Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Die Zahl der Empfänger von "Alters-Hartz-IV" im Barnim ist in zehn Jahren um 15 Prozent gestiegen. Etliche würden von der Grundrente profitieren.

Altersarmut
Wenn die Rente nicht reicht

Zu wenig zum Leben im Monat
Zu wenig zum Leben im Monat © Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Viola Petersson / 13.11.2019, 06:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) Bundesweit sollen Experten zufolge 1,2 bis 1,5 Millionen Ruheständler von der Grundrente profitieren, auf die sich die Große Koalition nunmehr verständigt hat. Auch im Barnim dürften eine Vielzahl von Rentnern in den Genuss kommen. Sie wären dann nicht mehr auf Stütze vom Amt, auf die sogenannte Grundsicherung, angewiesen.

Im vorigen Jahr waren es im Kreis Barnim 1628 Rentner, die Leistungen des Sozialamtes bezogen. Ihre Alters- oder Erwerbsminderungsrente reicht nämlich nicht zum Leben aus. Damit, so hatte jüngst die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisiert, sei die Zahl der Bedürftigen innerhalb von zehn Jahren um immerhin 15 Prozent gestiegen. 2008 erhielten 1415 Barnimer Grundsicherung.

Auch Bedarfsniveau gewachsen

Mit Blick auf diese Entwicklung warnte Sebastian Riesner, Geschäftsführer der NGG-Region Berlin-Brandenburg, noch vor wenigen Tagen vor Altersarmut und forderte eine "rentenpolitische Kurskorrektur". Sprich die Einführung einer Grundrente, und zwar ohne Bedürftigkeitsprüfung. Zumal die amtlichen Zahlen lediglich "die Spitze des Eisbergs" zeigen würden. Denn nicht wenige Senioren, die aufgrund ihrer Mini-Rente eigentlich Anspruch auf Grundsicherung hätten, schrecken aus Scham vor einem Antrag zurück.

Für die "kontinuierlich lineare Entwicklung der Anspruchsberechtigten", sprich die steigenden Fallzahlen, gibt es laut Kreisverwaltung ein ganzes Bündel an Gründen. Sprecher Oliver Köhler verweist auf Anfrage auf die demografische Entwicklung, ein sinkendes Rentenniveau, "gebrochene Erwerbsbiografien", steigende Mieten und Preise sowie auf "Frühverrentungen". Zu den Berechtigten, so Köhlers Hinweis, würden auch Behinderte gehören, die in Werkstätten arbeiten. Der Anteil der Altersrentner an den insgesamt auf Sozialhilfe Angewiesenen liege bei 30 Prozent.

Ohne Grundrente würde die Zahl weiter anwachsen. Denn einige Hundert Barnimer, die aktuell Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Grundsicherung für Arbeitssuchende) beziehen, also Hartz IV, würden in den nächsten Jahren die Altersgrenze erreichen. Laut Statistik des Jobcenters Barnim ist die Zahl der älteren Arbeitslosen ab 55 Jahren im Vergleich zum Vormonat minimal gesunken. Mit derzeit 665 liegt sie aber über dem Vorjahresniveau.

Der Anteil der hilfebedürftigen Rentner an der Gesamtzahl der Ruheständler bewegt sich zwar auch im Barnim wie in ganz Brandenburg im einstelligen Prozentbereich (bundesweit sind es etwa 3,3 Prozent), gleichwohl befürchtet Riesner einen Anstieg des Armutsrisikos. Eine entscheidende Ursache für die dürftigen Renten sieht der NGG-Geschäftsführer in den "niedrigen Einkommen".

Dass diese Gefahr sehr real ist, widerspiegelt sich auch im "Bedarfsniveau". Das sei im Barnim in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. 2017 war in einem Bericht des Landratsamtes sogar von einer Verdopplung der Aufwendungen für Menschen außerhalb von Einrichtungen seit 2006 die Rede. Im Schnitt erhalten Barnimer deutlich mehr als 400 Euro Sozialhilfe.

Gerade Alleinstehende betroffen

Zugleich weist Köhler auf einen "engen kausalen Zusammenhang mit dem Anspruch auf Wohngeld" hin. Grundsicherung  sei eine sogenannte nachrangige Leistung. Viele Leistungsberechtigte erhielten nach Wohngeldreformen Wohngeld und würden dadurch den Anspruch auf Grundsicherung verlieren. Dies hatte jüngst auch Marco Schwipper, Leiter der Eberswalder Wohngeldstelle, bestätigt. Er rechnet für 2020, wenn die Wohngeldsätze erhöht werden, mit einem neuerlichen Anstieg der Bezieher von Wohngeld. Von den 1625 Wohngeldempfängern im Kreis 2018 waren immerhin 1109 Rentner.

Besonders hoch ist der Unterstützungsbedarf unter alleinstehenden Senioren, wie Köhler und Schwipper unisono feststellen. Darunter, eine Spezifik des Ostens, DDR-geschiedene Frauen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG