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Ausbildung
Eltern auf Probe

Markus Kluge / 16.11.2019, 16:00 Uhr - Aktualisiert 20.11.2019, 10:29
Neuruppin (MOZ) Ihre Worte klingen bedauernd: "Das wird bestimmt schrecklich, wenn das Baby heute um 12 Uhr wieder abgeschaltet wird", sagt Celina Krüger. Die 18-Jährige und ihr Freund Nick Liese waren für eine Woche Eltern auf Probe. Ihr Kind war dabei eine computergesteuerte Babypuppe, die ihnen trotz schlafloser Nächte  unerwartet irgendwie doch ans Herz gewachsen ist.

Celina Krüger und Nick Liese absolvieren eine Ausbildung zum Sozialassistenten bei der Anerkannten Schulgesellschaft (ASG), ehemals Agus/Gadat, an der Alt Ruppiner Allee in Neuruppin. Im Rahmen des Unterrichts wird den Schülern dort auch die Theorie im Umgang mit Neugeborenen und Kleinkindern vermittelt. "Das ist ein Pflichtprogramm, was sie später in Kitas können müssen", sagt Petra Schmollack, die an der ASG unter anderem das Fach Babypflege unterrichtet. Wie Eltern aber wissen: Die Theorie im Umgang mit Kleinkindern ist das eine, die Praxis aber oft etwas ganz anderes.

Pflicht in der Ausbildung

Damit die angehenden Sozialassistenten eine Ahnung davon bekommen, was beruflich und vielleicht irgendwann privat auf sie zukommt, wird dem Thema eine ganze Projektwoche gewidmet. In der geht es auch um die Entstehung des Lebens, die Geburt, die Pflege des Säuglings, die richtige Ernährung und Kinderkrankheiten. Mindestens fünf Schüler haben zudem die Chance, eine Art Eltern-Praktikum zu absolvieren. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin werden den Schülern fünf Baby-Simulatoren zur Verfügung gestellt. "Die Schüler können sich dann entscheiden, ob sie das Kind zwei oder vier Nächte mitnehmen wollen", so Schmollack.

Und diese lebensgroßen Puppen eines bis zu drei Monate alten Säuglings haben es in sich. Alle haben mit einer Größe von 53 Zentimetern und einem Gewicht von 3,5 Kilogramm nicht nur reale Maße. Alle sind auch unterschiedlich programmiert. Seine Eltern erkennt das Roboterbaby anhand eines Chips, den die Eltern am Handgelenk tragen müssen. Wie ein echtes Kind können die Puppen durch verschiedene Geräusche deutlich machen, was ihnen fehlt. Der Baby-Simulator muss gefüttert und gewickelt werden. Nach dem Essen möchte er im Arm liegen und gewiegt werden. Ist alles in Ordnung, gluckst die Puppe zufrieden. Wird sie falsch behandelt, liegt sie nicht richtig oder hat sie Hunger, reagiert sie mit Schreien. Auch wenn das Köpfchen nicht haltend von den Eltern unterstützt wird, meldet sich das Roboterbaby, dessen Sensoren zudem alle Details der Versorgung aufzeichnen, die nach der Elternzeit ausgelesen und ausgewertet werden.

"Für uns war das am Anfang sehr schwierig", räumt Celina Krüger ein. Sie und ihr Freund hatten sich für eine Puppe mit dunklen Haaren entschieden, die vom Jugendamt auf den Namen Kim getauft wurde. Bei ihren Probe-Eltern heißt die Puppe Hailey. "So würde ich auch meine Tochter nennen", sagt die 18-Jährige. "Bei einem Jungen wäre der Name James gewesen", ergänzt Nick Liese. Die Schwierigkeit sei zu Beginn gewesen, herauszufinden, was das Kind hat. Anstelle von Worten gab es ja nur Geräusche, die Eltern schnellstmöglich deuten können müssen. "Nach dem ersten Tag ging es", so die Probe-Mutter. Besonders hart seien die Nächte gewesen. Alle drei bis vier Stunden schrie die Puppe, weil sie mit Flasche – die wie alle wichtigen Utensilien ebenfalls gechipt sind – gefüttert werden wollte oder einfach nur Nähe brauchte. Das aber auch nicht regelmäßig oder zu planbaren Zeiten. An einem Abend wollte Celina Krüger eigentlich um 20 Uhr zu Bett gehen. Die Puppe hat ihr dabei aber eine Strich durch die Rechnung gemacht und sie bis 23 Uhr auf Trab gehalten. Den Simulator einfach abschalten geht nicht. Ihn zu ignorieren auch nicht.

