansprache. Er und einer seiner Werner-Freunde hielten ein Banner der Autozeitschrift "Chrom & Flammen" hoch. "Mit meinen Autos war ich da zehnmal vertreten", erzählt er heute stolz. Die Reklame verbreitete er Richtung Westen. "Der NVA-Mann meinte, ich soll sie doch auch dem Osten zeigen. Beide Seiten jubelten."

Es ist Gerry Hofmanns persönliche Wende-Erinnerung. Der Aktionskünstler, wie er sich nennt, sitzt in seinem ausgebauten Bungalow und blättert Fotos durch, bringt Struktur in sein Leben. Erinnerungen, die für zahlreiche Memoiren reichen würden. Als uneheliches Kind kam der gebürtige Bayer für elf Jahre in ein Heim. Er sei immer wieder abgehauen, habe Deutschland zu Fuß bereist, im Wald gelebt, Gänseblümchen gegessen, in einer Brauerei gearbeitet. 1971 kam er nach Westberlin, fand Arbeit als Kraftfahrer. "Als die Mauer fiel, wurde ich arbeitslos", sagt er. "Ossis haben mich ersetzt, die waren wohl billiger", mutmaßt er.

1991 folgte der Umzug nach Leegebruch. Aus praktischen Gründen: Seine Corvette mit sieben Zentimetern Bodenfreiheit umschiffte dort die schlaglochgeplagten Straßen Oberhavels am besten. Er war Besitzer der Kneipe "Gerrys bleifreies Bier" in Hennigdorf, verkaufte Scherzartikel und Faschingskostüme. Immer wieder schraubte er an Autos, nahm an Rennen teil. Es ist seine Leidenschaft. Und sein Ersatz für eine "geklaute Kindheit", wie er sagt.

2004 kam es nach zwei Ehen – "eine Frau war aus dem Westen, die zweite aus dem Osten" – zu einer weiteren Wende in seinem Leben: Das selbst ausgebaute Haus in Leegebruch brannte samt seinen Erinnerungen nieder.

Gerry Hofmann blickt zurück. Auf die Freundin, die ihn nach sieben Jahren betrogen hatte, auf zwei Herz-OPs, auf ein bewegtes Leben voller Freuden und Tiefpunkte. Er erinnert sich an seine ganz eigene Mauer: 1988 baute er mit Freunden eine aus Flensburger Bierkästen, direkt vor das Brandenburger Tor. "Aus Protest." Er lacht, wenn er davon erzählt. Doch Traurigkeit durchdringt immer wieder seine Erzählungen. Dem einstigen Weihnachtsmann von der Mauer fehlt eine Person, mit der er seine Erinnerungen teilen kann.

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Zentimeter Bodenfreiheit hatte Gerry Hofmanns alte Corvette. Weil in Leegebruch die Straßen ebener waren, zog er 1991 in den Ort nahe Oranienburg.

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