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Selbstverteidigung
Eine Ode an die Achtsamkeit

Thorsten Elge entdeckte seine Liebe zur Kampfkunst WingTsun in den frühen 80er-Jahren, als er sich mit seinem Bruder im Märkischen Viertel prügelte.
Thorsten Elge entdeckte seine Liebe zur Kampfkunst WingTsun in den frühen 80er-Jahren, als er sich mit seinem Bruder im Märkischen Viertel prügelte. © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 16.11.2019, 08:45 Uhr
Hennigsdorf/Oranienburg (MOZ) Die Geschichte beginnt vor rund 300 Jahren in der chinesischen Provinz. Die Protagonisten: ein hübsches Mädchen, ein notorischer Schläger und eine buddhistische Nonne, die ihren Körper als Waffe einzusetzen weiß. "Yim Wing Tsun sollte unter Gewaltandrohung verheiratet werden", erzählt Thorsten Elge die Legende, die bis zu ihm, ins Hennigsdorf des Jahres 2019, reicht. Als das Mädchen auf dem Markt Tofu verkaufen will, lernt es die Nonne Ng Mui kennen. Sie bringt ihrer Schülerin eine Kampfkunst bei, mit der sie ihren gewalttätigen Verfolger in die Flucht schlagen kann. "Diese Technik wurde später WingTsun genannt", sagt Elge. Er unterrichtet die Kampfkunst der Selbstverteidigung in Hennigsdorf, Oranienburg und Falkensee.

Seit 1999 ungebrochener Zulauf

Herbst. Nieselregen. Ein schlecht beleuchteter Hinterhof an der Parkstraße in Hennigsdorf. Hier lehrt Thorsten Elge in einem Raum mit gelben Wänden und hellbraunem Parkett seine instinktive Verteidigung. Die lizenzierte Vertragsschule der Europäischen WingTsun-Organisation (EWTO) leitet er seit 1999. "2003 ist die Akademie in diese Räumlichkeiten gezogen."

Der Zulauf ist ungebrochen. Die Gründe, warum Menschen zu ihm kommen, hätten sich jedoch verändert. "Früher war es für viele nur ein Hobby." Heute höre er vermehrt: "Ich muss mich schützen können, weil ich mich nicht mehr sicher fühle." Vorfälle im Bekanntenkreis, Nachrichtenmeldungen, Verwandte, die Geschichten erzählen: Das alles führe Menschen aller Altersklassen zu ihm. Trotz seit Jahren sinkender Kriminalitätszahlen nehme die gefühlte Unsicherheit zu. Nur hart zuzutreten, das lernen die Teilnehmer der Kurse allerdings nicht. "Wir machen keinen Kampfsport, ich lehre Selbstbehauptung", sagt Thorsten Elge, dem man seine 53 Lebensjahre nicht ansieht.

Automatismus antrainieren

"Das Allerwichtigste ist die Achtsamkeit", sagt er. Seine Augen leuchten. Er ist in seinem Element, kann vermitteln, Wissen und Erfahrungen. "Wenn ich nicht mitbekomme, dass ich angegriffen werde, nützen alle weiteren Schritte kaum noch etwas." Er will deshalb den Instinkt trainieren, die Aufmerksamkeit erhöhen.

In seinen Kursen für Kinder setzt er Klammern ein, die an die Rücken der jungen Teilnehmer geklemmt werden. Sie müssen dann vermeiden, dass ihnen jemand unbemerkt so nah kommen kann, dass er es schafft, die Klammer abzureißen. "Das schult auch das periphere Sehen." Sein praktisches Beispiel: Wer am Bahnsteig steht, sollte mitbekommen, ob sich jemand nähert, der ihn unvermittelt vor die Gleise schubsen könnten.

Sicher, ein durch aktuelle Meldungen waghalsiges Beispiel. "Aber genau darum geht es: aufmerksam sein, sich selbst nicht unbewusst in gefährliche Alltagssituationen bringen. Der dunkle Park muss ja auch nicht direkt angesteuert werden."

In der Wettkampfkunst könne sich jeder vorbereiten, den Gegner studieren. "Auf der Straße geht das nicht. Man weiß nie, wo und wann ein Angriff erfolgt, wie stark der Gegner ist." Genau in solchen Momenten müsse man sich aus dem Bauch heraus verteidigen können, um "die eigene Haut zu retten".

Thorsten Elge, gelernter Informatiker, will aber keine Angst schüren. Panik führt zu Furcht, und die ist kontraproduktiv. Die Kinder mit den Klammern sollen eben nicht mit dem Rücken zur Wand durchs Leben gehen, sondern lernen, genauer und intensiver ihre Umgebung zu betrachten, vorausschauender zu agieren. "Es muss ein Automatismus werden." Thorsten Elge vergleicht das mit einem Auto. Sämtliche dort vorhandenen Sicherheitsaspekte (Air-Bag, Gurt, Sicherheitsglas) sollten – im übertragenen Sinne – im eigenen Bewusstsein verankert sein. Erst danach komme die eigentliche Selbstverteidigung aus Kung-Fu-Schritten und Tritten, die gerne auf männliche Genitalien abzielen.

Nicht zimperlich sein

Thorsten Elge lehrt, laut zu sein. Die Stimme zu erheben. Zu deeskalieren. Besonders Frauen dürften sich nicht scheuen, in gefährlichen Situationen zu brüllen. Wenn der Angreifer Schläge einsetzt, muss dieser Angriff möglichst effizient beendet werden.

Zimperlichkeit ist fehl am Platz, wenn es um die eigene Sicherheit geht. "Wer sich schützen will, muss die Gefahr schnell bändigen." Weil viele zu langsam oder gar nicht reagieren, hat der Angreifer immer einen Vorteil. Er hat das Überraschungsmoment auf seiner Seite.

Seit 2003 unterrichtet Elge WingTsun hauptberuflich. Er ist ein Meister dieser Kampfkunst, die übersetzt "Ode an den Frühling" heißt. "Ich mache das seit 1982", sagt er, "als der Begriff noch ein Fremdwort war." Er redet schnell, steht auf, führt Übungen vor, redet weiter, springt zu seiner Jugend. Als Teenager ist er in einem Comic über Berichte zu WingTsun gestoßen. "Bruce Lee hat diesen Kung-Fu-Stil in den 1970er-Jahren berühmt gemacht. Mit den melodramatischen Momenten samt über Baumkronen tänzelnder Kämpfer aus Filmen wie "Crouching Tiger, Hidden Dragon" habe das nichts zu tun. Thorsten Eger bevorzugt die erfolgreiche Filmreihe "Ip Man" aus Hongkong über den gleichnamigen WingTsun-Meister, dessen Schüler Bruce Lee war. "Wobei der dritte Teil nicht so gut ist."

Realismus von Bruce Lee

"Schon Bruce Lee hat in seinem Filmen gezeigt, wie realistisch die Kampfkunst aussehen kann." Als Jugendlicher, auf der Suche nach einem passenden Trainer, hat er sich viele verschiedene Kampfrichtungen angeguckt. "Es waren einige Spinner dabei", erinnert er sich.

Er stieß auf unseriöse Angebote. "Alle meinten nur, sie machen Karate. Aber keiner konnte etwas über die Stilrichtungen sagen, wenn ich nachgefragt habe, was für eine Art Karate." Der Junge, aufgewachsen im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf, fand seine Berufung in den Lehren eines chinesischen Mädchens, das sich vor 300 Jahren gegen einen Schläger verteidigen musste.

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