Hilfe von echten Eltern

"Unsere Eltern haben uns dabei auch sehr unterstützt", sagt der 20-Jährige. Sie haben das Paar während des Eltern-Praktikums sogar mit etwas gebrauchter Kinderkleidung, einer Babyschale und mit einem Kinderwagen ausgeholfen. "Und meine Mutter hat sogar gesagt, ich soll mich mal um ihre Enkelin kümmern", sagt Nick Liese. Dass sie allerdings so einen Aufwand mit einer Puppe betrieben haben, hätte ihnen beispielsweise beim Einkaufen im Supermarkt auch viele fragende Blicke einbracht. Denn die Puppe war wie ein Kind immer dabei, es gehörte plötzlich zum Alltag. "Für ältere Leute waren wir komisch", so Celina Krüger.  In ihre Rolle als Eltern haben sich die beiden Schüler aber gut eingefunden. "Als wir Hailey einen Abend einer Mitschülerin einmal mitgegeben haben, war das echt merkwürdig. Ich konnte gar nicht richtig schlafen", erklärt die 18-Jährige, die den Baby-Simulator tatsächlich vermisst hat.

Stolz auf die neue Erfahrung

Celina Krüger und Nick Liese sind stolz darauf, die Eltern-Erfahrung für ein paar Tage gemacht zu haben. "Ich habe es mir auch ungefähr so vorgestellt", sagt Celina Krüger, die die Puppe wirklich lieb gewonnen hat und auch über deren Kopf streichelt und sie wärmt. Dass sie diese wieder abgeben muss und das Kind "abgeschaltet" wird, bereitet ihr aber irgendwie auch ein komisches Gefühl. Dass sie selbst einmal Eltern werden, können sich die beiden Löwenberger nach dem Test sogar noch besser vorstellen. Aber nicht sofort: "Nee, das können wir jetzt noch nicht bringen", sagt Nick Liese. Beide wollen erst ihre Ausbildung erfolgreich abschließen und sich vielleicht dann darüber Gedanken machen, wann sie eine kleine Familie gründen. In den Tagen des Praktikums sieht es in der Schule auf den ersten Blick so aus, als hätte es einen Babyboom gegeben. Viele Schüler tragen die Kinderpuppen bei sich als wären es echte Babys: sie streicheln über deren Köpfchen und reden mit ihnen. Alles läuft vielleicht etwas ruhiger, liebe- und rücksichtsvoller als sonst. "Das tut uns aber auch als Schule gut. Wir sind stolz darauf, dass wir eine solche Haltung vermitteln", sagt Petra Schmollack. Denn neben der Theorie für den Beruf lernen die Schüler dabei noch viel über sich selbst und das Leben, das ihnen noch bevorsteht.

Die Babysimulatoren

Die Idee, ungewollten Teenagerschwangerschaften mit programmierbaren Puppen vorzubeugen, stammt von einem amerikanischen Ehepaar. Der erste Babysimulator wurde 1993 entwickelt. Inzwischen sind diese Puppen unter dem Markennamen RealCareBabys bekannt. In Deutschland wurde Mitte der 1990er Jahre im niedersächsischen Delmenhorst das erste Projekt mit den Puppen mit dem Titel "Babybedenkzeit-Elternpraktikum" aufgebaut. Jugendliche ab 14 Jahren sollen dabei die Möglichkeit bekommen, sich mit den Elternsein und der damit verbundenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Dabei lernen sie erste Handlungsstrategien für Eltern, denn der Säuglingssimulator kann durch einen eingebauten Computer die Bedürfnisse eines realen Babys simulieren. Weitere Informationen zu den Puppen gibt es online unter der Adresse www.babybedenkzeit.de.Hinweise zur Ausbildung zum Sozialassistenten in Neuruppin gibt es online unter agus-gadat-schulen.de. ⇥red

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